Kritisch betrachtet: Wie unglaubwürdig kann ein Musicalproduzent sein? Stage Entertainment: Ja!
Stage Entertainment hat einen neuen Coup gelandet: Moderator und Entertainer Elton wird am 29. und 30. Juli 2026 die Rolle des Schulleiters Strickland im Musical „Zurück in die Zukunft“ übernehmen. Zwei Gastauftritte, viel Aufmerksamkeit, ein paar Schlagzeilen. Marketingtechnisch mag das clever erscheinen. Inhaltlich wirft die Entscheidung jedoch Fragen auf.
Denn ausgerechnet Elton hatte bei der Premiere des Musicals im März vor einer TV-Kamera freimütig erklärt, dass er eigentlich keine Musicals möge. „Zurück in die Zukunft“ habe ihm zwar gefallen (insbesondere der zweite Akt), aber ein oder zwei Lieder weniger wären aus seiner Sicht durchaus willkommen gewesen. Eine bemerkenswerte Aussage – insbesondere für jemanden, der nun selbst Teil genau jener Kunstform werden soll.
Natürlich darf jeder seine Meinung ändern – und Elton hat sich dazu mittlerweile auch in einem Video auf seinem Instagram-Kanal erklärt (Spoiler: Seine Aussage war eher auf Klassiker wie „Cats“ oder „Phantom der Oper“ bezogen), aber gleichzeitig darüber beschwert, dass in Deutschland immer gemeckert werde.
Selbstverständlich muss niemand ein glühender Musicalfan sein, um eine Gastrolle zu übernehmen. Doch wenn ein Produzent gezielt mit prominenten Namen wirbt, sollte die Besetzung zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass nicht Leidenschaft für das Genre oder besondere Eignung für die Rolle ausschlaggebend waren, sondern allein der Bekanntheitsgrad.
Dabei ist die Musicalbranche voller Menschen, die jahrelang eine – zum Teil kostspielige – Ausbildung absolviert haben, sich durch endlose Castings kämpfen und trotz Talent oft Absagen kassieren. Gerade für „Zurück in die Zukunft“ haben sich zahlreiche Darstellerinnen und Darsteller beworben, viele davon mit dem Traum, auf einer großen Bühne von Stage Entertainment zu stehen. Ihnen wird erklärt, die Konkurrenz sei zu stark, die Anforderungen zu hoch oder die Rolle passe nicht. Gleichzeitig erhält ein Fernsehmoderator ohne einschlägige Musicalerfahrung eine Rolle – nicht nach einem langen Auswahlprozess, sondern offenbar aufgrund seines Prominentenstatus.
Natürlich hat es das immer mal wieder gegeben. Aber wenn man beispielsweise mit Richy Müller einen ausgebildeten Schauspieler für die reine Schauspielrolle des Clayton in „Tarzan“ engagiert oder mit Sarah Engels eine begnadete Popsängerin für die Rolle der Satine in „Moulin Rouge“ ins Ensemble holt, wirkt das alles wesentlich glaubwürdiger als der Elton-Coup.
Auch im Londoner West End oder am New Yorker Broadway sorgen prominente Gastbesetzungen regelmäßig für Schlagzeilen. Allerdings handelt es sich dort häufig um Stars wie Daniel Radcliffe, Hugh Jackman, Rachel Zegler oder Nicole Scherzinger – Künstler, die entweder ausgebildete Bühnenprofis sind oder ihre Qualitäten auf Musicalbühnen bereits eindrucksvoll bewiesen haben. Die Prominenz kommt dort meist zusätzlich zur künstlerischen Eignung, nicht an deren Stelle.
Bei Elton liegt der Fall anders. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass Deutschland nun seinen eigenen Hugh Jackman für zwei Vorstellungen entdeckt hat. Die Botschaft lautet vielmehr: Bekanntheit schlägt Qualifikation. Und genau das beschädigt die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens, das sich sonst gern als Heimat professioneller Musicalkunst präsentiert.
Bestimmt werden die beiden Abende unterhaltsam. Vielleicht wird Elton seine Sache überraschend gut machen. Das eigentliche Problem bleibt dennoch bestehen: Wer einerseits die Exzellenz und Professionalität des Musicalbetriebs betont, andererseits aber Rollen als PR-Instrument verteilt, sendet widersprüchliche Signale aus. Am Ende entsteht der Eindruck, dass nicht die beste Besetzung gewinnt – sondern die bekannteste.
Für ein Unternehmen wie Stage Entertainment, das vom Vertrauen seines Publikums und vom Respekt einer ganzen Branche lebt, ist das ein erstaunlich hoher Preis für zwei Abende zusätzlicher Aufmerksamkeit. Aber nach der Einführung einer Partyzone im Theater ist ohnehin klar, dass Musical offenbar nicht mehr als ernst zu nehmende Kunstform betrachtet wird, sondern nur noch als Event, das nebenbei läuft. Kein Wunder also, dass dieses fantastische Genre immer noch milde belächelt wird und aus seiner Schublade der seichten Unterhaltung (was nicht stimmt!) nicht rauskommt – obwohl viele Menschen seit Jahren dafür kämpfen.
Text: Dominik Lapp

