Märchenhafte Utopie: „Lysistrata“ in Bad Hersfeld
Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. Die ursprüngliche Fassung von Aristophanes aus dem Jahr 411 v. Chr. wurde von Amanda Lasker-Berlin aktualisierend überschrieben und mit heutiger Komik versehen, die in der Inszenierung der Bad Hersfelder Festspiele unter der Regie von Marlene Anna Schäfer zündet und viele Lacher hervorruft. Lacher, die angesichts des Themas teilweise im Halse stecken bleiben.
Die Zerstörungen des Krieges werden schon durch das Bühnenbild (Christin Treunert) gleich zu Anfang plastisch deutlich: Sehr realistisch aussehende, riesige Steinbrocken und nicht ganz so realistisch aussehende Mauerteile, die aber schön an die Mauern der Stiftsruine angepasst sind, liegen als Trümmerfeld über den Großteil der Bühne und des Bühnenhintergrunds verstreut. Sie bilden auch Rampen und Podeste. Dazu kommen ein abgestürzter riesiger Leuchter, sein herabhängendes Seil, ein verstimmtes Klavier und ein paar kaputte Stühle.
Das Lichtdesign (Christin Treunert und Maike Pöschl) ist angenehm, keine störend grelle Anstrahlung des Publikums, aber eindrucksvolle, irritierende Stroboskop-Effekte, wenn die Handlung stoppt und Berichte von Überlebenden moderner und aktueller Kriege einfließen, jeweils von einem Darsteller aus der Szene heraus vorgetragen. Sehr gute, berührende Einsprengsel, die nachdenklich machen und den Abend vor Seichtigkeit retten.
Es ist ein Stück, in dem es um Gruppen und ihre Dynamik geht. Es sind wenige Einzeldarsteller, die meisten bilden das Ensemble. Hervorzuheben ist die Disziplin der Chöre, vor allem des Chors der Krieger, die ihre Kampfstäbe absolut taktrein und gleichzeitig klopfen lassen.
Gut in Erinnerung bleiben Gesine Cukrowski als energische Kampfsportlerin Lampito aus Sparta, Kristin Steffen als sympathisch versponnene Myrrhine, welche möwenartig quietschen kann, Varia Sjöström als berechnende Kalonike, die sehr gut an der Aufrüstung verdient hat, Anne Lebinsky als tapfere Chorführerin und natürlich Gioia Osthoff als Lysistrata, zwischen ideensprühend und schüchtern schwankend. Hinreißend überheblich wirkt Markus Gehrken halbgottgleich als Ratsherr, Bijan Zamani berührt als verpeilter Schreibtischheld mit Läuseproblem und Jörg Thieme erheitert als ewig gestriger Chorführer.
Die Musik kommt fast komplett vom Band, hauptsächlich Anti-Krieg-Songs der jüngeren Vergangenheit. Anrührende Ausnahme: das live zum verstimmten Klavier wunderschön gebrochen vorgetragene „Sag mir, wo die Blumen sind“.
Die Kostüme (Christin Treunert) der Männer sind eher modernistisch. Es werden Anzüge getragen, teilweise mit doppelten Jacketts und überbreiten Schultern. Der Ratsherr hat gar ein Zusatzjackett mit grotesk herabbaumelnden schwarzen Handschuhen, als habe er sich den Kriegsherrn übergestülpt. Dazu sieht man aber auch Ausrüstungsteile, die zum Beispiel an Kampftaucher oder Flieger erinnern.
Die Kostüme der Damen schwanken zwischen historisierend und modern. Es sind wallende Gewänder in schillernden Farben, aber auch pinke Satinjogginganzüge. Die Frauen von Sparta tragen eher Blau und Grün, die Frauen von Athen Violett, Lila, Rosa bis Rot. Die Frauen von Korinth sind nie zu sehen – die befinden sich als Zuschauer im Raum.
Insgesamt werden die Zuschauer stark eingebunden. Ihr Applaus ist der aller versammelten Frauen, denn Hunderte sind es – natürlich nur ein Bruchteil tatsächlich auf der Bühne präsent.
Der Rest wird vom Publikum übernommen, es ist Mitmachtheater. Das linke Drittel wird als Frauen von Korinth angesprochen und soll „Korinth!“ rufen, die Mitte „Sparta!“ und rechts „Athen!“. Die meisten folgen mit Begeisterung und merken dabei gar nicht, wie leicht man zum Mitläufer und Ja-Sager werden kann – durch gut gesteuerte Gruppendynamik.
Das ist auch Thema des Stücks. Die Masse entscheidet, der Einzelne läuft mit. Bis sich Einzelne entscheiden, dagegenzuhalten. Erst einzelne Frauen, dann alle, erst einzelne Männer, endlich alle, und damit ist Frieden.
Weil das Leben aber keine Bühne ist, weil Männer sich nehmen, was man ihnen nicht freiwillig gibt (merkwürdigerweise ist Vergewaltigung kein Thema bei diesem Stück um einen Sexstreik), bleibt es beim Märchen, bei der Utopie, beim „Was wäre, wenn“, wie es schon in einem Friedensbewegungsspruch der 70er- und 80er-Jahre heißt: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.
Schön wär’s. Ist es leider nicht. Aber immerhin: Der Abend ist gut gemacht, macht Spaß, bietet Unterhaltung und Wir-Gefühl. So kann man in jedem Fall heimgehen und sagen kann: Schön war’s.
Text: Hildegard Wiecker

