„Die Mitte der Welt“ in Linz
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Mehr Nähe als Effekt: „Die Mitte der Welt“ in Linz

Am Landestheater Linz kommt „Die Mitte der Welt“ auf der Studiobühne, der so genannten BlackBox, nicht als wohlverpacktes Jugendstück daher, sondern als tastende, manchmal unbequeme Musicaladaption des gleichnamigen Romans von Andreas Steinhöfel. Dessen Geschichte über das Erwachsenwerden eines Jungen, der lernen muss, sich selbst auszuhalten, wird hier von Sarah Taylor Ellis (Musik) und Niklas Wagner (Buch und Songtexte) in eine Bühnenform überführt, die weniger erzählt als erinnert, weniger erklärt als durchschreitet.

Das Publikum sitzt dicht an einer runden Spielfläche, die mit wenigen Requisiten auskommt und ständig in Bewegung bleibt. Räume entstehen weniger durch Ausstattung (Eleanor Bull) als durch Körper, Blicke und Laufwege. Die Inszenierung von Karoline Gable setzt auf Dynamik, auf ein fast choreografisches Erzählen (Choreografie: Hannah Moana Paul), das den Figuren kaum Stillstand erlaubt. Moderne, schlichte Kostüme verorten die Geschichte klar im Heute, ohne sie festzunageln. Alles wirkt bewusst reduziert, aber nicht karg, eher wie ein Resonanzraum für Beziehungen.

Das Buch und die Gesangstexte von Niklas Wagner versuchen viel auf einmal: Familiengeschichte, Coming-of-Age, Liebesverwirrung, soziale Zuschreibungen. In der ersten Hälfte zeigt sich diese Fülle auch als dramaturgische Herausforderung. Zeitsprünge, Perspektivwechsel und parallele Konflikte überlagern sich, was ohne Vorkenntnis des Romans stellenweise Orientierung verlangt. Gleichzeitig liegt darin ein Reiz: Die fragmentierte Erzählweise spiegelt den inneren Zustand der Hauptfigur Phil, dessen Leben sich ebenfalls nicht linear anfühlt. Nach der Pause bündelt sich das Geschehen spürbar, die Szenen greifen enger ineinander, Entscheidungen werden unausweichlich.

Die Musik von Sarah Taylor Ellis bewegt sich im Indie-Folk-Kosmos und sucht nach klanglicher Intimität. Zurückhaltende Rhythmen und melodische Linien, die sich eher einschleichen als auftrumpfen, prägen den Abend. Die Komposition trifft den richtigen Ton, erlaubt sich Skizzenhaftes und findet gerade darin zu einem stimmigen Gesamtklang, der die Unreife der Figuren ernst nimmt, anstatt sie zu polieren.

Im Zentrum steht Glass, Mutter von Phil und Dianne, eindrucksvoll verkörpert von Sanne Mieloo. Sie dominiert den Raum, oft auch die Handlung, mit einer Präsenz, die ebenso anziehend wie abweisend ist. Ihre Figur wird nicht erklärt oder entschuldigt, sondern in all ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt: egozentrisch, verletzend, zugleich von einer Energie, der sich niemand entziehen kann. Lu Sandmann gestaltet Phil als Gegenpol dazu – sensibel, aufmerksam, mit einer Stimme, die gerade in den ruhigeren Momenten trägt. Die Entwicklung wirkt glaubhaft, nicht als geradliniger Reifungsprozess, sondern als tastende Bewegung vor und zurück. Dianne, Phils Zwillingsschwester, erhält durch Patrizia Unger ein wunderbares eigenes Profil, klar konturiert und nie bloß als Spiegel oder Kontrastfigur angelegt.

Die Nebenrollen sind ebenfalls sorgfältig besetzt und tragen wesentlich zur Vielschichtigkeit des Abends bei. Elvin Karakurt als Kat, Fabian Koller als Nicholas, David Rodriquez-Yanez als Michael, Christian Fröhlich als Gable sowie Astrid Nowak als Tereza und Lynsey Thurgar als Pascal setzen Akzente, die das Beziehungsgeflecht verdichten. Keine Figur bleibt reine Funktion, jede bringt eine eigene Tonlage ein.

So entsteht ein lebendiger Musicalabend, der mehr auf Nähe als auf Effekt setzt und seine Stärke aus dem Zusammenspiel eines engagierten Ensembles bezieht. Der anhaltende Applaus am Ende bestätigt diese Wirkung. Wer den Roman kennt, findet zusätzliche Ebenen und Wiedererkennungen, doch auch ohne diese Vorarbeit entfaltet „Die Mitte der Welt“ eine eigentümliche Sogkraft – nicht als glatt erzählte Geschichte, sondern als kreisende Bewegung um Fragen, die sich nicht endgültig beantworten lassen.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert und ein Volontariat zur Onlineredakteurin absolviert. Sie liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.