Femke Soetenga (Foto: André Havergo)
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Interview mit Femke Soetenga: „Ich war Feuer und Flamme“

Femke Soetenga stand bereits in sechs Inszenierungen des Musicals „Chess“ als Florence auf der Bühne und sollte jetzt in einer Uraufführung mitwirken, die aber einem Wasserschaden zum Opfer fiel. Im Jahr 2016 hätte sie die Grace O’Malley in „The Pirate Queen“ spielen sollen – doch auch das kam anders. Im Interview spricht die niederländische Musicaldarstellerin darüber, wie sich das alles entwickelte. Außerdem spricht sie über alte und neue Rollen, Streaming-Konzerte, die Corona-Zeit und wie es dazu kam, dass sie ein Buch geschrieben hat.

Nach der langen Corona-Zwangspause zunächst einmal: Wie geht es Ihnen aktuell?
Mir geht’s sehr gut. Mir ging es allerdings auch während der Pandemie nicht schlecht. Natürlich gab es Zwangspausen, in denen wir nicht spielen konnten. Das war teilweise frustrierend. Aber ich habe das Gefühl, dass trotzdem sehr viel passiert ist. Ich habe ein Buch veröffentlicht, Streaming-Konzerte gegeben, war bei Präsenz-Konzerten dabei, als es wieder möglich war. Auch wurden Produktionen vorgeprobt. Natürlich war es anders als sonst, aber es war nicht so, dass ich zwei Jahre Pause hatte und nicht vorangekommen bin. Nachdem ich die letzten Jahre immer sehr viel gearbeitet habe, hat es irgendwie auch mal gutgetan, dass ich zu einer Pause gezwungen war. Der Grund für die Pause war natürlich alles andere als schön. Aber am Anfang kam erst mal Ruhe rein, man konnte alles sacken lassen und neue kreative Ideen entwickeln.

Sie haben in dieser Zeit bei Streaming-Konzerten – darunter einige von kulturfeder.de – mitgewirkt. Abgesehen vom fehlenden Publikum, worin liegt der Unterschied zwischen einem Konzert mit und ohne Publikum? Gibt es Unterschiede, was Vorbereitung und Umsetzung betrifft?
Die Interaktion mit dem Publikum fehlt mir sehr. Auch dass man keine Reaktionen bekommt, wenn man zwischen den Songs moderiert. Ich muss auch zugeben, dass ich mir Aufzeichnungen von mir nicht gern ansehe. Das kann ich einfach nicht. Allerdings hat man das Wissen, dass es da eine Aufnahme gibt. Diese Gedanken habe ich bei einem Live-Konzert mit Publikum nicht. Da genieße ich den Augenblick – und das war’s. Die Vorbereitung für beide Konzertformate erfolgt jedoch mit der gleichen Präzision und Leidenschaft.

Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)

Wie ist es, jetzt wieder vor Publikum aufzutreten?
Das ist schön. Vor allem jetzt, wo fast alle Theater wieder zu 100 Prozent ausgelastet sind und es kaum noch Kapazitätsbeschränkungen gibt. In Wiesbaden bei „Cabaret“ haben wir erst noch vor 250 Menschen gespielt, die im ganzen Saal verteilt waren. Jetzt spielen wir vor 1.000 Menschen. Ich dachte nur: Wow, was für ein Unterschied! Das merkt man schon. Wenn der Saal nur zu einem Viertel besetzt ist, trauen sich die Leute nicht so zu lachen, Emotionen zu zeigen oder zu klatschen. Aber in der Menge geht das wieder.

Eine Musicalproduktion, die Sie zuletzt in Schwerin gespielt haben, war „Chess“. Die musste aber wegen eines Lockdowns recht schnell schließen. Inzwischen sind Sie mit dieser Produktion nach Bremerhaven weitergezogen. Wie kam es dazu?
In Schwerin hatten wir Premiere und nur wenige Vorstellungen gespielt – dann kam der Lockdown. Das war sehr schade. Mittlerweile ist der Intendant vom Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin nach Bremerhaven ans dortige Stadttheater gewechselt. Und weil er „Chess“ sehr mag, hat er die Produktion mitgenommen. Wahrscheinlich hat es ihm auch wehgetan, dass wir die schöne Inszenierung von Andreas Gergen nur so kurz spielen durften. Ich bin sehr dankbar dafür, dass er es nach Bremerhaven gebracht hat.

