Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Femke Soetenga: „Ich wollte nie auf ein Rollenprofil festgelegt werden“

Die niederländische Musicaldarstellerin Femke Soetenga ist von deutschen Musicalbühnen nicht mehr wegzudenken. Sie spielte Hauptrollen in Musicals wie „Tanz der Vampire“, „3 Musketiere“, „Rebecca“, „Evita“ oder „Die Päpstin“. Im Interview spricht Femke Soetenga über den Erfolg des Wildhorn-Musicals „Dracula“ sowie über starke Frauenrollen, die nie erfolgte Festlegung auf ein Rollenprofil und darüber, wie sie sich auf ihre Hauptrolle in der europäischen Erstaufführung von „The Pirate Queen“ vorbereitet.

Das Musical „Dracula“ ist abgespielt in Pforzheim. Das Stück war dort enorm erfolgreich. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?
Es war eine lange Zeit. Wir haben „Dracula“ drei Spielzeiten gespielt. Ich habe mich in dieser Zeit weiterentwickelt. Und weil ich parallel dazu auch noch andere Stücke gespielt habe, hat sich auch der Charakter der Mina über die Jahre verändert. Nach fast drei Jahren war Mina eine andere Frau als damals bei der Premiere. Als Erinnerung nehme ich die Stadt Pforzheim mit, das schöne Theater und die netten Kollegen. Wir wurden immer sehr freundlich empfangen von Kollegen und Fans. Es war immer eine nette Atmosphäre. Der „Dracula“-Regisseur Wolf Widder hat uns von Anfang an auch viele Freiheiten gelassen, um unsere Rollen zu gestalten. Das war ein schönes Miteinander.

Warum war „Dracula“ in Pforzheim so erfolgreich?
Die Zuschauer mögen dramatische Musicals. Und das kann ich sehr gut verstehen, denn ich mag dramatische Musicals auch. Aber ich glaube, gerade im Bereich rund um Pforzheim lechzten die Leute nach einem Drama, weil in den großen Häusern in Stuttgart keines mehr gespielt wird. Das letzte dramatische Musical, das dort gespielt wurde, war „Rebecca“. Und die letzte Vorstellung von „Rebecca“ in Stuttgart war fünf Tage nach der Premiere von „Dracula“ in Pforzheim. Ich denke, viele Fans waren deshalb sehr dankbar, dass in Pforzheim das angeboten wurde, was ihnen in Stuttgart oder der Umgebung gefehlt hat. Und wenn die Fans nicht immer wiedergekommen wären, hätten wir „Dracula“ auch nicht so lange gespielt.

Von „Tanz der Vampire“ kennen wir es ja, dass Sarah den Grafen von Krolock sehr interessant findet. Warum fühlt sich Mina zu Dracula hingezogen? Strahlen Vampire etwas Besonderes auf diese Frauen aus?
Ich glaube, das Entscheidende ist gar nicht, dass Dracula ein Vampir ist. Mina ist Lehrerin für Etikette und in der viktorianischen Zeit in einem Korsett gefangen. Wie sie spricht, wie sie sich gibt, wie sie sich bewegt, ist alles vorgegeben. Ihren Jonathan liebt sie über alles, aber auch mit ihm ist sie in einem Korsett gefangen. Und Dracula – ganz unabhängig davon, dass er ein Vampir ist – ist ganz anders. Er ist frei, er ist dunkel und er kennt Welten, die sie nicht kennt. Und das macht ihn für sie so interessant. Außerdem liebt sie Jonathan natürlich immer noch, fühlt sich aber trotzdem zu Dracula hingezogen. Das ist ein innerlicher Kampf, den sie austrägt, weil sie zwischen zwei Männern steht.

(Foto: Dominik Lapp)

Warum finden Musicalautoren Vampirthemen denn wohl so spannend?
Ich denke, dass Vampirthemen musikalisch gute Möglichkeiten bieten, dunkler, dramatischer und größer zu sein als es bei anderen Musicals der Fall ist.

Femke Soetenga, Sie spielen sehr viele Stücke parallel. Wie können Sie sich so schnell immer wieder auf die unterschiedlichen Rollen einstellen?
In der Ausbildung habe ich ganz schnell gemerkt, dass es für mich wichtig ist, ganz schnell Emotionen wechseln zu können. Ich habe das als etwas sehr Wertvolles erfahren. Und in meinem Beruf kann ich das wirklich sehr gut nutzen. Dieses Können ermöglicht es mir, jeden Tag zwischen unterschiedlichen Rollen zu schalten. Außerdem finde ich es schön, viele unterschiedliche Sachen zu spielen. Und obwohl ein Musical wie „Singin‘ in the Rain“ ganz anders ist als „Evita“, nehme ich aus der einen Rolle etwas mit in die andere. Obwohl die Stücke, die ich spiele, alle ganz unterschiedlich sind, bereichern sie sich gegenseitig, weil ich von jeder Produktion etwas mitnehme. Und ich bin sehr dankbar, dass ich so viele unterschiedliche Rollen spielen darf. Denn so kann ich alles ausleben, was ich in mir habe – mal dramatisch, mal lustig, mal traurig, mal glücklich.

