Stage School (Foto: Dominik Lapp)
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Zu Besuch in der Stage School Hamburg: So läuft die Musical-Ausbildung in Corona-Zeiten

Die Corona-Pandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Von der neuen Situation und den Verordnungen besonders stark gebeutelt ist die Veranstaltungsbranche. Doch wie läuft in diesen Zeiten, in denen Theater geschlossen und Events verboten sind, eigentlich die Ausbildung zur Musicaldarstellerin? Seit Januar 2021 darf die Stage School in Hamburg, die älteste und bekannteste private Musical-Talentschmiede Deutschlands, wieder Präsenzunterricht anbieten. Aber nicht alles ist wie vor der Pandemie.

220 Schülerinnen und Schüler werden in der Stage School von 64 Dozierenden in 28 Räumen unterrichtet, die sich auf 4.000 Quadratmetern verteilen. Neben den Unterrichtsräumen und Schulbüros gibt es außerdem ein hauseigenes Tonstudio, einen großen Umkleide- und Duschbereich, eine zurzeit geschlossene Sauna sowie ein eigenes Fitnessstudio.

In einem Hamburger Hinterhof begann es

Was vor 35 Jahren in einem Hinterhof begann, entwickelte sich schnell zu einer Erfolgsgeschichte. Immer mehr junge Menschen wollten sich in allen Disziplinen des Showbusiness ausbilden lassen, neue Gebäude musste gemietet werden, bis die Stage School schließlich im Jahr 2013 an ihren jetzigen Standort, nicht unweit des Bahnhofs Altona, umzog. Seit 2016 verfügt die Schule mit dem First Stage sogar über ein eigenes Theater in der direkten Nachbarschaft.

„Dass wir das Theater haben, erweist sich gerade jetzt in der Corona-Pandemie als absoluter Glücksfall“, sagt Dennis Schulze, der selbst Absolvent der Stage School ist und mittlerweile für das Schulmanagement und als Produktionsleiter im First Stage verantwortlich zeichnet. „Außerdem bin ich der Corona-Beauftragte im Haus.“ Da das Theater zurzeit geschlossen ist, können die Räumlichkeiten dort als zusätzliche Unterrichtsräume genutzt werden. „Weil wir Abstände einhalten und Gruppen verkleinern mussten, benötigen wir mehr Platz“, erklärt Dennis Schulze. So finden im First Stage nun der Schauspiel- und Chorgesangsunterricht statt. „Auch der Stundenplan musste entsprechend ausgeweitet werden“, so Schulze. „Der Unterricht beginnt jetzt früher, endet später und der Samstag ist als zusätzlicher Unterrichtstag dazugekommen.“

Schulbetrieb wurde coronakonform gestaltet

Es war ein richtiger Kraftakt, den Schulbetrieb coronakonform zu gestalten. „Aber es funktioniert sehr gut, weil Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrenden gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagt Dennis Schulze. „Es gleicht hier einem Hochsicherheitstrakt“, fügt Annett Bär, am Haus für das Marketing zuständig, mit einem Augenzwinkern hinzu. Damit spielt sie auf die vielen Regeln an. Denn wer die Stage School betritt, muss sich regelmäßig einem Corona-Schnelltest unterziehen – die Kosten von sechs Euro pro Test trägt die Schule. Außerdem herrscht auf den Fluren, in Gemeinschafts- und Sanitärräumen Maskenpflicht, Abstände müssen penibel eingehalten werden.

Stage School (Foto: Dominik Lapp)

Auch in den Unterrichtsräumen gibt es Regeln. „Beim Tanzunterricht müssen zweieinhalb Meter Abstand eingehalten werden“, erklärt Dennis Schulze. „Weil die Be- und Entlüftungsanlage permanent läuft, darf beim Tanzen aber immerhin auf die Maske verzichtet werden.“ Damit sich Schülerinnen und Schüler möglichst nicht auf den Fluren begegnen, wurden die Unterrichtseinheiten gestaffelt. Wo früher zwischen diesen Einheiten junge Menschen eng an eng auf den Fluren saßen, miteinander quatschten, sich dehnten und aufwärmten, herrscht heute gähnende Leere. Die Sitzmöglichkeiten wie alte Theatersessel oder ein großes Sofa wurden rausgeschafft – vom früheren Schulalltag ist nicht mehr viel übrig.

