„Into the Woods“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)
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Bezaubernd: „Into the Woods“ in Hamburg

Märchen enden mit einem Happy End – zumindest meistens. Doch Stephen Sondheim (Musik und Songtexte) und James Lapine (Buch) stellen dieses Versprechen in „Into the Woods“ konsequent infrage. Was zunächst wie ein geschickt verwobenes Märchen-Potpourri aus Aschenputtel, Rotkäppchen und Rapunzel beginnt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Verantwortung, Verlust und den Folgen eigener Entscheidungen. Die deutsche Fassung von Michael Kunze findet dafür treffende Worte, während Sondheims anspruchsvolle Partitur den Darstellenden musikalisch Höchstleistungen abverlangt.

Am First Stage Theater in Hamburg wagt sich ausgerechnet der Nachwuchs an dieses nicht gerade einfache Werk – und das mit großem Erfolg. Sämtliche Mitwirkenden stehen noch in der Ausbildung an der Stage School. Das Semesterprojekt markiert den Übergang vom zweiten ins dritte Ausbildungsjahr und ist weit mehr als ein bloßes Projekt. Die Studierenden übernehmen nicht nur sämtliche Rollen auf der Bühne, sondern bilden ebenso das komplette Kreativteam. Das Ergebnis beweist eindrucksvoll, welches Potenzial in diesem Jahrgang steckt.

Regisseur Timon Strick erzählt die Geschichte klar und schnörkellos. Die zahlreichen Handlungsstränge bleiben jederzeit nachvollziehbar, unnötige Längen entstehen trotz der komplexen Vorlage dank kluger Kürzungen nicht. Vor allem die Figuren erhalten genügend Raum, um sich zu entwickeln. Dabei vertraut Strick dem Text und den Darstellenden, anstatt die Inszenierung mit überflüssigen Ideen zu überladen. Gleichzeitig unterstützt sein Lichtdesign die wechselnden Stimmungen wirkungsvoll und lässt den Wald mal geheimnisvoll, mal bedrohlich erscheinen.

Auch die Ausstattung überzeugt. Emma Beckmann und Nina Oeter setzen auf eine überwiegend schwarze Bühne, in der Bäume den Märchenwald andeuten und einzelne Räume lediglich skizziert werden. Gerade diese Reduktion eröffnet genügend Platz für die Fantasie des Publikums und lenkt den Blick auf das Spiel.

Die Kostüme von Marek Blaß und Emma Kosmanek orientieren sich an den jeweiligen Figuren, wirken stimmig und sehen zugleich ausgesprochen hochwertig aus. Marla Günthers Choreografie nimmt zwar keinen großen Raum ein, setzt aber immer wieder hübsche Akzente.

„Into the Woods“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Musikalisch ist das Ensemble bei Paula Gorek und Deborah Joss bestens aufgehoben. Dass die Begleitung bei diesem Projekt aus der Konserve kommt, schmälert den positiven Eindruck kaum, weil die musikalische Einstudierung durchweg auf hohem Niveau liegt.

Im Mittelpunkt steht das Bäcker-Ehepaar. Elias Niesner stattet den Bäcker mit glaubwürdiger Unsicherheit aus. Seine Entwicklung vom zögerlichen Mitläufer zu einem Mann, der Verantwortung übernimmt, gestaltet er nachvollziehbar und mit angenehmer Natürlichkeit. Auch gesanglich bewältigt er Sondheims anspruchsvolle Linien sicher.

Sarah Banz verleiht der Frau des Bäckers viel Temperament, Witz und Herzlichkeit. Sie besitzt eine starke Bühnenpräsenz, spielt mit großer Selbstverständlichkeit und gestaltet ihre Figur facettenreich. Auch vokal liefert sie ab und harmoniert hervorragend mit ihrem Bühnenpartner.

Julia Schütz prägt den Abend als Hexe nachhaltig. Sie verbindet bissigen Humor mit verletzlicher Menschlichkeit und macht deutlich, dass hinter der schroffen Fassade weit mehr steckt als bloße Boshaftigkeit. Gesanglich meistert sie die enormen Anforderungen der Partie und verleiht der Figur Ausdruck.

Annalena Doppler zeigt ein Aschenputtel, das nicht nur träumt, sondern zunehmend selbst Entscheidungen trifft. Mit feinem Spiel zeichnet sie den inneren Konflikt ihrer Figur glaubhaft nach und überzeugt mit einem klar geführten Sopran. Marie Alram bringt als Rotkäppchen viel Spielfreude auf die Bühne. Anfangs herrlich unbekümmert, gewinnt ihre Figur nach den Erlebnissen im Wald sichtbar an Reife. Diese Entwicklung arbeitet sie überzeugend heraus und sorgt gleichzeitig immer wieder für humorvolle Momente.

„Into the Woods“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Leo Riegger macht Hans keineswegs zum einfältigen Tollpatsch, sondern zeichnet ihn als liebenswerten Optimisten. Seine offene Ausstrahlung passt hervorragend zur Rolle, während er gesanglich ebenfalls eine starke Vorstellung abliefert. Tobias Remmel führt als Erzähler souverän durch das Geschehen. Seine klare Sprache und seine angenehme Bühnenpräsenz geben der Handlung dabei Struktur.

Auch in den Nebenrollen stimmt das Niveau. Jan Paschelke sorgt als Wolf für den nötigen Schuss Gefahr und Eleganz. Chase Tolbert als Aschenputtels Prinz und Max Nikolaos Karafotias als Rapunzels Prinz setzen ihre selbstverliebten Märchenhelden mit augenzwinkerndem Charme um.

Michaela Witz und Tabea Günther bilden als Florinda und Lucinda ein herrlich überzeichnetes Stiefschwestern-Duo, während Selina Decho als Stiefmutter den passenden Gegenpol liefert. Fiona Skuppin gestaltet Rapunzel mit feinem Gesang, und Ann-Kathrin Bognar verleiht Hans‘ Mutter die notwendige Bodenständigkeit.

Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, dass dieses Semesterprojekt weit über eine Übungsproduktion hinausgeht. Die Studierenden präsentieren sich mit beeindruckender Professionalität und meistern eines der musikalisch wie darstellerisch anspruchsvollsten Werke des Musicalrepertoires mit großem Engagement.

Das First Stage Theater bietet seinem Nachwuchs dafür die passende Bühne – und das Publikum erlebt einen Abend, der eindrucksvoll zeigt, wie hoch das Niveau der Ausbildung an der Stage School Hamburg inzwischen ist. Wer wissen möchte, welche Namen die Musicalszene in den kommenden Jahren prägen könnten, findet in dieser Produktion Antworten.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".