Stimmt, vom Rollenprofil her sind Sie nicht wirklich festgelegt. War das ein Zufall oder geplant?
Ich wollte nie auf ein Rollenprofil festgelegt werden. Gerade auch, weil ich weiß, dass sich das gegenseitig bereichert. Aber ich bringe so viel Liebe für meinen Beruf mit und genieße es so sehr, auf der Bühne zu stehen, dass ich auch gern verschiedene Rollen spielen möchte. Ich finde das interessant und möchte mich weiterentwickeln. Teilweise habe ich auch einfach Glück gehabt, dass ich mit Regisseuren gearbeitet habe, die gesehen haben, dass Femke Soetenga etwas anderes machen kann.

(Foto: Dominik Lapp)

Evita, Milady de Winter, Mrs. Danvers – das sind alles starke Frauen, die Sie schon gespielt haben. Sind Sie selber auch eine starke Frau?
Was macht eine starke Frau denn aus? (lacht)

Sagen Sie es mir, bitte.
Eine starke Frau trifft Entscheidungen und steht hinter diesen Entscheidungen. Sie lässt sich nicht unterkriegen und sieht in jeder Lebenslage etwas Positives. Trotzdem darf sie auch Zweifel haben.

Das haben Sie schön beschrieben. Und sehen Sie sich darin wieder?
Durchaus. Und ich habe Ziele, die ich verfolge. Aber alle Künstler haben auch ihre Zweifel und Unsicherheiten, und die habe ich ebenfalls. Ich denke, dass man das von mir zwar nicht erwartet, wenn man mich sieht. Denn aufgrund meiner Statur wirke ich eben auch wie eine starke Frau.

(Foto: Dominik Lapp)

Spielen Sie gerne starke Frauen?
Ja, das sind interessante Rollen. Und mir gefällt die Kraft, die diese Rollen haben.

Femke Soetenga hat viele große Rollen in Deutschland gespielt. Würden Sie jetzt nicht auch gern mal in Ihrer niederländischen Heimat spielen?
Natürlich. Aber mein Zeitplan lässt das einfach nicht zu. Und ich bin glücklich, so wie es ist. Wenn es sich mal anbieten würde, in den Niederlanden etwas zu spielen, würde ich sicher nicht Nein sagen. Aber ich bin in Deutschland sehr glücklich und darf hier fantastische Rollen spielen.

Gerade konnte man Sie noch in Schwäbisch Hall in „The Stairways to Heaven“ sehen. Dort wird unter freiem Himmel auf einer riesigen Treppe gespielt. War das eine besondere Herausforderung?
Auf jeden Fall. Da brennen manchmal auch die Beine. Es sind 53 Stufen, wenn ich mich nicht irre, auf denen gespielt und getanzt wird. Tanzen auf Treppenstufen, mit Absätzen, auch rückwärts – das ist eine große Herausforderung. Freilichtproduktionen haben ja sowieso eine besondere Atmosphäre.

Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)

Welche Produktionen spielen Sie als nächstes?
Ich spiele in Lübeck die Anita in der „West Side Story“. Ein Musical, das ich noch nie gespielt habe und auf das ich mich sehr freue. Außerdem spiele ich die Wiederaufnahmen von „Evita“ und „Rocky Horror Show“ in Dresden und die Wiederaufnahme von „Die Päpstin“ in Nordhausen.

Und dann wäre da nächstes Jahr doch auch noch die europäische Erstaufführung von „The Pirate Queen“ in Nordhausen.
Genau. Und ich war sogar schon drei Tage in Irland, weil die Piratin Grace O’Malley dort gelebt hat und dort begraben ist. Da habe ich ihr Grab besucht. Ich mag solche Rollen wie Evita oder Grace O’Malley, also Persönlichkeiten, die wirklich existierten. Da gibt es so viel zu lesen und zu studieren, das ist spannend. Und es ist spannend, die Spuren dieser Personen zu verfolgen.

Also haben Sie schon begonnen, sich auf „The Pirate Queen“ vorzubereiten?
Mit dem Stück selbst habe ich mich noch nicht so stark beschäftigt. Aber ich habe bis jetzt drei Bücher über Grace O’Malley gelesen und mich in Irland über sie informiert. Vom Musical kenne ich natürlich die Musik, aber das Libretto muss ich mir noch vornehmen. Das kommt alles noch. Und es wird sicherlich schön, diese Rolle für eine Europapremiere zu kreieren.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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