Rock’n’Roll auf der Seebühne: „Grease“ in Thun
Mit „Grease“ hält ein Welterfolg erstmals als Open-Air-Produktion Einzug auf eine Schweizer Bühne. Dass die Thunerseespiele ausgerechnet auf den Musicalklassiker mit Musik, Buch und Songtexten von Jim Jacobs und Warren Casey setzen, nachdem im vergangenen Jahr mit Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ ein großes Drama gezeigt wurde, erweist sich als stimmige Entscheidung. Im deutschsprachigen Raum ist das Werk vergleichsweise selten zu erleben, obwohl seine Songs längst zum kulturellen Gedächtnis gehören. Vor der eindrucksvollen Kulisse von Thunersee und Bergpanorama entfaltet sich nun ein sommerlicher Theaterabend, der ganz auf Spielfreude, Nostalgie und mitreißende Unterhaltung setzt.
Christopher Tölle, der sowohl Regie als auch Choreografie verantwortet und dabei choreografisch von Nigel Watson unterstützt wird, entscheidet sich bewusst gegen Modernisierungen oder konzeptionelle Verrenkungen. Seine Inszenierung bleibt fest in den Fünfzigerjahren verankert und vertraut auf die Qualitäten des Originals. Das erweist sich als kluge Wahl. Der Abend entwickelt von Beginn an ein hohes Tempo, lässt den Szenen kaum Leerlauf und bindet das Publikum immer wieder unmittelbar ein.
Regie und Choreografie greifen dabei nahtlos ineinander. Dass beide Bereiche aus einer Hand stammen, verleiht der Produktion eine klare gestalterische Linie. Die Tanznummern besitzen Schwung, Witz und Dynamik und fügen sich organisch in den Handlungsfluss ein. Zwar bringt das Buch einige dramaturgische Schleifen mit sich, die sich auch in Thun nicht völlig kaschieren lassen, insgesamt aber entsteht ein optisch wie atmosphärisch überzeugender Sommerabend.
Andrew D. Edwards entwirft ein Bühnenbild, das den legendären American Diner zum Zentrum der Handlung macht. Von dort aus entwickeln sich nahezu sämtliche Szenen. Weitere Schauplätze werden mit wenigen, wirkungsvollen Versatzstücken angedeutet, wodurch die Umbauten flüssig bleiben. Ein überdimensionales Herz setzt einen romantischen Akzent, während das berühmte „Greased Lightnin’“ als Fahrzeug erscheint, dessen Gestaltung sich an einem stark umgebauten Hot Rod orientiert. So entsteht eine Szenerie, die den amerikanischen Mythos der Nachkriegsjahre wirkungsvoll auf die Seebühne überträgt.

Heike Seidlers Kostüme bedienen souverän alle Erwartungen an die Ästhetik der Fifties. Weite Röcke, Lederjacken, Petticoats und pastellfarbene Kleider lassen die Epoche lebendig werden. Die Figuren erhalten dadurch ein klares Profil und fügen sich stimmig in das nostalgische Gesamtbild ein.
Unter der Leitung von Kai Tietje sorgt eine achtköpfige Band für den charakteristischen Sound zwischen Rock’n’Roll, Doo-Wop und gefühlvollen Balladen – alles gesungen im englischen Original. Die Musikerinnen und Musiker verleihen den bekannten Nummern Energie und Drive, ohne sie zu überfrachten. Rhythmische Prägnanz und ein geschmeidiger Bandsound tragen die Gesangspartien dabei zuverlässig.
Auch die Besetzung trägt den Erfolg des Abends entscheidend mit. Jeannine Michèle Wacker zeichnet Sandy mit warmem Sopran und glaubwürdiger Entwicklung von der schüchternen Austauschschülerin zur selbstbewussten jungen Frau. Matt Posada stattet Danny Zuko mit lässigem Charisma, vokaler Sicherheit und der notwendigen Portion jugendlicher Unsicherheit aus, wodurch die Figur weit mehr ist als der coole Anführer. Zwischen beiden entwickelt sich eine glaubhafte Chemie, welche die Liebesgeschichte trägt.
Madina Frey überzeugt als Rizzo mit starker Bühnenpräsenz, trockenem Humor und der raueren Seite der Figur, ohne deren Verletzlichkeit auszublenden. Niklas Brunner verleiht Kenickie das passende Maß an Draufgängertum, während Sandra Bitterli als Frenchy mit entwaffnender Herzlichkeit und komödiantischem Gespür punktet. Philipp Hägeli nutzt seine Doppelrolle als Vince Fontaine und Teen Angel für zwei herrlich unterschiedliche Auftritte und setzt beide Figuren mit sichtbarer Spielfreude in Szene. Patricia Hodell sorgt als Miss Lynch für pointierte Momente, Jens Emmert macht aus dem oft unterschätzten Eugene einen sympathischen Außenseiter mit komischem Talent. Maximilian Vogel als Roger, Anina Rosa als Jan und Jakob Wirnsperger als Doody komplettieren ein homogenes Ensemble, das immer wieder durch Geschlossenheit überzeugt.
So präsentiert sich „Grease“ bei den Thunerseespielen als schwungvoller Musicalabend, der den Charme seines Vorbilds nicht neu erfinden will. Vor der einzigartigen Naturkulisse entsteht ein sommerliches Spektakel, das den Klassiker mit Herz, Witz und ansteckender Energie aufleben lässt.
Text: Christoph Doerner

