Zwischen Rasiermesser und Rache: „Sweeney Todd“ in Lüneburg
Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ zählt zu den anspruchsvollsten Werken des modernen Musiktheaters. Die Partitur verbindet Oper, Musical und schwarzhumorige Groteske zu einem ebenso komplexen wie vielschichtigen Klangkosmos, während Hugh Wheelers Libretto (Übersetzung: Wilfried Steiner und Roman Hinze) eine düstere Geschichte über Vergeltung, Machtmissbrauch und gesellschaftliche Abgründe erzählt. Das Theater Lüneburg nimmt sich dieser Herausforderung mit einer insgesamt soliden Produktion an, die sich konsequent an der finsteren Grundstimmung des Stoffes orientiert, ohne dabei nach neuen Deutungsansätzen zu suchen.
Regisseur Olaf Schmidt verortet das Geschehen fest in der beklemmenden Atmosphäre des viktorianischen Londons. Dominierendes rotes Licht taucht die Bühne immer wieder in blutige Farbwelten und macht unmissverständlich klar, dass Gewalt den Takt dieser Erzählung vorgibt. Die Inszenierung entwickelt ihre Wirkung weniger aus überraschenden Einfällen als aus einer geradlinigen Umsetzung der Vorlage. Schmidt vertraut auf die Kraft des Originals und erzählt die Geschichte ohne interpretatorische Umwege. Dadurch bleibt der Abend über weite Strecken erwartbar. Seine Choreografie verhält sich ähnlich zurückhaltend. Die Bewegungsabläufe drängen sich nie in den Vordergrund, sondern fügen sich organisch in das Bühnengeschehen ein und unterstützen die Handlung, ohne eigene Akzente setzen zu wollen.
Barbara Blochs Ausstattung folgt demselben Prinzip. Das Bühnenbild präsentiert sich schlicht und schafft mit wenigen Elementen die notwendigen Schauplätze zwischen Barbiersalon, Backstube und Londoner Straßen. Die Konzentration liegt auf den Figuren und ihren Beziehungen zueinander. Die Kostüme orientieren sich unverkennbar am viktorianischen England.
Musikalisch überzeugt der Abend deutlich stärker. Unter der Leitung von Peter Foggitt entfalten die Lüneburger Symphoniker die enorme stilistische Bandbreite von Sondheims Partitur mit großer Sorgfalt. Die rhythmisch verzwickten Ensembles gelingen ebenso sicher wie die lyrischen Passagen, während die schroffen harmonischen Kontraste ihre bedrohliche Wirkung entfalten.
Im Mittelpunkt steht Thomas Borchert als Sweeney Todd. Er gestaltet den titelgebenden Barbier mit großer Bühnenpräsenz und verleiht der Figur eine finstere Entschlossenheit, die von Beginn an spürbar ist. Gesanglich überzeugt er mit kraftvoller Ausdrucksfähigkeit und sicherer Linienführung. Seine Interpretation verzichtet auf übertriebene Effekte und setzt auf Glaubwürdigkeit.
Zur eigentlichen Entdeckung des Abends wird jedoch Navina Heyne als Mrs. Lovett. Mit komödiantischem Gespür, pointiertem Timing und einer scheinbar mühelosen Spielfreude entwickelt sie die Bäckerin zur schillerndsten Figur der Aufführung. Ihre Szenen mit Borchert gehören zu den Höhepunkten des Abends, weil sich makabrer Humor und grausame Realität auf faszinierende Weise miteinander verbinden. Gesanglich bewegt sie sich sicher durch Sondheims anspruchsvolle Partitur.
Auch Lavinia Husmann überzeugt als Johanna Barker mit klarem Sopran und glaubwürdigem Spiel. Leo J. Ehmke stattet Tobias Ragg mit großer Natürlichkeit aus und entwickelt die Wandlung der Figur nachvollziehbar. Steffen Neutze verkörpert Richter Turpin als autoritären Machtmenschen mit bedrohlicher Ausstrahlung, Marcus Billen gibt den Büttel Bamford mit der passenden Mischung aus Unterwürfigkeit und Selbstgefälligkeit, während Aleksandra Nygaard als Bettlerin ihrer Figur eine geheimnisvolle Aura verleiht, die sich im Verlauf der Handlung zunehmend verdichtet.
Doch nicht alle Rollen erreichen dieses Niveau. Andrea Marchetti bleibt als Anthony Hope darstellerisch blass. Dem jungen Seemann fehlt die notwendige Strahlkraft, so dass seine Liebesgeschichte mit Johanna weniger Gewicht erhält, als ihr innerhalb des Stückes zukommt. Auch Karl Schneider kann als Adolfo Pirelli nur eingeschränkt überzeugen. Zwar erfüllt er die Funktion der Figur innerhalb der Handlung, doch mangelt es seiner Darstellung an der gewissen exzentrischen Überzeichnung, die den selbsternannten Wunderbarbier zu einer der schillerndsten Nebenfiguren machen kann.
Wer nach radikalen Lesarten sucht, dürfte mit diesem „Sweeney Todd“ kaum überrascht werden. Wer sich hingegen auf Sondheims meisterhaft komponierte Verbindung aus düsterem Thriller, grotesker Komödie und musikalischer Raffinesse einlassen möchte, erlebt in Lüneburg einen insgesamt überzeugenden Musicalabend.
Text: Christoph Doerner