„Chess“ ist ein Musical, das Sie schon öfter gespielt haben. Wie gehen Sie so eine Rolle an, die Sie bereits mehrfach gespielt haben? Kann man an einer Rolle überhaupt noch neue Seiten, Aspekte oder Facetten entdecken?
Ja, es ist tatsächlich schon die sechste Inszenierung von „Chess“, die ich gemacht habe. Zum ersten Mal spielte ich das Stück im Jahr 2007. In den letzten Jahren habe ich mich persönlich verändert, und auch jede Inszenierung war anders. Florence ist eine Rolle, die sehr natürlich ist – also im Gegensatz zu anderen Rollen, die ich gespielt habe. Es gibt viele Dinge, mit denen ich mich bei ihr identifizieren kann, zum Beispiel als Ausländerin in einem fremden Land zu leben. Auch die zwischenmenschliche Beziehung, die sie erlebt, ist für mich sehr gut nachvollziehbar. Sie ist eine sehr nahbare Durchschnittsperson. (lacht) Deshalb hat sie mich immer abgeholt dort, wo ich gerade in meinem Leben war. In jedem Moment konnte ich die Rolle so neu wieder ausfüllen. Man hat eine Trennung hinter sich, jemand ist gestorben, man ist frisch verliebt – das sind Situationen, die man erst einmal verarbeiten muss. Aber danach hat man sie im Rucksack und kann sie mitnehmen auf die Bühne. Außerdem habe ich „Chess“ sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch gemacht, und seit ein paar Jahren gibt es eine neue deutsche Übersetzung. So hat Sprache und Übersetzung dafür gesorgt, dass die Rolle immer anders wirkte. Ohnehin darf „Chess“ sehr frei inszeniert werden. Wenn ein Song an einer anderen Stelle vorkommt, bekommt er direkt eine veränderte Bedeutung.

Femke Soetenga (Foto: Mirco Wallat)

Sie haben nicht nur „Chess“, sondern auch „Jesus Christ Superstar“ auf Deutsch und Englisch gespielt. Kommt man da nicht mit den Sprachen durcheinander?
Bis jetzt nicht. (klopft auf Holz) Auch hier sind die Inszenierungen ausschlaggebend. Ich habe „Chess“ mal in zwei Städten parallel gespielt, in einer auf Deutsch und in der anderen, wo die Dialoge auf Deutsch und die Songs auf Englisch waren.  Da wusste ich, es gibt drei oder vier Stellen, wo ich direkt aus dem Sprechen ins Singen komme. Da musste ich selbstverständlich sehr konzentriert sein und aufpassen, dass ich dann aus dem deutschen Sprechen ins englische Singen komme und nicht versehentlich auf Deutsch singe. Aber wirklich durcheinandergekommen bin ich noch nicht. Man hat ja auch andere Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne, ein anderes Bühnenbild. Das hilft sehr.

In Schwerin und Bremerhaven hat Andreas Gergen bei „Chess“ Regie geführt. Sie haben schon mehrfach mit ihm gearbeitet. Wie ist die Zusammenarbeit?
Ich schätze an ihm, dass er ein sehr positiver Mensch ist, der einen unglaublich motivieren kann. Er kann auch gut mit dem Chor und größeren Gruppen arbeiten. Außerdem ist ihm Harmonie sehr wichtig, was das Arbeiten sehr einfach macht. Selbst wenn es mal eine Auseinandersetzung gibt, sorgt Andreas sofort dafür, dass das geklärt wird. Er kommt mit viel Lust und Laune zur Probe – das ist besonders. Weil er auch selbst Darsteller war, weiß er natürlich, wie etwas auf der Bühne funktioniert. Und ich schätze an ihm, dass er ein gutes Auge und gute Ideen hat.

