„Artus – Excalibur“ in Osnabrück
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Bildgewaltiges Ritterepos: „Artus – Excalibur“ in Osnabrück

Mit „Artus – Excalibur“ am Theater Osnabrück kehrt ein Werk von Frank Wildhorn auf die Bühne zurück, das in der Osnabrücker Region zuletzt vor rund zehn Jahren auf der Freilichtbühne im nicht weit entfernten Tecklenburg zu erleben war. Obwohl Wildhorn im deutschsprachigen Musicalbetrieb zu den häufig gespielten Komponisten zählt, gehört dieses Stück zu den seltener gezeigten Arbeiten seines Œuvres. Vielleicht auch deshalb: Wie bei mehreren seiner Produktionen steht einer klanglich opulenten Partitur ein Buch gegenüber, das dramaturgisch nicht immer straff geführt ist. Auch Ivan Menchells Buch mit Songtexten von Robin Lerner (Übersetzung: Nina Schneider) kennt Passagen, in denen die Handlung stockt und Szenen sich länger ausdehnen, als es der dramatische Fluss verträgt. Dass der Abend in Osnabrück dennoch über weite Strecken trägt, liegt maßgeblich an Oliver Klöters Inszenierung.

Der Regisseur begegnet den strukturellen Schwächen des Stücks mit einem klaren Fokus auf die Figuren. Seine Deutung erzählt die bekannte Artus-Legende nicht allein als Abfolge heroischer Schlachten, sondern als Geschichte eines Herrschers, der zwischen Macht, Moral und Verantwortung steht. Das große Ritterspektakel fehlt dennoch nicht: Schwerter blitzen, Kämpfer stürzen im Gefecht zu Boden. Doch Klöter belässt es nicht beim martialischen Tableau. Immer wieder rückt er Momente der Gnade und der inneren Konflikte in den Mittelpunkt – etwa wenn Artus auch im Krieg Milde walten lässt. Das Premierenpublikum honoriert diese Lesart mit begeistertem Applaus. Einzig in den Übergängen zwischen einzelnen Szenen gerät der Abend gelegentlich ins Stocken. Hier ist mehr Tempo wünschenswert, damit die dramatische Spannung nicht kurzzeitig abfällt.

Visuell entfaltet die Produktion eine eindrucksvolle Sagenwelt. Darko Petrovic gestaltet Bühne und Kostüme als atmosphärisch dichte Vision des sechsten Jahrhunderts. Rüstungen und Gewänder formen ein mittelalterliches Panorama, das den mythologischen Ton der Geschichte überzeugend aufgreift. Besonders ins Auge fällt Artus’ goldenes Ritterkostüm, das den König förmlich aus dem Ensemble herausleuchten lässt.

„Artus – Excalibur“ in Osnabrück

Das Bühnenbild von Petrovic arbeitet darüber hinaus mit einer markanten steinernen Grundstruktur. Mehrere massive Gesteinsbrocken prägen die Spielfläche und lassen sich im Verlauf des Abends immer wieder neu anordnen. Besonders wirkungsvoll wird dieses Konzept, wenn sich aus den scheinbar rohen Felsstücken die Tafel der Tafelrunde formiert. Dahinter erhebt sich ein steinerner, leuchtender Halbkreis mit geheimnisvollen Verzierungen. Dieses archaische Monument wirkt wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit und verleiht der Bühne eine rituelle Atmosphäre, als befinde man sich an einem Ort, an dem Geschichte, Mythos und Prophezeiung ineinander übergehen.

Unterstützt wird diese Bildsprache durch das Lichtdesign von Ingo Jooß, das häufig in dunklen Farbnuancen arbeitet und den Bühnenraum – in Kombination mit Nebel – in ein geheimnisvolles Licht taucht. Gleich zu Beginn setzt die Inszenierung damit ein starkes Zeichen: Die Bühne liegt zunächst fast vollständig im Dunkeln, zwischen den Ruinen eines Schlachtfelds und den Körpern Gefallener steht allein ein Dudelsackspieler. Zwei schmale Lichtkegel schneiden durch den Nebel und richten sich auf ihn, während sein Spiel den Raum erfüllt. Dieses eindringliche Auftaktbild etabliert sofort die düstere, von Krieg gezeichnete Welt, aus der sich im weiteren Verlauf die Artus-Legende erhebt.