Man geht gern Kompromisse ein

„Trotzdem sind alle hier im Haus dankbar, dass der Unterricht fortgeführt werden kann“, weiß Dennis Schulze. „Da geht man auch gern Kompromisse ein.“ Einer dieser Kompromisse ist die neue Klassenzusammenstellung. Weil Klassen nicht durchmischt werden dürfen, sind die Schülerinnen und Schüler nicht mehr nach Leveln eingeteilt. Schulze führt dazu weiter aus: „Früher war es so, dass man in der Tanzklasse mit ganz anderen Leuten zusammen war als in Liedinterpretation, weil jemand vielleicht im Tanz schon weiter war als im Gesang. Aber diese Level-Einteilung ist nicht mehr möglich, solange die Klassen nicht mehr durchmischt werden dürfen.“ Doch das sei verkraftbar, weil man glücklich sei, überhaupt Präsenzunterricht anbieten zu dürfen, wo andere Musicalschulen komplett auf digitale Lehre umgestiegen seien.

Für den Schulmanager sei es eine Bereicherung, so sagt er, junge Talente zu fördern. Diese Förderung soll auch Absolventinnen und Absolventen zugutekommen, die im vergangenen Jahr ihren Abschluss an der Stage School gemacht haben. „Wer letztes Jahr den Abschluss gemacht hat, hatte unter Umstände noch keine Chance, richtig in den Job zu starten und hatte auch sonst keine Möglichkeit, zu trainieren, zu tanzen oder Gesangsunterricht zu nehmen, weil alles geschlossen war – selbst die Fitnessstudios“, sagt Schulze. Für diese Personengruppe wolle die Stage School künftig Workshops anbieten, damit sich die frisch ausgebildeten Darstellerinnen und Darsteller auf Auditions und Engagements vorbereiten können – im Showbusiness sei es schließlich unerlässlich, selbst wenn man schon viele Jahre im Job ist, dass man beständig an sich arbeite und im Training bleibe.

Corona hat viel verändert

Auch in diesem Jahr machen wieder einige Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss an der Hamburger Talentschmiede – und nicht alle blicken angesichts der Corona-Zeiten positiv in die Zukunft. „Corona hat natürlich viel verändert“, weiß Dennis Schulze. „Auch vor Corona gab es das immer mal wieder, dass die Ausbildung bei uns abgebrochen wurde. Das kommt jedes Jahr vor. Aber durch Corona gab es eben auch Einzelfälle, die sich noch mal komplett neu orientiert haben aus Sorge um die unsichere Zukunft in unserer Branche.“ Diese Sorgen sind nachvollziehbar, denn in den letzten Monaten gab es keine Engagements und nur wenige Auditions. Erst langsam nimmt die Branche wieder Fahrt auf. Doch niemand weiß, ob es im Herbst zu einer vierten Corona-Welle kommt, vor der Wissenschaftler immer wieder warnen.

Stage School (Foto: Dominik Lapp)

Von Windhuk nach Hamburg

Trotz allem ist die 21-jährige Nadine Baas positiv gestimmt. Sie ist eine der Schülerinnen, die in diesem Jahr ihren Abschluss an der Stage School macht. Sie kam für die Ausbildung vor drei Jahren aus Namibia nach Hamburg. „Weil die Landessprache in Namibia Englisch ist, wollte ich eigentlich unbedingt nach England oder Amerika“, erinnert sie sich. „Aber wir waren regelmäßig in den Ferien in Deutschland, und da habe ich dann auch mehrere Workshops an der Stage School gemacht.“ Ihre Teilnahme an einem dieser Workshops ersetzte die Aufnahmeprüfung – und so ging es für Baas, die einen deutschen Pass besitzt, damals von Windhuk in die Hansestadt.

