„Die verzauberte Stadt“ in Essen
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Musikalisch und optisch hinreißend: „Die zauberhafte Stadt“ in Essen

Mit der Uraufführung von „Die verzauberte Stadt“ gelingt dem Aalto-Musiktheater Essen ein großer Wurf im Musiktheater für junges Publikum. Nach der nun beendeten Premierenserie bleibt das Werk jedoch nicht auf Essen beschränkt: In der Spielzeit 2026/2027 steht es an der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg sowie an der Oper Bonn auf dem Spielplan. Das ist folgerichtig, denn diese neue Oper besitzt das Potenzial, sich dauerhaft im Repertoire für Familien zu etablieren.

Als Vorlage dient Edith Nesbits gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1910, dessen Grundidee erstaunlich zeitlos erscheint. Im Mittelpunkt steht Philip, der sich nach der Trennung seiner Eltern in einer neuen Patchwork-Familie zurechtfinden muss. Gemeinsam mit seiner Stiefschwester Lucy flüchtet er sich in eine Fantasiewelt, in der Spielzeug lebendig wird.

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Das Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber überzeugt durch eine klare Dramaturgie und eine Sprache, die Kinder unmittelbar erreicht, ohne Erwachsene zu unterfordern. Die Dialoge bleiben jederzeit verständlich, vermeiden pädagogischen Zeigefinger und erzählen mit viel Witz und Einfühlungsvermögen von Verlust, Unsicherheit und dem langsamen Entstehen von Vertrauen.

Die Partitur von Samuel Penderbayne entfaltet dazu eine ausgesprochen farbenreiche Klangwelt. Immer wieder erinnert die Musik in ihrer opulenten Orchestrierung an große Filmmusiken, ohne ihre eigene Handschrift einzubüßen. Sie folgt den wechselnden Stimmungen der Handlung mit großer Sicherheit, zeichnet Spannungsmomente ebenso eindrucksvoll nach wie ruhige Augenblicke und findet insbesondere für die Mutterfigur berührende Töne: Helens gefühlvolle Arie gehört zu den stärksten Momenten des Abends.

„Die verzauberte Stadt“ in Essen (Foto: Dominik Lapp)

Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt der Piraten. Ihr Lied mit dem Refrain „Seehecht und Walfischzahn, wir herrschen über den Ozean, sind nur uns selber untertan, Piratenschiff ahoi!“ greift unverkennbar die Melodie eines traditionellen Seemannslieds auf, das durch Nathan Evans’ „Wellerman“ vor wenigen Jahren weltweite Bekanntheit erlangte. Der eingängige Chor entwickelt augenblicklich Ohrwurmqualitäten.

Michael Zlabinger führt die Essener Philharmoniker mit spürbarer Begeisterung durch die abwechslungsreiche Partitur. Das Orchester gestaltet die vielfältigen Klangfarben mit großer Spielfreude und trägt entscheidend dazu bei, dass sich Fantasie und Wirklichkeit musikalisch voneinander abheben. Bereits zu Beginn bezieht Zlabinger das Publikum ein und lässt den gesamten Saal gemeinsam klatschen. Im weiteren Verlauf folgen ebenfalls Mitmachaktionen: Kinder und Erwachsene tanzen mit, später stimmen alle gemeinsam in den Piratenchor ein, dessen Besatzung dafür sogar den Saal erobert.

Regisseurin Louisa Proske entwickelt eine Inszenierung, die den Zauber kindlicher Vorstellungskraft mit sichtlicher Lust am Spiel auf die Bühne bringt. Sie vertraut auf Fantasie statt auf übertriebene Effekte und findet zahlreiche originelle Bilder, die gleichermaßen Kinder wie Erwachsene ansprechen. Besonders reizvoll ist der Übergang vom realistischen Kinderzimmer in eine überdimensionale Spielzeugwelt, in der alles, was Philip erschafft, riesenhafte Ausmaße annimmt.

Momme Hinrichs gelingt dafür ein Bühnenbild, das ständig neue Überraschungen bereithält. Aus dem zunächst vertrauten Kinderzimmer wächst ein farbenprächtiges Universum voller übergroßer Bauklötze, Spielgeräte und Fantasiegebilde. Den spektakulärsten Eindruck hinterlässt das imposante Piratenschiff, das zum visuellen Mittelpunkt wird.

„Die verzauberte Stadt“ in Essen (Foto: Dominik Lapp)

Auch die Kostüme (ebenfalls von Hinrichs) sorgen für Staunen. Der Chor verwandelt sich in eine schillernde Schar von Piraten und zugleich in zum Leben erwachte Spielfiguren aus unterschiedlichen Welten der Popkultur. So begegnen dem Publikum unter anderem Glinda und Elphaba, Anna und Elsa, Ladybug, Pippi Langstrumpf, Prinzessin Leia sowie Harry Potter und Hermine Granger.

Die Videoprojektionen von Judith Selenko erweitern die Bühnenräume wirkungsvoll und fügen sich organisch in das Gesamtbild ein. Mark Broses Lichtdesign unterstützt die wechselnden Schauplätze mit stimmungsvollen Farbwelten und verstärkt den Kontrast zwischen Alltagsrealität und Abenteuerreich. Patrick Jaskolka formt den Chor zu einem überaus spielfreudigen Ensemble, das vor allem in den Piratenszenen einen mitreißenden Eindruck hinterlässt.

Auch die Besetzung lässt keine Wünsche offen. Aljoscha Lennert gestaltet Philip mit glaubwürdigem jugendlichem Elan und lyrischer Strahlkraft. Mercy Malieloa stattet Lucy mit warmem Sopran und ansteckender Lebendigkeit aus. Idil Kutay verleiht sowohl der Mutter Helen als auch der Königin vokale Eleganz und setzt insbesondere in ihrer großen Arie einen musikalischen Glanzpunkt. Liliana de Sousa überzeugt als Au-pair Nique mit charaktervollem Mezzosopran. Tobias Greenhalgh zeigt als Lucys Vater Peter, als Jack-in-the-Box und als Piraten-Ken eindrucksvoll seine Wandlungsfähigkeit und verbindet darstellerischen Humor mit klangvoller Baritonstimme. Eine gelungene Ergänzung bildet Valentin Stroh als Roboter Roshan, der mit großer Präsenz die Grenze zwischen Schauspiel und Musiktheater mühelos überwindet.

„Die verzauberte Stadt“ zeigt eindrucksvoll, dass zeitgenössisches Musiktheater für Kinder weder vereinfachen noch belehren muss, um sein Publikum zu erreichen. Stattdessen verbindet die Produktion eine klug erzählte Familiengeschichte mit mitreißender Musik, fantasievollen Bildern und einer starken Ensembleleistung. Kurzum: Eine herrlich frische Oper!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".