„Peter van Pels“ in Osnabrück
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Anne Franks Freund kam aus Osnabrück: Wie Peter van Pels dort nun als Opernfigur seine eigene Stimme bekommt

Martinistraße, Osnabrück. 1930er-Jahre. Ein Haus, ein Eckfenster. Hier hat Peter van Pels gewohnt. Von diesem Ort aus beginnt die Geschichte einer Oper, die weit über Osnabrück hinausführen wird: nach Amsterdam, in das Versteck an der Prinsengracht, nach Auschwitz und schließlich nach Mauthausen. Am Ende führt der Weg zurück nach Osnabrück – zu einem Stolperstein.

„Peter van Pels“ heißt das Auftragswerk, das das Theater Osnabrück nun als Opernuraufführung auf die Bühne bringt. Intendant Ulrich Mokrusch hat die Produktion gemeinsam mit Komponist Anno Schreier und Librettist Joscha Schaback entwickelt. Er führt selbst Regie.

Verbindung zu Osnabrück

Dass Peter van Pels überhaupt einmal zum Mittelpunkt einer Oper werden würde, war für Mokrusch zunächst alles andere als selbstverständlich. Als er vor einigen Jahren nach Osnabrück kam, wusste er selbst nicht, dass Anne Franks Freund und Mitbewohner aus der Stadt stammte.

„Ich glaube, das wissen erstaunlich viele Osnabrücker nicht“, sagt der Regisseur. Er stieß auf die Geschichte bei der Lektüre eines Buches über die Menschen aus dem Hinterhaus nach dessen Entdeckung. Sieben von ihnen starben in Konzentrationslagern, einer überlebte. Einer der Toten war Peter van Pels.

Die Martinistraße 67a in Osnabrück war der Wohnort von Peter van Pels (Foto: Dominik Lapp)
In der Martinistraße 67a in Osnabrück lebte Peter van Pels einst mit seinen Eltern.

Dann entdeckte Ulrich Mokrusch die Verbindung zu Osnabrück. Und plötzlich wurde aus historischer Distanz unmittelbare Nähe. „Ich war erst ungefähr sechs Wochen am Theater Osnabrück“, erinnert er sich. Bei seinen Recherchen stellte er fest, dass Peter van Pels ganz in der Nähe der heutigen Wohnung des Intendanten lebte.

Aus dieser Entdeckung entwickelte sich langsam die Idee für die Oper. Je intensiver Mokrusch recherchierte, desto mehr Spuren führten in die Stadt. Eine wichtige Gesprächspartnerin wurde die Osnabrücker Historikerin Martina Sellmeyer, die sich seit Jahren mit Peter van Pels und seiner Familie beschäftigt.

Peter im Schatten von Anne

Die vielleicht größte Herausforderung lag darin, den jüdischen Jungen aus dem Schatten Anne Franks herauszulösen. Weltweit kennen Millionen Menschen ihren Namen und ihr Tagebuch. Peter ist dagegen vor allem als der Junge bekannt, der gemeinsam mit Anne im Hinterhaus lebte und mit ihr eine kurze Liebesgeschichte hatte. Genau das sollte sich ändern.

„Die Herausforderung war, Peter eine eigene Stimme zu geben“, sagt Mokrusch. Deshalb erzählt die Oper ausdrücklich nicht einfach die Geschichte Anne Franks neu. Das Tagebuch ist zwar Grundlage und Hintergrund, doch die Dialoge und die Osnabrücker Stationen sind erfunden. Nur ein einziges Zitat aus dem Tagebuch wurde übernommen und dafür entsprechend autorisiert.

Ulrich Mokrusch (Foto: Dominik Lapp)
Ulrich Mokrusch ist Intendant des Theaters Osnabrück und inszeniert die Opernuraufführung.

Statt Anne in den Mittelpunkt zu stellen, rückt die Inszenierung Peter ins Zentrum. Dabei geht es auch um die Frage, wie ein jüdischer Junge seine Kindheit und Jugend in Osnabrück erlebt haben könnte. Um Ausgrenzung und Verfolgung, aber auch um Schule, Freundschaft und Liebe. Und um das ganz normale Leben eines Jugendlichen, das selbst im Versteck nicht vollständig verschwindet.