Auch die Bewegung auf der Bühne trägt wesentlich zum Erzählfluss bei. Sabrina Steins Choreografie beschränkt sich nicht auf dekorative Tanznummern, sondern strukturiert das Geschehen sichtbar. Gruppenbilder, Aufmärsche und symbolische Bewegungsabläufe verdichten die Handlung auch dort, wo das Buch weniger prägnant erzählt. Ergänzt wird dies durch die Fecht- und Kampfchoreografie von Jean-Loup Fourure. Für ein Ritterstück sind diese Szenen unverzichtbar, und sie erfüllen ihre Funktion zuverlässig – wenngleich manche Duelle ein wenig zu deutlich als einstudierte Abfolge erkennbar bleiben.

„Artus – Excalibur“ in Osnabrück

Musikalisch zeigt sich die Produktion als weiterer Beleg dafür, wie sich Frank Wildhorns Stil über die Jahre seines Schaffens erweitert hat. Während viele seiner Musicals vor allem auf große Balladen setzen, die es hier auch gibt, verbindet „Artus – Excalibur“ verschiedene Klangfarben: rockige Rhythmen treffen auf keltische Anklänge, Dudelsackklänge mischen sich mit orchestralen Passagen. Nach „Wonderland“ und „Bonnie & Clyde“ markiert das Werk eine Phase, in der Wildhorn seine musikalische Handschrift hörbar verändert.

Unter der Leitung von Seong-Bin Oh spielt das Osnabrücker Symphonieorchester mit Engagement und Sinn für die dramatischen Kontraste der Partitur. Bedauerlich ist allerdings, dass die Tonabmischung gelegentlich Unwuchten zeigt: In der rockigen Nummer „Schwert und Stein“ treten E-Gitarre und E-Bass deutlich zu wenig hervor. Umso eindrucksvoller setzt sich der live gespielte Dudelsack von Karim McLeod durch, der den keltischen Charakter der Musik unmittelbar erfahrbar macht. Der von Sierd Quarré einstudierte Chor überzeugt zudem mit klarem Klang.

In der Titelrolle verleiht Jannik Harneit dem jungen König Artus ein würdiges Profil. Sein kraftvoller, sicher geführter Gesang trägt die großen musikalischen Bögen der Partie, während er zugleich die moralische Ernsthaftigkeit der Figur herausarbeitet. Neben ihm setzt Vikrant Subramanian als Lancelot den vielleicht eindrucksvollsten Akzent des Abends. Seine Interpretation der Ballade „Nur sie allein“ entwickelt eine Intensität, die im Zuschauerraum spürbar wird und ihm den stärksten Szenenapplaus der Premiere einbringt. Auch darstellerisch überzeugt er als Ritter, dessen Loyalität und Liebe in unauflöslichen Konflikt geraten.

„Artus – Excalibur“ in Osnabrück (Foto: Dominik Lapp)

Jan Friedrich Eggers gestaltet Merlin bewusst fern vom vertrauten Bild des bärtigen Zauberers. Kahlköpfig, mit fahl wirkender Erscheinung, tritt er eher als geheimnisvoller Lenker des Schicksals auf. Diese ungewöhnliche Optik verbindet sich mit einer stimmlich wie darstellerisch überzeugenden Präsenz. Susanna Edelmann stattet Guinevere mit einem klar leuchtenden Sopran aus, der den lyrischen Passagen der Rolle Eleganz verleiht. Daniela Tweesmann ist als Morgana eine Gegenspielerin, deren dunkle Energie das Geschehen vorantreibt.

Auch in den Nebenrollen zeigt sich die Produktion sorgfältig besetzt. Mark Hamman gestaltet Artus’ Ziehvater Ector mit spürbarer Wärme. Besonders in seiner Todesszene entfaltet die Figur berührende Wirkung. Anton Pallaske gibt Loth von Orkney mit sichtlicher Spielfreude als machtbewussten Antagonisten, während Valentin Thunig als Sir Gareth eine kleinere, aber markant gezeichnete Rolle des Bösewichts übernimmt. Ergänzt wird das Ensemble durch Studierende des Instituts für Musik der Hochschule Osnabrück, die das Bühnengeschehen homogen erweitern.

So entsteht am Theater Osnabrück ein Abend, der die Stärken von „Artus – Excalibur“ sichtbar macht und die Schwächen des Buches weitgehend auffängt: ein bildgewaltiges Ritterepos, getragen von einer vielgestaltigen Partitur und einem engagierten Ensemble. Das Premierenpublikum reagiert entsprechend enthusiastisch.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".