„Next to Normal“ in Oldenburg
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Haus aus Gedanken und Gängen: „Next to Normal“ in Oldenburg

Am Oldenburgischen Staatstheater steht das Musical „Next to Normal“ von Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Buch und Songtexte) nicht als grell aufgedrehte Broadway-Maschine auf der Bühne, sondern als präzise gebautes Gedankenhaus, in dem jeder Raum eine andere Temperatur hat. Konstanze Kappenstein führt Regie mit klarer Linie und wachem Blick für Beziehungen: Nichts bleibt dekorativ, jede Szene schiebt die Figuren ein Stück weiter durch dieses Haus, das zugleich Schutzraum und Falle ist. Kappenstein interessiert sich weniger für Effekte als für Übergänge – zwischen Nähe und Abwehr, Fürsorge und Kontrollverlust. Gerade darin liegt die Stärke des Abends.

Markus Erik Meyers Bühne ist von bestechender Schlichtheit. Die Rückwand zeigt einen dreidimensionalen Hausgrundriss aus der Vogelperspektive, ein räumliches Geflecht aus Zimmern, Treppen, Fluren. Es ist ein Haus, das man gleichzeitig überblickt und nie ganz versteht. Die Familie bewegt sich darin wie in einem Labyrinth: Man sieht die Wege, aber nicht, wohin sie führen. Mauern stehen, um eingerissen zu werden, Sackgassen sind unvermeidlich. Der Steg in der Mitte verwandelt sich mit wenigen Handgriffen in Tisch oder Konfrontationszone – ein Ort, an dem sich Entscheidungen bündeln. Diese Architektur erzählt mit, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Die Kostüme von Heather Marie Rampone-Gulder halten den Realismus hoch. Viel Nüchternheit, Alltagsfarben, funktionale Schnitte. Umso stärker sticht Nathalies Outfit hervor: flippiger, farbiger, jugendlicher Trotz im Stoff. Es ist ein kluger Kontrast, der zeigt, wie sehr sie versucht, sich aus dem emotionalen Grau der Familie herauszuschreiben.

„Next to Normal“ in Oldenburg

Die Musikalische Leitung von Jason Weaver ist ein Glücksfall für diese Produktion. Die Band sitzt nicht bloß im Graben, sie atmet mit der Bühne. Weaver hält die Balance zwischen rockiger Wucht und kammermusikalischer Transparenz. Die Tempi sind straff, aber nie gehetzt, die Dynamik bleibt beweglich. Gerade in den leiseren Momenten zeigt sich, wie sorgfältig hier gearbeitet wird: Stimmen werden getragen, nicht zugedeckt, so dass auch die gelungenen deutschen Texte von Titus Hoffmann gut zu verstehen sind.

Femke Soetenga gestaltet Diana mit einer Präsenz, die von Anfang an unter Spannung steht. Sie spielt keine Kranke, sondern eine Frau, die sich gegen Vereinfachungen wehrt. Ihre Stimme kann schneidend klar sein und im nächsten Moment brüchig, ohne je den Kontakt zur Figur zu verlieren. Soetenga findet eine wunderbare körperliche Sprache für Dianas innere Zerrissenheit. Ihre großartig interpretierten Songs sind keine bloßen Showstopper, sondern gedankliche Explosionen.

Gerd Achilles gibt Dan als Mann, der Ordnung halten will, koste es, was es wolle. Seine Stärke liegt in der Zurücknahme. Achilles spielt die Beharrlichkeit, die Müdigkeit, das verzweifelte Festhalten an Routinen mit großer Genauigkeit. Stimmlich überzeugt er mit warmem, stabilem Klang, der gerade dann erschüttert, wenn er zu kippen droht. Zwischen Dan und Diana entsteht ein Spannungsfeld, das den Abend trägt: zwei Menschen, die sich lieben und einander dennoch immer wieder verfehlen.

„Next to Normal“ in Oldenburg (Foto: Dominik Lapp)

Michael Berres ist als Gabe eine schillernde Erscheinung. Er bewegt sich mit einer fast unheimlichen Leichtigkeit durch das Bühnenlabyrinth, stets präsent, stets einen Schritt voraus. Seine Stimme hat eine leise Verführungskraft, sein Spiel eine kalkulierte Unruhe. Er ist kein bloßer Störfaktor, sondern ein permanenter Kommentator, der sich nicht abschütteln lässt. Gerade in der Nähe zu Diana entwickelt diese Figur eine gefährliche Intimität.

Anna Hirzberger verleiht Nathalie Schärfe und Humor. Sie ist schnippisch, verletzlich, widerständig. Hirzberger findet einen Ton, der pubertäre Abwehr und echte Verzweiflung miteinander verbindet. Ihre musikalischen Momente haben Drive, ihr Spiel bleibt immer konkret, nie bloß Reaktion. Eike Onyambu als Henry bringt eine angenehme Erdung in den Abend: offen, warm, mit feinem Gespür für Pausen und Zwischentöne. Paul Brady überzeugt in der Doppelrolle als Dr. Fine und Dr. Madden mit präziser Zeichnung zweier Haltungen zur gleichen Profession – einmal distanziert, einmal jovial, beide Male mit subtiler Ironie.

Eine besondere Ebene fügt die Live-Kamera-Arbeit von Richard Schlimper hinzu. Die Bilder vergrößern Details, lenken den Blick, schaffen Nähe, wo Distanz herrscht, und verstärken das Gefühl, dass man diesem Haus nicht entkommt – auch nicht als Zuschauerin oder Zuschauer.

So entsteht ein „Next to Normal“, das nicht erklären will, sondern zeigt. Ein Abend, der sein Publikum ernst nimmt, weil er Widersprüche stehen lässt und keine schnellen Auswege anbietet. In Oldenburg beweist man damit, wie zeitgemäß Musical sein kann, wenn man ihm vertraut.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".