Menschen nicht nur als Opfer zeigen

Dass es in einer Oper über den Holocaust auch humorvolle oder leichte Momente gibt, hat bei Proben bereits Schülerinnen und Schüler beschäftigt. Wie könne eine solche Geschichte manchmal lustig sein, wenn sie doch so traurig sei? Mokruschs Antwort ist auch eine Erklärung für den Ton der Inszenierung: „Das Leben wird nach vorne gelebt.“

Die Menschen im Versteck wussten, dass der Holocaust existierte. Sie wussten aber nicht, ob und wann er sie erreichen würde. Sie hofften auf die Alliierten, hörten BBC und warteten. Zwei Jahre lang. Und während sie warteten, blieb ein Stück Normalität. Sie lernten Sprachen und Stenografie, stritten sich, machten Pläne. Und zwei Jugendliche verliebten sich ineinander. Anne Frank selbst schrieb darüber, wie glücklich sie ein Kuss mit Peter machte.

„Natürlich gab es deshalb auch ein normales pubertierendes Leben“, erklärt der Regisseur. Gerade diese Seiten gehören für ihn zur Wahrheit der Geschichte. Es soll nichts romantisiert werden. Aber die Menschen, deren Leben zerstört wurde, sollen auch nicht ausschließlich als Opfer gezeigt werden.

Stolperstein für Peter van Pels in Osnabrück (Foto: Dominik Lapp)
Ein Stolperstein in der Osnabrücker Martinistraße erinnert an Peter van Pels. Das Sterbedatum ist jedoch nicht mehr aktuell. Mittlerweile weiß man, dass Peter nicht am 5. Mai 1945 starb. An dem Tag wurde das KZ Mauthausen befreit – Peter starb fünf Tage später, am 10. Mai 1945.

Beim Stolperstein schließt sich der Kreis

Die Oper beginnt deshalb nicht im Hinterhaus der Prinsengracht. Sie beginnt in Osnabrück. Von dort führt die Geschichte über Amsterdam nach Auschwitz und Mauthausen, wo Peter van Pels am 10. Mai 1945, fünf Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers, starb.

Das Bühnenbild verbindet dabei historische Dokumente mit der Gegenwart. Auf einen Pflasterstein werden Bilder der Martinistraße projiziert. Später sind historische Aufnahmen aus Amsterdam zu sehen, darunter das Hinterhaus und Anne Franks Fenster. Der Weg endet wieder dort, wo er begonnen hat: in Osnabrück. Beim Stolperstein für Peter van Pels schließt sich der Kreis.

Entwicklung eng begleitet

Ulrich Mokrusch hat die Entwicklung des Stücks von Beginn an eng begleitet. Als Intendant musste er nicht nur einen Komponisten und einen Librettisten finden, sondern gemeinsam mit ihnen entscheiden, welche Geschichte überhaupt erzählt werden soll. Chronologisch? Als Rückblende? In einzelnen Schlaglichtern? Als Jugendoper oder als Stück für ein möglichst breites Publikum?

Peter van Pels
Peter van Pels starb im Alter von 18 Jahren. Es gibt nur wenige Fotos von ihm.

Schließlich fiel die Entscheidung für Anno Schreier als Komponisten. Ein entscheidendes Kriterium war für Mokrusch, dass Schreier erzählende Musik schreiben wollte – und Musik, die auch Menschen erreichen kann, die wenig Erfahrung mit Oper haben.

Das Stück dauert rund 70 Minuten. Das war bewusst so angelegt, damit auch Schulvorstellungen möglich sind. Mokrusch war anfangs skeptisch, ob sich ein Stoff von dieser Größe in einer solchen Länge erzählen lässt. Inzwischen ist er überzeugt: „Es fehlt nichts. Die Oper erzählt viel und geht tief.“

Keine lokale Angelegenheit

Dass „Peter van Pels“ nach der Uraufführung auch an anderen Häusern gespielt werden könnte, würde der Intendant des Osnabrücker Theaters begrüßen. Denn für ihn ist die Geschichte längst keine rein lokale Angelegenheit. Entscheidend sei, dass die Oper einen Zugang zu einem Thema ermögliche, das häufig mit Pflichtgefühl und Schwere verbunden werde. „Es ist nicht einfach eine blöde Geschichtsstunde, die man moralgetrieben absitzen muss, weil sie angeblich wichtig ist“, sagt Mokrusch. „Es ist wirklich ein guter Theaterabend.“

Die Idee hinter diesem Abend: Peter van Pels nicht länger nur als Nebenfigur in Anne Franks Geschichte zu betrachten. Sondern als jungen Mann aus Osnabrück, mit einer eigenen Kindheit, eigenen Hoffnungen und einer eigenen Stimme.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".