Janina Niehus führt Regie bei „Rocky“ in Tecklenburg. ( Foto: Dominik Lapp)
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Zwischen Boxringseilen in Philadelphia: Wie Janina Niehus in Tecklenburg das Musical „Rocky“ neu erzählt

Noch eine halbe Stunde vor dem abendlichen Probenbeginn für das Musical „Rocky“ zieht ein Gewitter über die Freilichtbühne Tecklenburg. Regen prasselt auf die Bühne, dann scheint wieder die Sonne. Als sich der Himmel öffnet, merkt Co-Choreograf Alec Agalarov an: „Heute hatten wir alle Klimazonen.“ Festspielchef Markus Söllner kontert trocken: „Ab der Premiere haben wir nur noch Sonnenschein.“

Auf der Bühne selbst herrscht bereits ein anderer Zustand: Konzentration. Keine Endprobenhektik, keine Krisenstimmung. Man liegt voll im Plan. „Wir sind mit dem Stück schon durch“, sagt Regisseurin Janina Niehus nicht ohne Stolz. Was jetzt folgt, heißt im Theaterjargon „putzen“: Szenen werden wiederholt, Übergänge geschärft, Ungenauigkeiten ausgebügelt.

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Kammerspiel auf großer Naturbühne

An diesem Abend gehört die Bühne dem Chor. Die Solistinnen und Solisten sowie das Ensemble haben frei, die semiprofessionellen Mitwirkenden arbeiten weiter. Und genau das passt zu dieser Produktion. Denn wenn Niehus über ihre Inszenierung spricht, spricht sie erstaunlich selten zuerst über den Boxer Rocky, sondern vielmehr über eine Stadt. Dass sie den Film vor Beginn ihrer Arbeit kaum kannte, erzählt sie offen. Statt nostalgischer Verehrung stand zunächst Recherche: zuerst das Musicalbuch, dann der Film – und schließlich Philadelphia.

Für die Regisseurin wurde schnell klar, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Boxsport liegt, sondern im Raum. Das Musical „Rocky“ sei im Kern ein Kammerspiel: intime Szenen, kleine Wohnungen, wenige Figuren. Tecklenburg dagegen bietet eine monumentale Freilichtbühne. „Ich wollte vermeiden, einfach immer nur zwei Personen auf großer Fläche stehen zu haben“, sagt sie. Die Lösung fand sie nicht in größerem Spektakel, sondern in größerer Wirklichkeit.

Philadelphia wird in ihrer Lesart zur eigentlichen Hauptfigur. Janina Niehus recherchierte die Geschichte der Stadt, ihre Einwanderungsgeschichte, ihre industrielle Entwicklung und die sozialen Realitäten der 1970er-Jahre. Aus diesen historischen Schichten entwickelt sie die Lebenswelt der Figuren.

So entstehen auf der Bühne nicht nur Wohnungen und Trainingsräume, sondern Straßen, Begegnungen und Alltag. Menschen, die vorbeiziehen. Nachbarschaften. Kleine Beobachtungen. Nicht als dekorative Massenszenen, sondern als soziale Topografie. Dabei bleibt die Inszenierung bewusst in ihrer Zeit verankert. Keine Modernisierung, keine Aktualisierung um ihrer selbst willen.

Janina Niehus führt Regie bei „Rocky“ in Tecklenburg. ( Foto: Dominik Lapp)
Die Chorprobe beginnt damit, dass Regisseurin Janina Niehus einzelne Szenen durchgeht und den Sängerinnen und Sängern sagt, an welchen Stellen sie noch etwas anpassen müssen. Nach der Theorie wird das direkt in die Praxis umgesetzt – auf der Bühne.

Kein gebrochener Außenseiter

„Eigentlich ist das inzwischen fast ein historisches Stück“, sagt Niehus. Die Siebzigerjahre seien heute weit genug entfernt, um als eigene gesellschaftliche Realität mit anderen Rollenbildern, anderen Selbstverständlichkeiten und anderen Biografien verstanden zu werden.

Diese historischen Bedingungen interessieren sie mehr als nachträgliche Kommentare. Figuren sollen nicht an heutigen Maßstäben gemessen, sondern aus ihren Lebensumständen heraus verstanden werden. Das verändert auch den Blick auf die Titelfigur.

Rocky erscheint bei Niehus nicht als gebrochener Außenseiter, der erst gerettet werden muss. Eher als jemand, der bereits angekommen ist – in seinem Viertel, in seinen Beziehungen, sogar in den Widersprüchen seines Lebens.

„Für mich beginnt alles damit, dass Rocky grundsätzlich okay ist mit seinem Leben“, verrät sie im Gespräch. Diese Lesart verschiebt den Schwerpunkt der Geschichte: Nicht der Aufstieg steht im Mittelpunkt, sondern die Bewegung, die entsteht, wenn ein Mensch plötzlich Möglichkeiten bekommt, die er nie eingefordert hat.

Größte Orchesterbesetzung und monatelanges Boxtraining

Auch klanglich wird die Produktion größer als üblich. Musikalischer Leiter ist Giorgio Radoja, der mit sichtbarem Stolz vom Orchestergraben srpicht. Statt der ursprünglich in der Partitur vorgesehenen neun Musiker spielen hier 16. „Das ist die größte Besetzung, die es je gab“, sagt er. „Mit echten Bläsern und echten Streichern.“ Ein Satz, der im Musicalbetrieb Gewicht hat: Oft werden diese Instrumentengruppen inzwischen durch Keyboards ersetzt. Gemeinsam mit Janina Niehus wurden zudem Ensemblepassagen erweitert. Mehr Klangfläche für den großen Raum, ohne die Intimität der Geschichte zu verlieren.

Dass Bewegung dabei nicht bloß Dekoration bleibt, ist auch der Handschrift von Choreografin Faye Heather Anderson anzumerken, die die ersten Probenwochen vor Ort begleitet hat und inzwischen bereits im nächsten Job in Mörbisch arbeitet. Ihr Co-Choreograf Alec Agalarov führt die Arbeit fort. Die Choreografie soll nicht ausstellen, sondern erzählen.

Auch die Boxkämpfe folgen diesem Prinzip. Sie entstehen aus Training, Timing und Vertrauen. Monate vor Probenbeginn haben die beiden Hauptdarsteller – Lucas Baier spielt Rocky und Vic Anthony spielt Apollo – bereits gemeinsam gearbeitet. Nicht nur an Technik, sondern daran, Bewegungen lesen zu lernen. Denn ein Bühnenkampf, weiß die Regisseurin, sei am Ende nichts anderes als eine Choreografie.

Und irgendwo zwischen all den Überlegungen über Einwanderung, Klangräume, Stadtbilder und Seilkonstruktionen – Niehus sagt lachend, sie habe noch nie in ihrem Leben so viel über Seile gesprochen wie bei dieser Produktion – wartet noch die Frage, die alle beschäftigt: Was passiert mit dem Boxring? Die legendäre Hamburger Lösung mit Ring im Zuschauerraum wird es nicht geben. Dafür etwas Eigenes. Mehr verrät die Regisseurin nicht.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".