Werner Bauer (Foto: Dominik Lapp)
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Wie man einen 800-seitigen Roman auf die Musicalbühne bringt: So inszeniert Werner Bauer „Der Medicus“ in Tecklenburg

Wie verdichtet man einen über 800 Seiten starken Weltbestseller zu einem Musicalabend? Für Regisseur Werner Bauer beginnt die Antwort nicht mit Bühnenbildern oder Kostümen, sondern mit einer einzigen Frage: Worum geht es in dieser Geschichte wirklich? Bei den Freilichtspielen Tecklenburg entsteht aus Noah Gordons Roman „Der Medicus“ keine bloße Historieninszenierung, sondern ein bildgewaltiges Musiktheater über Glauben, Wissenschaft und die strategischen Züge des Lebens – eine Partie Schach, gespielt mit mehr als 70 Mitwirkenden auf der Freilichtbühne.

Noch zwei Wochen bis zur Premiere. Die Proben laufen auf Hochtouren. Am Rand des Zuschauerraums arbeitet Hauptdarstellerin Navina Heyne, die die Rolle der Mary Cullen spielt, konzentriert an einem Solo mit dem Musikalischen Leiter Juheon Han. Währenddessen dringen von der Bühne Gesprächsfetzen herüber. Werner Bauer geht mit Thomas Hohler (Rob Cole), Wolfgang Höltzel (Avicenna), Gerben Grimmius (Schah) und Mathias Meffert (Quandrasseh) eine Szene aus dem zweiten Akt durch. Aus einer anderen Ecke des weitläufigen Bühnengeländes schallt Musik – dort probt der Choreograf Bart De Clercq mit dem Ensemble eine Tanznummer. Erst später wird alles zusammengefügt.

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In der nächsten Szene geschieht genau das: Dialog, Musik und Bewegung greifen ineinander. Auf einem kleinen Schachbrett werden Figuren verschoben, während dieselben Züge parallel dazu in monumentalen Bildern über die Bühne wandern. Es ist eine Probe, die fast beiläufig den Schlüssel zu dieser Inszenierung verrät. Denn für den Regisseur ist „Der Medicus“ weit mehr als die Geschichte eines jungen Mannes, der Arzt werden will. „Für mich ist die eigentliche Metapher des Stücks: Das Leben ist ein Schachspiel“, sagt Bauer.

Ein veränderter Blick auf den Stoff

Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass ihn weniger die Abenteuerreise fasziniert als das, was unter ihrer Oberfläche liegt. Der Regisseur inszeniert in Tecklenburg nicht die bekannte deutsche Musicalfassung von Spotlight, die in Fulda und Hameln zu sehen war, sondern die hierzulande bislang kaum bekannte spanische Version von Iván Macías (Musik und Libretto) und Félix Amador (Libretto) in der deutschen Übersetzung von Hartmut H. Forche und Jaime Roman Briones.

Es war vor allem die Musik, die Werner Bauer sofort überzeugte: „Sie ist opulent, sinfonisch, teilweise fast opernhaft und trotzdem ganz klar Musical – ein wenig im Stil von ‚Les Misérables‘. Diese Musik hat mich sofort gepackt.“

„Der Medicus“ (Foto: Dominik Lapp)
So sah die Musicalproduktion von „Der Medicus“ in Fulda aus. Doch das Stück in Tecklenburg hat – mit Ausnahme der Story – nichts damit gemeinsam, da es zwei unterschiedliche Werke sind.

Doch erst die erneute Lektüre von Noah Gordons Roman veränderte seinen Blick auf den Stoff nachhaltig. „Erst jetzt habe ich verstanden, was alles in dieser Geschichte steckt“, sagt Bauer. Die Geschichte von Rob Cole erzählt für ihn eben nicht nur von Heilkunst, sondern von einem der ältesten Konflikte der Menschheit: dem Ringen zwischen Glauben und Wissenschaft, zwischen religiöser Macht und Erkenntnis.

Diesen Konflikt entdeckt der Regisseur überall. In London, wo Bader medizinische Aufgaben übernehmen, die Ärzten aus religiösen Gründen untersagt sind. In Persien, wo die Wissenschaft ihrer Zeit weit voraus ist und dennoch politische und religiöse Machtkämpfe den Fortschritt bedrohen. Und natürlich in Rob selbst, der seine Identität verleugnen muss, um in Isfahan studieren zu dürfen.

Die Figuren in der Geschichte werden zu Spielern auf einem Schachbrett, auf dem jeder Zug Konsequenzen hat. Genau deshalb kehrt das Schachmotiv immer wieder in der Inszenierung zurück. Ursprünglich wollte Werner Bauer die gesamte Handlung sogar auf einem riesigen Schachbrett spielen lassen. Die Idee verwarf er wieder. Zu oft hatte er ähnliche Konzepte bereits gesehen. Geblieben ist das Bild. Es taucht auf, ohne sich aufzudrängen, und wird im zweiten Akt zu einem zentralen Moment.

Vom Papier auf die Bühne

Die Regiearbeit dafür begann zunächst am Schreibtisch. „Ich arbeite zunächst ganz klassisch auf dem Papier und zeichne Grundrisse“, berichtet der Kreativkopf, der früher selbst auf der Musicalbühne stand. Das Bühnenbild entsteht erst später. Zunächst sucht er nach dem eigentlichen Thema eines Stücks. Erst wenn dieses gefunden ist, entwickeln sich Bilder, Räume und schließlich gemeinsam mit Bühnenbildner Jens Janke und Kostümbildnerin Fabienne Ank die konkrete Gestaltung.

Rund neun Monate vor Probenbeginn beginnt dieser kreative Prozess. „Wir sammeln erst einmal Ideen – völlig frei, ohne darüber nachzudenken, ob sie sich überhaupt umsetzen lassen“, so Bauer. Erst danach folgt die Realität der Freilichtbühne mit ihren Möglichkeiten und Grenzen.

