Ein Märchen neu erzählt: „Snow White and me“ in Tecklenburg
Mit „Snow White and me“ gelingt den Freilichtspielen Tecklenburg ein großer Wurf. Das Musical mit Musik und Songtexten von Pippa Cleary sowie Buch und weiteren Songtexten von Philip LaZebnik und Ronald Kruschak verbindet eingängige, moderne Musik mit einer ebenso humorvollen wie klugen Geschichte. Die Dialogübersetzung von Ronald Kruschak und vor allem Wolfgang Adenbergs deutsche Songtexte treffen den Ton der Vorlage hervorragend: pointiert, zeitgemäß und mit feinem Gespür für Rhythmus und Wortwitz. Das Ergebnis ist wahrscheinlich das beste Familienmusical, das bislang auf der Tecklenburger Freilichtbühne zu erleben war.
Dabei richtet sich die Produktion nicht ausschließlich an die Jüngsten. Zwar entfaltet die märchenhafte Welt ihren Reiz auch für Kinder, doch die zahlreichen Anspielungen und die vielschichtigen Figuren erschließen sich vor allem älteren Zuschauerinnen und Zuschauern. Hinzu kommt die Spieldauer von rund zwei Stunden. Dass die ursprünglich noch umfangreichere Vorlage für Tecklenburg gekürzt wird, erweist sich dabei als kluge Entscheidung.
Im Mittelpunkt der Story stehen klassische Stoffe als Ausgangspunkt, deren Rollenbilder jedoch mit Charme und Witz auf den Prüfstand gestellt werden. Die Prinzessinnen warten nicht auf ihre Rettung, sondern bestimmen selbst über ihr Leben. Auch die Männer dürfen von traditionellen Erwartungen abrücken. Dass der böse Wolf und Rumpelstilzchen als queeres Paar gemeinsam ein Baby großziehen, fügt sich ganz selbstverständlich in diese Welt ein. Wer Märchen ausschließlich als unveränderbare Vorlage begreift, dürfte an dieser Interpretation Anstoß nehmen. Doch gerade dadurch wirkt das Stück erfreulich gegenwärtig, ohne seinen märchenhaften Zauber einzubüßen. Es verbindet Leichtigkeit mit ernsthaften Fragestellungen und erzählt von Selbstbestimmung, Vielfalt und dem Mut, den eigenen Weg einzuschlagen.

Janina Niehus und Jan Altenbockum finden als Regie- und Choreografie-Team für diese Geschichte genau den richtigen Ton. Ihre Inszenierung lebt von Tempo, Komik und liebevoll entwickelten Figuren, gönnt sich aber ebenso ruhige Augenblicke. Besonders eindrucksvoll gerät die Szene, in der Alex und Doro gemeinsam von vergangenen Zeiten singen, während ihre jüngeren Ichs die Erinnerung bildlich auf der Bühne entstehen lassen. Hier verschmelzen Musik, Spiel und Regie zu einem bewegenden Moment voller Wärme und Poesie.
Musikalisch zählt „Snow White and me“ ohnehin zu den stärksten Familienmusicals der vergangenen Jahre. Pippa Cleary gelingt eine Partitur voller eingängiger Melodien, abwechslungsreicher Ensembles und mitreißender Solonummern. Die Songs gehen ins Ohr, ohne beliebig zu wirken, und verleihen den Figuren individuelle Konturen. Obwohl die Musik digital zugespielt wird, verliert die Show nichts von ihrer Wirkung. Der Gesang wurde von Giorgio Radoja hervorragend einstudiert, so dass Solistinnen, Solisten und Ensemble die anspruchsvollen Nummern sicher und mit großer Spielfreude präsentieren.
Einen erheblichen Anteil am Gelingen besitzt das Bühnenbild von Jens Janke, das zu den schönsten seiner Tecklenburger Arbeiten zählt. Ein märchenhafter Wald eröffnet den Blick in eine fantasievoll gestaltete Welt. Türme aus aufgeschlagenen Buchseiten, überdimensionale Märchenbücher und zahlreiche raffinierte Verwandlungsmöglichkeiten schaffen ständig neue Bilder. Besonders originell gerät das aufklappbare Märchenbuch von „Hänsel und Gretel“, das im Inneren das Hexenhaus mitsamt Hänsels Käfig preisgibt. Immer wieder nutzen die Figuren die riesigen Buchseiten als Verstecke oder überraschende Auftritte. So entsteht eine Bühne, die selbst zum Erzähler wird.

