Werkstatistik 2024/2025: Musical ist ein Publikumsmagnet, aber Frauen bleiben unterrepräsentiert
Das Musical gehört immer noch zu den kleineren Sparten auf den Spielplänen deutschsprachiger Theater. Gemessen an seiner Publikumswirkung zählt es jedoch zu den erfolgreichsten. Die aktuelle Werkstatistik 2024/2025 des Deutschen Bühnenvereins zeigt eindrucksvoll: In Deutschland entfallen lediglich drei Prozent aller Theater-Inszenierungen auf Musicals. Dennoch ziehen sie mehr als 2,1 Millionen Besucherinnen und Besucher an und erreichen damit zehn Prozent aller Theaterbesuche. Im gesamten deutschsprachigen Raum – also einschließlich Österreich und der Schweiz – steigt dieser Anteil sogar auf zwölf Prozent. Letztendlich sind diese Zahlen noch weitaus höher, aber leider fehlt in der Statistik ein großer Player: Stage Entertainment teilt schon seit Jahren keine Zahlen mehr mit.
Aber auch ohne Stage Entertainment zeigt sich, dass das Repertoire sehr vielfältig ist: In Deutschland wurden in der Saison 2024/2025 schließlich 234 Musical-Inszenierungen gespielt, darunter 13 Uraufführungen. Die Theater pflegen also einen breiten Kanon, der von Broadway-Klassikern bis zu deutschsprachigen Eigenproduktionen reicht. Die Statistik zeigt aber auch, dass sich die Theater vor allem auf die immer gleichen Stücke konzentrieren, die ihnen offenbar ausverkaufte Häuser bescheren.
„Cabaret“ ist das meistinszenierte Werk
Angeführt wird die Rangliste der meistinszenierten Werke von John Kanders „Cabaret“, das in Deutschland auf 13 Inszenierungen kommt. Dahinter folgen „My Fair Lady“ mit elf Inszenierungen, „Ein Käfig voller Narren“ mit acht Inszenierungen, „Sweeney Todd“ mit acht Inszenierungen, „Der kleine Horrorladen“ mit acht Inszenierungen und „The Addams Family“ mit sieben Inszenierungen. Weitere Klassiker wie „Anatevka“ und „West Side Story“ mit jeweils vier Inszenierungen finden sich ebenfalls in der Veröffentlichung des Deutschen Bühnenvereins.

Ein anderes Bild ergibt sich bei den Aufführungszahlen. Hier dominieren drei Produktionen mit langen Laufzeiten. Unangefochten an der Spitze steht „Starlight Express“ mit 374 Vorstellungen. Es folgen die Hamburger Kultproduktion „Heiße Ecke“ mit 185 Vorstellungen und „Die Königs schenken nach“ mit 182 Vorstellungen, ehe „Cabaret“ mit 165 Vorstellungen als erfolgreichstes klassisches Repertoire-Musical erscheint.
Stephen Sondeim und Andrew Lloyd Webber sind gefragt
Die Einbeziehung Österreichs verändert die Statistik spürbar. Durch die großen Wiener Musicalproduktionen rücken „Das Phantom der Oper“ mit 261 und „Rock me Amadeus“ mit 258 Aufführungen unmittelbar hinter „Starlight Express“. Das unterstreicht die Bedeutung Wiens als zweite große Musicalmetropole im deutschsprachigen Raum neben Hamburg – es zeigt aber auch, wie bedauerlich es ist, dass sämtliche Musicalproduktionen von Stage Entertainment in der Statistik fehlen, die hinsichtlich der Aufführungs- und Besucherzahlen ein anderes Bild zeichnen würden.
Die Komponistenstatistik offenbart zwei unterschiedliche Erfolgsmodelle. Nach der Zahl der Inszenierungen führt John Kander vor Stephen Sondheim, Jerry Herman und Frederick Loewe. Gemessen an den Besuchszahlen dominiert jedoch Andrew Lloyd Webber (Titelbild). Seine Musicals kommen in Deutschland auf 511.614 Besuche. Verantwortlich dafür ist vor allem der Langzeiterfolg von „Starlight Express“ in Bochum mit 437.835 Besuchen.

