„Sunset Boulevard“
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Ein ganz neuartiger Hybrid im Stream: „Sunset Boulevard“ in Leicester

Gastbeitrag von Michael Bergmann, Youtube-Kanal „Bergmanns Bühne

Die eigentlich als kleinere Tourproduktion gedachte Version des Andrew-Lloyd-Webber-Klassikers „Sunset Boulevard“ wird paradoxerweise durch das „Live-Auftrittsverbot“ als Stream zur wohl kunstvollsten Inszenierung, die dieses Stück je gesehen hat. Und daran ist nichts despektierlich, sondern alles vollendet wundervoll: Jeglicher Aspekt wurde für diese Aufzeichnung im Curve Theatre im englischen Leicester neu gedacht; es gibt keinerlei Bühnenbild, kaum Requisiten, wenige Kostüme. Hier wird nicht gespielt, hier wird erlebt.

Das (kleine) 16-köpfige Ensemble bespielt jeden Winkel des Theaters, vom Schnürboden bis hin zum 2. Rang. Dabei werden sie von sieben Kameras begleitet und verfolgt, mal ganz nah, mal ganz fern. Dies gibt dem Stück, im wahrsten Sinne, ungeahnte Tiefen, getaucht in ein brillantes Lichtdesign. Immer wieder geschickt platzierte Filmeinspielungen sorgen für die perfekte Paramount-Atmosphäre.

Auch der Sound lässt wenig zu wünschen übrig, obwohl (für eine Tour durchaus nachvollziehbar), die Darstellerinnen und Darsteller lediglich von einem immer präsenten, 16-Personen-Orchester begleitet werden. Da es sich hier um eines der symphonischsten Werke von Andrew Lloyd Webber handelt, schmerzen künstlich programmierte Streicher und Bläser natürlich, besonders, wenn man drei Menschen an Computern sitzen sieht, anstatt an echten Instrumenten. Aus anderer Perspektive betrachtet, dürfte es jedoch mindestens zehn Jahre her sein, dass bei der Stage Entertainment zuletzt 16 Musiker im Orchestergraben saßen; man darf also fast schon froh sein, eine solche Anzahl an Musikerinnen und Musiker präsentiert zu bekommen – und diese sorgen auch für erstaunlich viel Dynamik.

In vorliegender Version ist Autor Joe Gills endlich ein wirklicher Erzähler, der ständig die vierte Wand durchbricht und die Zuschauenden auf dem heimischen Sofa direkt anspricht. Und das ist auch im wahrsten Wortsinne ansprechend, denn die Kamera liebt den hochattraktiven Danny Mac, man frisst ihm in jeder Sekunde praktisch aus der Hand. Mit Ria Jones steht die eigentlich originale Musical-Norma-Desmond auf der Bühne (oder besser: im gesamten Theater, denn dieses dient hier wie gesagt als Bühne).

Jones hat die Rolle 1992 im Workshop mitentwickeln dürfen und 2016 die erkrankte Glenn Close in London vertreten. Und mit dieser Erfahrung punktet sie enorm: Wir erleben eine Diva, die wirklich eine alternde Diva ist. Das sorgt für etliche Gänsehautmomente und gerade am Ende für ein besonders albtraumhaftes Finale, das einen noch lange verfolgen wird. Ich gebe offen zu: Wenn man Glenn Close als Norma Desmond gesehen hat, dann hat man diese Rolle ultimativ gesehen. Und alle Darstellerinnen machen ihre Sache sehr gut, aber, und hier lehne ich mich gerne aus dem Fenster, niemand ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich sind die ganz anderen Schauwerte, nämlich die entfesselte, unbändige Kreativität und der Erfindergeist. Hierin liegt die wirkliche Sensation.

Auch 2021 wird wahrscheinlich nicht „the perfect year“ sein, auf das wir alle so sehr hoffen, zumindest, was Live-Theater angeht. Wenn uns aber solche Lösungen präsentiert werden, dann können wir auch noch ein weiteres Jahr mit Live-Theater-Ersatz überstehen. Was sonst wahrscheinlich nur eine gute Tournee-Inszenierung gewesen wäre, machen covidbedingte Zwänge zum Must-See-Streaming-Ereignis. Ich jedenfalls habe mich mehrmals dabei ertappt, während des laufenden Streams laut „Bravo!“ gerufen zu haben. Das hier ist weit entfernt davon, eine Notlösung zu sein, das hier ist eine völlig neue Kunstform: Ein ganz neuartiger Hybrid aus dem Besten, was Theater und Film zu bieten haben.

Text: Michael Bergmann

Unser Gastautor Michael Bergmann ist ehemaliger Musicaldarsteller und Betreiber des Youtube-Kanals „Bergmanns Bühne“, auf dem er Rezensionen, Interviews und andere spannende Videos präsentiert.

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