musicals (Foto: Dominik Lapp)
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Die Fachzeitschrift „musicals“ schreibt sich in der Krise ab

Die seit 35 Jahren erscheinende Fachzeitschrift „musicals – Das Musicalmagazin“ hat jüngst auf ihrer Webseite bekannt gegeben, dass aufgrund der coronabedingten Theaterschließungen vorerst keine weitere Ausgabe erscheinen wird. In diesem Rahmen wurden zwei Aussagen getroffen, die nur schwer nachvollziehbar sind. Musicalschaffende sind deshalb zum Teil fassungslos. Zu Recht.

„Wie bereits im Dez./Jan.-Heft angekündigt, wird es keine »musicals«-Ausgabe für Februar/März 2021 geben. Durch die Schließung aller Theater am Broadway, im West End und im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es keine aktuellen Aufführungen, über die man berichten könnte und ausschließlich mit allgemeinen Beiträgen lässt sich kein Heft zufriedenstellend füllen. Selbst Interviews werden zunehmend schwieriger, denn worüber soll man mit Darstellerinnen und Darstellern sprechen, die seit nahezu einem Jahr nicht mehr auftreten dürfen und auch nicht wissen, wann sie endlich wieder vor Publikum spielen können? So bleibt uns nur die Hoffnung, dass bald ein wenig Normalität eintritt, die Theater wieder öffnen und wir etwas Spannendes zu berichten haben!“

Redaktion „musicals – Das Musicalmagazin“

Es ist schon ein starkes Stück, dass ausgerechnet die erste deutschsprachige Fachzeitschrift, die sich dem Genre Musical gewidmet hat, nach 35 Jahren beweist, dass die Redaktion unflexibel sowie unkreativ ist und – das ist eigentlich das Schlimmste daran – auch noch der gesamten Branche, über sie sie seit mehr als drei Jahrzehnten berichtet, in der Corona-Krise die Relevanz abspricht.

Hätte die Redaktion geschrieben, dass aus finanziellen Gründen vorerst keine Ausgabe produziert werden kann – wohl jeder hätte das nachvollziehen können. Denn ein Printmagazin finanziert sich nicht nur durch Einzelverkauf und Aboerlöse, sondern auch durch Anzeigenumsatz. Und dass zurzeit nur wenige Theater und Veranstalter Anzeigen schalten, betrifft aktuell viele Medien.

Dass die Redaktion der „musicals“ jedoch behauptet, dass es aufgrund geschlossener Theater zurzeit nichts zu berichten gäbe, ist schlicht und ergreifend falsch. Vielmehr ist es doch so, dass Kulturschaffende seit Beginn der Corona-Pandemie vor einem Jahr äußerst kreativ und umtriebig geworden sind. Theater streamen ihre Produktionen im Internet, Künstlerinnen und Künstler geben Streaming-Konzerte, produzieren Videoclips, veröffentlichen neue CDs, schreiben Songs und arbeiten an eigenen Musicals. Sie nutzen die Zwangspause, um sich kreativen Projekten zu widmen, für die früher, als sie noch täglich auf der Bühne gestanden haben, einfach weniger Zeit war. Und ausgerechnet jetzt behauptet die „musicals“, es würde nichts zu berichten geben? Das ist unglaublich.

Ja, die Theater am Broadway, im West End und im deutschsprachigen Raum sind geschlossen. Damit hat die „musicals“-Redaktion natürlich Recht. Aber das Genre ist deshalb nicht tot, es gibt genug zu berichten. Aus dem West End wurden und werden Musicals gestreamt, wie zuletzt zum Beispiel „42nd Street“ oder „Kinky Boots“, das Curve Theatre in Leicester hat eine atemberaubende Hybridproduktion von „Sunset Boulevard“ gestreamt, bei der Theater und Film hervorragend miteinander verschmolzen sind. Das WDR Funkhausorchester hat ein mit Bettina Mönch und Dominik Hees prominent besetztes Musical-Konzert gestreamt, Musicaldarsteller Patrick Stanke streamt alle zwei Wochen zu einem anderen Thema aus dem heimischen Wohnzimmer, in den Niederlanden läuft jeden Sonntag eine Musical-TV-Castingshow, in der Pia Douwes die Hauptdarstellerin für das Musical „The Sound of Music“ sucht. Auch etliche Broadway-Musicals fanden schon den Weg auf die digitale Bühne. Dass Deutschlands älteste Musical-Fachzeitschrift, die normalerweise international berichtet, behauptet, es würde aktuell nichts geben, über das man berichten könnte, ist ungeheuerlich.