Martin Lingnau ist der meistaufgeführte Komponist
Eindrucksvoll ist zugleich die starke Position eines deutschen Musicalkomponisten: Martin Lingnau erreicht mit 475 Vorstellungen bundesweit die höchste Aufführungszahl unter den in Deutschland produzierten Musicals und liegt damit noch vor Andrew Lloyd Webber mit 451 Aufführungen. Und selbst bei den Besuchszahlen liegt Lingnau mit 168.972 auf dem zweiten Platz direkt hinter Lloyd Webber.
Fast das gesamte Musicalrepertoire ist dabei zeitgenössisch. Rund 98 Prozent aller Inszenierungen entfallen auf Werke, die nach 1945 entstanden sind. Das Musical erweist sich damit weiterhin als die modernste Sparte des Musiktheaters, was aber auch nicht verwunderlich ist, da es schließlich die jüngste ist.
Frauen existieren praktisch nicht
Was sich in der Statistik ebenso zeigt: Frauen sind darin nach wie vor stark unterrepräsentiert – oder dramatischer ausgedrückt, sind sie nahezu gar nicht existent. Während das bei den Repertoire-Klassikern kaum verwundert, findet sich selbst unter den fünf Musical-Uraufführungen mit den meisten Vorstellungen kein Werk, das unter Frauenbeteiligung entstanden ist – außer man lässt mit einem zugedrückten Auge die Jukebox-Produktion „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ gelten, die sich der Musik der Band Silbermond um Frontfrau Stefanie Kloß bedient.
Bei den zehn Musical-Uraufführungen mit den meisten Besuchen finden sich dagegen mit „Seele für Seele“ (Frank Nimsgern und Birgit Simmler) sowie „Daddy Unplugged“ (Peer Neumann, Lutz Hübner und Sarah Nemitz) zwei Produktionen – und auch hier nochmals mit zugedrücktem Auge „Der Wanderer über dem Nebelmeer“.

Eine Lücke in der Werkstatistik: Stage Entertainment fehlt
Den gesamten deutschen Musicalmarkt bildet die Werkstatistik leider nicht ab. So fehlt etwa Disneys „Der König der Löwen“, seit einem Vierteljahrhundert eine der erfolgreichsten Produktionen hierzulande, gemessen an Laufzeit, Vorstellungen und Besuchszahlen. Ebenso tauchen andere Stage-Entertainment-Musicals mit starken Besuchszahlen wie „MJ“ – das laut Veranstalterangaben innerhalb von 17 Monaten eine Million Tickets verkauft hat – nicht in den Ranglisten auf. Der Grund liegt nicht in der statistischen Auswertung, sondern in der Datenbasis.
Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärt Detlev Baur von der Fachzeitschrift „Die Deutsche Bühne“, die die Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins vertreibt: „Die Stage Entertainment meldet uns seit einigen Jahren keine Zahlen mehr. Wir hätten sie gerne mit dabeigehabt.“
Die Ranglisten bilden damit lediglich den gemeldeten Theaterbetrieb ab, nicht jedoch den gesamten Musicalmarkt. Das schmälert die Aussagekraft der Statistik allerdings nur bedingt – zeigt sie doch selbst ohne Stage Entertainment eindrucksvoll, welche Bedeutung das Musical hat.
Musiktheater boomt in Deutschland
Für den gesamten deutschsprachigen Raum ergibt sich im Theaterbetrieb ein aufschlussreiches Bild: Das Schauspiel bleibt mit 40 Prozent der Inszenierungen und 31 Prozent aller Theaterbesuche die größte Sparte. Die Oper nimmt dagegen nur sieben Prozent der Inszenierungen ein, erreicht aber 18 Prozent der Besucherinnen und Besucher und erzielt damit die mit Abstand höchste Publikumswirkung im Verhältnis zu ihrer Präsenz auf den Spielplänen. Das Musical kommt nur auf drei Prozent der Inszenierungen, zieht jedoch zwölf Prozent aller Theaterbesuche auf sich und liegt damit ebenfalls deutlich über seinem Spielplananteil. Die Operette spielt mit einem Prozent der Inszenierungen zwar nur eine kleine Rolle, verdoppelt ihren Anteil bei den Besuchen jedoch auf zwei Prozent.
Während das Schauspiel also die meisten Menschen insgesamt erreicht, zeigen vor allem Oper und Musical eine außergewöhnlich hohe Publikumsresonanz gemessen an ihrem Anteil am Spielplan. Würde man die Zahlen von Stage Entertainment einbeziehen, wäre noch stärker zu erkennen, dass das Musiktheater – insbesondere die Sparte Musical – in Deutschland boomt.
Text: Dominik Lapp