Dabei denkt Werner Bauer nie in bloßen Dekorationen. „Mir geht es nicht darum, Botschaften auszusprechen. Niemand soll auf der Bühne erklären, dass es um den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft geht. Das Publikum soll ihn erleben.“

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)
Auf dem Bühnengelände rund um die Tecklenburger Burgruine sind Requisiten und Bühnenbildteile verteilt.

Eine Welt ohne Mittelalter-Romantik

Wer den „Medicus“ als romantisches Historienabenteuer erwartet, dürfte überrascht werden. Bauer interessiert nicht das pittoreske Mittelalter. „Wir erzählen vom 11. Jahrhundert, also von einer Zeit, die alles andere als schön war.“ Die Musik verführe leicht dazu, Pathos zu entwickeln, sagt er. Gerade deshalb müsse die Inszenierung dagegenhalten, denn „das Leben damals war brutal, schmutzig und entmenschlicht“. Schon der Beginn macht das deutlich. Rob verliert seine Mutter, die Familie wird auseinandergerissen, Kinder werden wie Besitz verteilt. Diese Szenen sollen nicht gefällig wirken.

„Wir wollen diese Szenen nicht beschönigen“, erklärt der Regisseur. Dieses Denken zieht sich bis in die Körper der Darstellerinnen und Darsteller hinein. Zu Beginn der Proben spricht Bauer mit dem Ensemble deshalb weniger über einzelne Szenen als über die Welt, in der sie leben. „Freude sieht in dieser Welt anders aus.“ Auch der Tod sei nichts Außergewöhnliches. Wer auf Londons Straßen zusammenbricht, hält den Alltag nicht auf. Genau dieses Lebensgefühl müssen die Menschen auf der Bühne entwickeln.

Besonders sichtbar wird dieser Ansatz im Kontrast zwischen London und Isfahan. London erscheint eng, schmutzig und voller Entbehrungen. Die Menschen bewegen sich gebückt, jede Bewegung wirkt schwer. In Isfahan dagegen richten sich die Körper auf. Die Bewegungen werden fließend, Farben heller, die Atmosphäre offener.

Nicht allein Bühnenbild und Kostüme erzählen diesen Wandel, sondern vor auch die Choreografie. Denn Tanz ist für Werner Bauer niemals bloß schmückendes Beiwerk. „Für uns ist Choreografie ein Mittel des Erzählens.“ Bereits im Opening entwickelt sich aus alltäglichem Markttreiben ganz selbstverständlich Musik und Bewegung. Es gibt keinen Moment, in dem plötzlich getanzt wird. Alles wächst organisch aus der Handlung heraus.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)
Für die Darstellerinnen und Darsteller geht es in zwei Wochen durch dieses Tor raus auf die Bühne, um die Geschichte zwischen London und Isfahan im 11. Jahrhundert zu erzählen.

Die Kraft des großen Ganzen

Mit mehr als 70 Mitwirkenden auf der Bühne, einem Chor, Solistinnen und Solisten, Kindern und einem 26-köpfigen Orchester entsteht in Tecklenburg eine Dimension, die heute selbst im Musicalbetrieb selten geworden ist. „Das ist schon eine beeindruckende Größe“, freut sich der Theatermacher.

Die Musik spielt dabei eine besondere Rolle. Viele Nummern sind ausladend komponiert, Dialog und Gesang gehen immer wieder ineinander über. Entsprechend eng arbeitet Werner Bauer mit seinem Musikalischen Leiter zusammen.

Immer wieder wird entschieden, welche musikalischen Passagen tatsächlich benötigt werden, denn die Tecklenburger Fassung ist gegenüber dem Original gestrafft. Dass musikalische Ideen oft innerhalb weniger Minuten ausprobiert werden können, empfindet der Mann hinter der Inszenierung als großen Glücksfall.

Hinzu kommt die besondere Atmosphäre der Freilichtbühne. Die historischen Mauern werden Teil der Erzählung. Sie tragen ebenso das verarmte London wie das ferne Isfahan. Gleichzeitig verlangt die Bühne große Präzision. „Sie hat keine klassische Mitte, deshalb muss man den Blick des Publikums sehr bewusst führen“, weiß Werner Bauer. Auch für Robs geheimnisvolle Fähigkeit, den nahenden Tod zu spüren, musste eine eigene theatrale Lösung gefunden werden, die der Regisseur aber noch nicht verrät.

Werner Bauer (Foto: Dominik Lapp)
„Für mich ist die eigentliche Metapher des Stücks: Das Leben ist ein Schachspiel“, sagt Regisseur Werner Bauer.

Wenn das Publikum übernimmt

Noch aber ist an Loslassen nicht zu denken. Der Inszenator lebt seit Monaten mit diesem Stück. „Im Moment wache ich morgens auf und denke sofort darüber nach, was ich noch verändern oder verbessern möchte.“ Das Gedankenkarussell höre oft selbst nachts nicht auf. Und doch weiß Bauer, dass bald der Moment kommen wird, an dem seine Arbeit endet.

„Nach der Premiere entsteht ein kleines Loch“, sagt er. Es ist ein Satz von ihm, der fast wehmütig klingt. Doch unmittelbar danach hellt sich sein Gesicht auf. „Dann übernimmt das Publikum die Inszenierung, und plötzlich entsteht noch einmal etwas Neues.“

Vielleicht beschreibt dieser Gedanke den Kern seiner Arbeit am besten. Der Regisseur plant jeden Zug mit größter Präzision, macht aus der Partie seine eigene. Doch dann gehört das Schachspiel den Figuren. Und dem Publikum.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".