Porträt Dominik Lapp (Foto: Ruben Silberling)

Noch ungeheuerlicher ist aber die von der Redaktion aufgeworfene Frage, worüber das Magazin mit Darstellerinnen und Darstellern sprechen soll, wenn diese doch seit einem Jahr nicht mehr auf der Bühne stehen. Zunächst einmal ist das faktisch falsch, denn es gibt nicht wenige Künstlerinnen und Künstler, die während der Pandemie durchaus zu arbeiten hatten und haben, im Sommer vor Publikum auftreten durften, aktuell für neue Produktionen proben, die auf die Bühne kommen sollen, sobald die Theater wieder öffnen dürfen oder regelmäßig für Livestreams und Aufzeichnungen auf der Bühne stehen. Nicht wenige Künstlerinnen und Künstler streamen, schreiben und entwickeln, was das Zeug hält. Da gibt es so viele Themen, über die man sprechen könnte – dank Videocalls ist das mittlerweile auch coronakonform möglich.

Eine Fachzeitschrift wie die „musicals“ könnte aber diese Krise auch endlich einmal nutzen, um das eigene Konzept zu überdenken und wichtige Themen anzugehen – zum Beispiel, dass Livemusik im Musical immer mehr an Bedeutung verliert, dass es in der Musicalbranche immer wieder zu sexueller Belästigung, Nötigung und Machtmissbrauch kommt, dass es erhebliche Unterschiede bei Gagen für Künstlerinnen und Künstler gibt, dass es an Stadt- und Staatstheatern das Problem der so genannten Nichtverlängerung gibt, dass es in der Musicalbranche – vor allem im deutschsprachigen Raum – immer noch kein Colour-blind Casting gibt. Darüber hinaus gibt es so viele künstlerische Projekte, über die man in Reportagen, Porträts und Interviews berichten könnte.

Gerade jetzt wäre doch die Zeit für aufwändigere Recherchen, insbesondere wenn eine Redaktion wie die der „musicals“ international mehr als 30 Autorinnen und Autoren schreiben lässt. Dass man sich aber stattdessen mit geschlossenen Theatern herausreden möchte, offenbart zwei grundlegende Probleme: Zum einen ist das Konzept der „musicals“ – den Fokus vor allem auf Rezensionen zu legen – extrem antiquiert und im Zeitalter von sozialen Netzwerken überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Die Menschen interessieren sich immer weniger für Rezensionen – das mussten auch schon große Tageszeitungen erfahren. Denn kulturaffine Menschen informieren sich heutzutage auf anderen Wegen über neue Stücke. Man muss diese Zielgruppe deshalb anderweitig erreichen, mit anspruchsvollen journalistischen Inhalten. Zum anderen zeigt es aber auch, dass eine vermeintliche Fachzeitschrift nicht mehr ist als eine Fan-Postille, für die das Genre Musical nur zu existieren scheint, wenn es bunt und laut in geöffneten Theatern stattfindet. Das Musical ist aber nicht Glitzer und Glamour, sondern das wohl vielseitigste und vitalste Genre des Theaters. Und gerade jetzt in dieser Krise wird das wieder einmal allzu deutlich. Musical ist systemrelevant, auch wenn Theater geschlossen sind.

In der Corona-Krise wird aber auch deutlich: Wenn man die Redaktion der „musicals“ nicht mit Pressekarten locken kann, scheint das angeblich so geliebte und geschätzte Musicalgenre nicht zu existieren. Eine Fachzeitschrift schreibt sich und ihr Themengebiet ab. Ist das nicht traurig? Nein. Es ist armselig.

Text: Dominik Lapp

TRANSPARENZHINWEIS | Der Autor dieses Kommentars war von 2009 bis 2019 selbst als Autor für die Fachzeitschrift „musicals“ tätig, hat die Tätigkeit aber auf eigenen Wunsch aufgegeben, um sich verstärkt seiner Arbeit als Veranstalter, Zeitungsjournalist und Herausgeber von kulturfeder.de zu widmen.

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" sowie die Streaming-Konzerte "In Love with Musical" und "Musical meets Christmas".

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