Ebenso überzeugend fallen die Kostüme von Fabienne Ank aus. Farbenfroh, verspielt und fantasievoll entwirft sie für jede Figur einen unverwechselbaren Look. Vor allem die Prinzessinnen und Prinzen erhalten prachtvolle Gewänder, die den Märchencharakter unterstreichen und zugleich modern wirken. Den größten Eindruck hinterlässt jedoch der Wolf mit einem originellen, bis ins Detail ausgearbeiteten Kostüm. Philip Hagers Maskenbild ergänzt diese Gestaltung stimmig und rundet das Erscheinungsbild sämtlicher Figuren wirkungsvoll ab.
Auch der Kindernachwuchs fügt sich dank der Einstudierung von Gülfidan Söylemez selbstverständlich in das Bühnengeschehen ein. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller spielen konzentriert und tragen dadurch zur Lebendigkeit der Aufführung bei.
Gioia Heid überzeugt als Alex mit großer Natürlichkeit und resolutem Auftreten. Sie gestaltet ihre Figur glaubwürdig zwischen Neugier und Selbstvertrauen. Gesanglich meistert sie die Partie ebenfalls souverän und verleiht den emotionaleren Szenen ebenso viel Ausdruck wie den humorvollen Momenten.

Lara Schitto steht ihr als Doro in nichts nach. Sie verbindet das affektierte Prinzessinnen-Gehabe mit jugendlicher Frische sowie starker Bühnenpräsenz und entwickelt gemeinsam mit Gioia Heid ein authentisches, harmonisches Zusammenspiel. Gerade im gemeinsamen Duett entfalten beide Stimmen eine besondere Qualität.
Niklas Roling zeichnet Prinz Florian erfreulich differenziert. Sein Prinz löst sich angenehm von gängigen Märchenklischees und gewinnt dadurch an Profil. Mit klarem Gesang und sympathischer Ausstrahlung macht er die Entwicklung seiner Figur – selbst als Frosch – jederzeit nachvollziehbar.
Lisa Kolada verleiht Endora eindrucksvolle Präsenz. Ihre böse Königin besitzt Autorität und die nötige Portion Bedrohlichkeit. Gesanglich setzt sie kraftvolle Glanzpunkte und nutzt ihre Bühnenwirkung souverän aus.

Für viele der komischsten Momente sorgen Christian Rosprim als Rumpelstilzchen und Mathias Meffert als Wolf. Beide entwickeln ein wunderbar aufeinander abgestimmtes Duo, das mit Spielfreude, perfektem Timing und Charme begeistert. Gleichzeitig gewinnen ihre Figuren durch die liebevolle Gestaltung eine große Herzlichkeit, die den bösen Wolf streckenweise gar nicht so böse erscheinen lässt.
Auch in den weiteren Rollen präsentiert sich das Ensemble auf hohem Niveau. Franziska Wagner als Aschenputtel, Myriam Akhoundov als Dornröschen und Annika Hagen als Rapunzel setzen ebenso gelungene Akzente wie Tim Grimme als Geist und Spiegel. Tillmann Schmuhl als Aschenputtels Prinz sowie Michael Berres als Dornröschens Prinz vervollständigen das starke Gesamtbild mit überzeugenden Leistungen.
Am Ende steht ein Musical, das klassische Märchen neu denkt, ohne deren Magie zu verlieren. Es unterhält mit Witz, berührt mit seinen Figuren und begeistert mit einer außergewöhnlich starken Musik. Die fantasievolle Ausstattung, die kluge Regie und ein durchweg glänzend aufgelegtes Ensemble machen „Snow White and me“ zu einem Höhepunkt der Tecklenburger Saison 2026 – und zu einer Produktion, die alle anspricht, die bereit sind, vertraute Geschichten aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Text: Dominik Lapp

