„Peter Pan“ in Nettelstedt (Foto: Dominik Lapp)
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Neubearbeitung eines Klassikers: „Peter Pan – Wer ist schon erwachsen?“ in Nettelstedt

Wer möchte schon erwachsen werden, wenn das Leben stattdessen aus fliegenden Kindern, Piraten, Meerjungfrauen, Feenstaub und einem riesigen Krokodil bestehen kann? Die Freilichtbühne Nettelstedt nimmt sich mit „Peter Pan – Wer ist schon erwachsen?“ einen Stoff vor, der seit Generationen zwischen Kinderzimmer und Weltliteratur pendelt, und verpasst ihm eine eigene, zeitgemäße Bühnenfassung. Das Ergebnis ist ein kurzweiliges Familienmusical, das den bekannten Abenteuern von Peter, Wendy und den verlorenen Kindern reichlich Tempo, Fantasie und Musik mitgibt.

Michael Przewodnik zeichnet für Buch, Songtexte und Regie verantwortlich und bearbeitet die Vorlage so, dass sie auch heutigen Familien selbstverständlich zugänglich ist. Vor allem dort, wo der klassische Peter-Pan-Stoff aus heutiger Sicht problematische oder überholte Vorstellungen transportiert, findet die Inszenierung zeitgemäße Lösungen, behält aber den märchenhaften Charakter der Geschichte bei. Das ist eine der Stärken dieser Fassung: Sie will den Klassiker nicht konservieren, sondern ihn für ein heutiges Publikum spielbar machen.

Mit rund 1:45 Stunden inklusive Pause bleibt die Produktion familientauglich. Die Handlung wird dabei nicht unnötig ausgebreitet, sondern zügig vorangetrieben. Przewodnik setzt auf schnelle Szenenwechsel, klare Figurenzeichnung und viel Bewegung. So entsteht ein Stück, das auch jüngere Menschen im Publikum bei der Stange hält und zugleich genügend Situationskomik und liebevolle Details für die Erwachsenen bereithält.

„Peter Pan“ in Nettelstedt (Foto: Dominik Lapp)

Eine tragende Rolle spielt die Musik von Florian Albers. Seine Kompositionen bewegen sich zwischen Musicalmelodie, Abenteuerlied und eingängigem Ensemble-Song. Vieles geht angenehm direkt ins Ohr, ohne beliebig zu wirken. Die Nummern „Nimmerland“ und „Wer hat einen Plan? Peter Pan!“ entwickeln dabei echtes Ohrwurm-Potenzial. Die Songs fügen sich organisch in die Handlung ein und geben den Figuren Gelegenheit, ihre Charaktere musikalisch weiterzuentwickeln.

Besonders stark ist die visuelle Umsetzung. Die weitläufige Naturbühne mit ihren verschiedenen Ebenen wird nicht gegen die Landschaft bespielt, sondern nutzt sie als Teil der Fantasiewelt. Im Wald stehen rechts das Haus der Familie Darling in London und der Meerjungfrauen-Felsen, während links die Londoner Tower Bridge samt Royal Museum aufragt, das sich später in Hooks Piratenschiff verwandelt. Dieser Wechsel lässt die Story förmlich durch verschiedene Welten segeln. Der eigentliche Star des Bühnenbilds ist allerdings das riesige Krokodil, das für einen der stärksten visuellen Momente sorgt.

Auch die Kostüme tragen entscheidend zum Zauber der Produktion bei. Sie sind fantasievoll gestaltet und mit zahlreichen Details versehen. Besonders die Piratenbande und die verlorenen Kinder bekommen dadurch eine unverwechselbare Optik.

„Peter Pan“ in Nettelstedt (Foto: Dominik Lapp)

Im Zentrum steht Aaron Kracht als Peter Pan. Er verkörpert den ewigen Jungen mit viel Spielfreude, Selbstbewusstsein und dem nötigen Schalk. Seine Bühnenpräsenz trägt die Produktion, ohne die übrigen Figuren an den Rand zu drängen. Luisa Kracht gibt als Wendy eine ebenso überzeugende Gegenspielerin und Partnerin. Sie stattet Wendy mit Neugier, Mut und einer glaubwürdigen Entwicklung aus.

Len Jarik Seger als John und Paul Reich als Michael ergänzen das Geschwistertrio sehr gut, und Emily Fründ verleiht Tinkerbell eine quirlige, eigenständige Bühnenpräsenz, während Aenne Lin Seger Tiger Lilly selbstbewusst darstellt. Frederik Seger ist als Captain Hook ein weiterer Höhepunkt. Er spielt den Piratenkapitän mit der nötigen Übertreibung, Spielfreude und einer gehörigen Portion Bösewicht-Komik. Charlotte Seger steht ihm als Smee zur Seite und nutzt die Figur für humorvolle Akzente.

Nicht ganz mithalten kann die technische Seite der Aufführung. Der Ton wirkt dumpf, zudem sind einzelne Passagen zu leise. Gerade bei einem Musical ist das ärgerlich, weil dadurch Textzeilen und musikalische Feinheiten verloren gehen. Die Spielfreude auf der Bühne überdeckt diesen Schwachpunkt zwar häufig, aber nicht komplett.

Ansonsten zeigt die Freilichtbühne Nettelstedt mit „Peter Pan – Wer ist schon erwachsen?“ eindrucksvoll, welche Möglichkeiten eine große Naturbühne für einen Stoff wie diesen bietet. Michael Przewodniks neue Fassung verbindet bekannte Figuren mit einer zeitgemäßen Sicht auf den Klassiker, Florian Albers liefert dazu eingängige Musik und das Ensemble füllt die Geschichte mit sichtbarer Lust am Spiel. Das Publikum bekommt keinen schwergewichtigen Klassiker, sondern ein fantasievolles, temporeiches Abenteuer für die ganze Familie.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".