„Rocky“ in Hamburg
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Ganz großes Kino: „Rocky“ in Hamburg

Anfangs schien es, mit Verlaub, beinahe wie ein schlechter Scherz seitens Stage Entertainment. Zumindest wurde deren jüngstes Vorhaben für das Operettenhaus in Hamburg von Presse und Rundfunk genüsslich ausgeschlachtet. „Rocky“ als Musical? Sylvester Stallones liebstes Kind, fürwahr. Immerhin aber ein Kind der Siebziger. Fraglich war also, wie breit das potenzielle Publikum sein würde, das Thomas Meehan und Sylvester Stallone (Buch), Stephen Flaherty (Musik) und Lynn Ahrens (Songtexte) bedienen könnten.

Andererseits bringt der Stoff alles mit, was ein erfolgreiches Musical ausmacht: Einen Underdog, der seinen ausweglos erscheinenden Weg an die Spitze beschreitet, der sich – im wahrsten Sinne des Wortes – durchboxt. Blut. Schweiß. Tränen. Und nicht zuletzt die Liebesgeschichte zweier Menschen, an der beide wachsen, auch über sich hinaus. Das ganz große „Adriaaan!“-Feeling eben.

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So viel sei verraten, allen Unkenrufen zum Trotz: „Rocky“ könnte wirklich das nächste große Ding werden. Und: Es fällt schwer, angesichts dieser testosteronüberladenen Material- und Gefühlsschlacht der Unparteiische, der objektive Berichterstatter also, zu bleiben!

„Rocky“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Das liegt, es nimmt kaum Wunder, schon allein an den Hauptdarstellern. Drew Sarich macht eine mehr als gute Figur, überzeugt durch überlegene Technik, ist durchweg treffsicher – im Ring, gesanglich, darstellerisch. In seinem Spiel schwingt tatsächlich etwas von Balboa anno 1976 mit, diesem schluffigen, knuffigen, immer etwas deplatziert und naiv wirkenden Typen, der eine Sache wirklich gut kann: einstecken und wieder aufstehen. Gleichzeitig katapultiert das Buch seinen Protagonisten mitten ins Herz einer neuen (Hip-Hop-affinen) Generation: Sein „Yo, Adrienne!“ passt so gänzlich ins geografische Umfeld von Jan Delay und Co.

Wietske van Tongeren gibt eine gänzlich unprätentiöse Adrian, statt von Anfang an alle Register zu ziehen, stellt sie sich ganz in den Dienst ihrer Rolle und des Stückes. Erst Mitte des zweiten Aktes, im Streit mit ihrem Bruder Paulie (Patrick Imhof), bricht die schüchterne Schale entzwei – und enthüllt die strahlende, stimmliche Kraft der gebürtigen Holländerin.

Nicht unerwähnt bleiben soll Terence Archie, der als Apollo Creed weitere Glanzpunkte setzt. Und dies nicht nur dank seines beneidenswerten Oberkörpers, der im Finalkampf allein schon zu Begeisterungsstürmen hinreißt. An beiden Ufern!

Sylvester Stallone bei der Medienpremiere von „Rocky“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Drei Stimmen jedoch tragen allein noch keinen Abend. Sie müssen eingebettet sein in Kompositionen, die in ihren besten Momenten den unbedingten Willen zur zeitlosen Melodie erkennen lassen – und dass sich Flaherty auf sein Handwerk versteht, dafür liefert das erste große Liebesduett einen ein- und nachdrücklichen Beweis. Sie müssen eingebettet sein in eine Regie, die die innere Wandlung der Hauptakteure bedient und im nächsten Augenblick die bekanntesten Film-Zitate gekonnt in Szene setzt – und hier hat Regisseur Alex Timbers in Christopher Barreca (Bühnenbild) einen kongenialen Partner gefunden.

All das, was einen sonst von Fall zu Fall an Stage-Produktionen befremdet, schlimmstenfalls überfordert oder gar abstößt, hier ist es zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und auch wenn die gigantischen Rinderhälften zum einzigen (und daher fast sympathisch wirkenden) technischen Fehler führen: Spätestens, wenn zum Kampf um den Weltmeistertitel zwischen Rocky und Apollo der Ring in den Zuschauerraum manövriert wird, mag es so richtig niemanden mehr auf seinem Platz halten.

Warum auch? Die 15 Runden, die von den Besuchern der Medienpremiere kollektiv abgefeiert werden, zeigen doch par excellence, wozu Theater auch in der Lage ist: ein Gemeinschafts–, im Einzelfall womöglich sinnstiftendes Ereignis. Ganz großes Kino eben. Der Auftritt Stallones, der im Schlussapplaus „It’s all about the Fight!“ als Lebensmotto ausgibt, erscheint da fast schon logisch.

Text: Jan Hendrik Buchholz

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Jan Hendrik Buchholz ist studierter Theaterwissenschaftler, Germanist sowie Publizist und lässt in verschiedenen Ensembles und als Solokünstler seit 1992 von sich hören, vorzugsweise eigenes Material. Als Rezensent schrieb er für das Onlinemagazin thatsMusical und die Fachzeitschrift "musicals". Zweieinhalb Jahre lang war er zudem Dramaturg sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Allee Theater Hamburg, anschließend Leiter der Kommunikationsabteilung der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen.