Kultur (Foto: Dominik Lapp)
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Auch in Krisenzeiten: Kultur ist systemrelevant

Mindestens 70 Kunstwerke aus aller Welt wurden im Oktober dieses Jahres auf der Museumsinsel Berlin mutwillig beschädigt. Betroffen sind unter anderem Sarkophage aus dem alten Ägypten aber auch Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Die willkürliche Auswahl der betroffenen Objekte lässt dabei vermuten, dass es sich bei dieser Aktion weniger um eine politisch motivierte Tat, als vielmehr um blinde Zerstörungswut und Vandalismus handelte. Andernorts beklagt die Polizei im Rahmen von Kontrollen der geltenden Corona-Regeln Übergriffe auf Beamte durch Anhusten und Anspucken. Die Bedrohung auf Kommunalpolitiker in Deutschland nimmt zu und prominente Virologen sind auch im privaten Bereich auf Polizeischutz angewiesen. Auf dem Friedhof Ohlsdorf wird die Grabanlage des beliebten Schauspielers Jan Fedder beschädigt.

Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, mag sich fragen, ob sich im Schlepptau der Pandemie gar nicht so still und heimlich ein gewisser Verfall gesellschaftlicher Normen vollzieht. Hass und offen ausgelebte Aggression scheinen mehr und mehr zum Ventil einer kollektiv aufgestauten Frustration und Unzufriedenheit zu werden. Befinden wir uns neben einer wirtschaftlichen auch in einer akuten gesellschaftspolitischen Krise, in der Fake-News, Verschwörungstheorien und Selbstoptimierung althergebrachte kulturelle Werte überlagern?

Bereits in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts formulierte der französische Philosoph Albert Camus folgenden Gedanken: „Denn wenn man an nichts glaubt, wenn nichts Sinn hat und es keine Werte mehr gibt, dann ist alles erlaubt und nichts hat Bedeutung“. Es ist also wieder einmal höchste Zeit, Werte an sich zu definieren und über deren Gültigkeit zu ringen und zu streiten.

Gerade in Krisenzeiten sind kultureller Austausch und eine öffentlich geführte Wertedebatte unverzichtbar. Wir brauchen Menschen, die uns mit ihrer Kunst, mit ihren Ideen, Gedanken und Provokationen aufrütteln und fordern. Wir brauchen diese Menschen, die mit ihrer oft als weltfremd belächelten Sensibilität und ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten dazu beitragen, den gesellschaftlichen Diskurs zu hinterfragen und zu beeinflussen. Wir brauchen Theater, Museen und Orte der kulturellen Bildung. Was banal klingt, wird derzeit deutlich: Eine Gesellschaft ohne Kultur läuft Gefahr, aus dem Ruder zu geraten.

Text: Dominik Grimm

Unser Gastautor Dominik Grimm ist Leiter der Musikschule Niedergrafschaft.

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