Bei unserem letzten Interview im Jahr 2015 hatten Sie gerade begonnen, sich auf die Rolle der Grace O’Malley in „The Pirate Queen“ vorzubereiten. Diese Rolle haben Sie letztendlich abgesagt, weil Sie das Angebot bekamen, in der Uraufführung von „Don Camillo & Peppone“ mitzuwirken. Wird es denn vielleicht noch mal eine zweite Chance für Grace O’Malley geben? Sie waren doch damals Feuer und Flamme für diese Rolle, hatten viel recherchiert und sind sogar nach Irland geflogen, wo Sie das Grab von Grace besuchten.
Ja, genau. Ich war fünf Tage in Irland und hatte einige Bücher gelesen. Ich war Feuer und Flamme für die Rolle und fand die Geschichte superinteressant, weshalb ich mich auf die Spuren von Grace O’Malley begeben habe. Die Rolle reizt mich nach wie vor. Die Entscheidung für „Don Camillo & Peppone“ habe ich damals getroffen, weil ich die Produktion in St. Gallen und Wien spielen konnte. Das war ein Vertrag über fast zwei Jahre im Gegensatz zum Vertrag mit nur ein paar Vorstellungen in Nordhausen, wo ich hätte „The Pirate Queen“ spielen sollen. Also habe ich mit dem Theater gesprochen und man hat mich gehen lassen. Lust habe ich natürlich immer noch auf die Rolle. Ich habe noch alle Bücher über Grace O’Malley zu Hause. Es braucht nur ein Theater, das „The Pirate Queen“ spielen möchte – dann bin ich da. (lacht)

Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)

Dieses Jahr sollten Sie in der Uraufführung des Musicals „Jack the Ripper“ am Theater Hof mitspielen. Wieso kam es nicht dazu?
Ja, das ist sehr schade. Die Premiere hätte im Mai sein sollen, wo ich ein Opfer von Jack the Ripper und noch eine weitere Rolle spielen sollte. Aber leider gab es im Theater einen Wasserschaden. Die Sprinkleranlage hat alles unter Wasser gesetzt und die Bühnentechnik beschädigt. Jetzt können sie nur auf der Vorderbühne spielen und haben alle Neuinszenierungen in die nächste oder übernächste Spielzeit verschoben. Da kann ich aber leider nicht mehr dabei sein, weil es sich mit einer anderen Produktion überschneidet. Das ist richtig schade, weil ich mich sehr gefreut habe, mal in Hof zu spielen. Generell ist ein neues Stück wie „Jack the Ripper“ immer spannend – Frank Nimsgern hat die Musik komponiert und Reinhardt Friese hat das Buch geschrieben.

Apropos Buch. Sie haben auch eines geschrieben. Wie kam es zu „Der Käsekuchenmann“?
Ich hatte nie geplant, ein Buch zu schreiben. Aber ich hatte gerade eine Trennung hinter mir und habe deshalb angefangen zu schreiben. Vorher hatte ich schon gern Tagebuch geschrieben, aber nie Kurzgeschichten. Also habe ich angefangen, Dinge aus meinem Leben mit den Geschichten zu verarbeiten. Wenn ich Leuten diese Kurzgeschichten vorlas, fanden das fast alle immer witzig. (lacht) Bis zur Corona-Zeit hatte ich schon 24 Geschichten fertig. Jemand meinte dann, ich sollte etwas daraus machen. Aber ob das wirklich jemand lesen möchte? Also schrieb ich einige Verlage an und fand einen, der das mit mir gemacht hat. Es wurde Korrektur gelesen, mein Vater hat einige Seiten illustriert – und dann gab’s irgendwann ein Buch.

Was ebenso in der Corona-Zeit aus der Taufe gehoben wurde, war das Duo GinTuneic, das Sie mit dem Dirigenten und Pianisten Tjaard Kirsch bilden. Wie kam es dazu? Sind bald wieder Auftritte geplant?
Wir sind auf jeden Fall dran und wollen schauen, im Herbst oder Winter wieder Konzerte zu geben. Entstanden ist das Duo in der Corona-Zeit, weil wir Zeit hatten und gern zusammen musizieren wollten. Also haben wir angefangen zu streamen, hatten aber auch Auftritte vor Publikum auf dem Rittergut Haus Hülshoff in Tecklenburg. Das soll natürlich weitergehen, auch wenn Tjaard und ich jetzt wieder anderweitige Verpflichtungen haben.

Welche Verpflichtungen sind das denn bei Ihnen in nächster Zeit?
Ich werde im Sommer 2022 wieder am First Stage in Hamburg auf der Bühne stehen und mache dort wie letztes Jahr „Footloose“ und vorher noch „The Prom“.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".