Diesen Schritt, so sagt sie, habe sie nie bereut. „Vor allem kannte ich Anja Launhardt schon durch die Workshops, wo sie Unglaubliches mit meiner Stimme gemacht hat“, erinnert sich die Musicalschülerin. Mit Anja Launhardt, die an der Stage School die Abteilung für Gesang und Workshops leitet, bereitet sich Nadine Baas auf ihre Abschlussprüfung vor. „Auch für den Gesangsunterricht gibt es selbstverständlich ein coronakonformes Konzept“, sagt die erfahrene Dozentin. So dürfe nur noch in ausreichend großen Räumen unterrichtet werden, während die kleineren Gesangszimmer leer blieben.

Keine Berührungen mehr

„Für mich ist besonders schwer, dass ich die Schülerinnen und Schüler nicht mehr berühren darf“, sagt Launhardt, die nämlich normalerweise während des Singens gern die Haltung ihrer Schützlinge korrigiert. „Das ist jetzt nicht mehr möglich.“ Während die Dozentin am Klavier sitzt, steht Nadine Baas beim Singen mehrere Meter von ihr entfernt, zudem ist zum Schutz vor Aerosolen eine Folienwand vor dem Klavier aufgebaut. „Zusätzlich wird der Raum alle 20 Minuten für drei Minuten gelüftet, und nach jeder Benutzung wird die Klaviatur desinfiziert“, erklärt Anja Launhardt. Der Unterricht sei für Dozentin und Schülerin so sicher wie nur möglich gestaltet. Bei der Liedinterpretation in der Gruppe tragen die Dozenten zusätzlich eine Maske, ebenso die Schülerinnen und Schüler – lediglich die gerade singende Person darf auf die Maske verzichten.

Stage School (Foto: Dominik Lapp)

In der Einzelgesangsstunde von Nadine Baas geht es heute nicht mehr um Technik. „So kurz vor der Prüfung kümmern wir uns um Stilistik und Interpretation“, sagt Anja Launhardt. „Sie ist die einzige an der Schule, die klassisch singt. Das hat sie sich hart erarbeitet, weil sie ohne Ende übt.“ Die Dozentin lobt ihre Schülerin dafür, dass sie nicht nur wahnsinnig ehrgeizig, sondern auch sehr selbstkritisch ist. „Nadine ist eine Person, die schon früh über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt hat“, fasst es Launhardt zusammen. „Das wird ihr im Job zugutekommen.“

Musicalrollen sind hart umkämpft

Doch wann geht’s für Nadine Baas in den ersten Job? Musicalrollen sind hart umkämpft, in Corona-Zeiten noch mehr als zuvor. Auf dem Markt gibt es schon so etwas wie einen Stau an frischen Darstellerinnen und Darstellern. „Man zweifelt unglaublich an sich selbst und an den Fähigkeiten, gerade wenn man frisch aus der Ausbildung kommt und noch nichts im Lebenslauf hat“, sagt Nadine Baas. „Aber ich möchte die Corona-Situation noch etwas aussitzen und mich – auch im klassischen Gesang – weiterbilden. Das hat man uns immer wieder vermittelt, dass wir unglaubliche Disziplin haben sollen und uns weiterbilden müssen.“

Darüber hinaus gelte es, sich für so viele Auditions wie nur möglich zu bewerben – die gebe es zwar momentan nicht gerade wie Sand am Meer, aber es werde langsam wieder mehr. „Außerdem steht ja noch unser Abschlussprojekt an“, sagt die junge Nachwuchsdarstellerin. Denn sobald das Theater wieder öffnen darf, soll im First Stage das Musical „Footloose“ auf die Bühne kommen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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