Monumental inszeniert: „West Side Story“ am Saarpolygon in Ensdorf
Das Saarpolygon ist eine gigantische, weithin sichtbare Skulptur, die an das Ende des Steinkohlebergbaus im Saarland erinnern soll. Auf der rund 150 Meter das Saartal überragenden Bergehalde in Ensdorf nahe Saarlouis regieren Staub, Winde und Unwirtlichkeit. Dennoch hat Produzent Joachim Arnold genau diesen Ort auserkoren, um seit 2024 die Opernfestspiele am Saarpolygon stattfinden zu lassen. Nach zwei Spielzeiten der „Zauberflöte“ steht für den August 2026 keine klassische Oper, sondern das Musical „West Side Story“ von Leonard Bernstein (Musik), Stephen Sondheim (Songtexte) und Arthur Laurents (Buch) in der deutschen Übersetzung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald auf dem Spielplan.
Till Nau nimmt als Verantwortlicher für Regie und Choreografie die Herausforderung an, dass das Geschehen auf der beeindruckend breiten Bühne im Mittelpunkt stehen soll und nicht der begehbare 60 Tonnen schwere Stahlkoloss im Hintergrund. Dabei braucht es gar nicht mehr so viel Fantasie, sich von dem vielen Stahl, dem Bühnenaufbau aus Gerüsten und Plateaus auf mehreren Ebenen, Bauzäunen und bemalten Containern in die Straßen von New York in den 1950er-Jahren versetzen zu lassen. Dort rivalisieren die Sharks, puerto-ricanische Einwanderer, die farbenfroh gekleidet auftreten, mit den überwiegend in Jeans und Blautönen gekleideten Jets, weiße Amerikaner. Mitten in diesem Strudel der Gangs und des Rassismus verlieben sich Maria und Tony ineinander.
Die Annäherung erfolgt rasant und im Rahmen einer Tanzveranstaltung, bei der die beiden Gruppen aufeinandertreffen. Tanz und Choreografie sind bei „West Side Story“ ein zentrales Element, welches in Ensdorf hervorragend auf die Bühne gebracht wird. Die vielen Tanz- und choreografierten Straßenkampfszenen sind auf den Punkt und die Bühne bebt förmlich, wenn das 26-köpfige Ensemble mit lateinamerikanischen Rhythmen gegen dynamisch sprunghaften Jazz-Dance antritt.
Die anspruchsvolle Musik von Leonard Bernstein wird von einem insgesamt 30 Personen starken, im Bühnenaufbau integrierten Orchester aufgespielt. Diese Besetzung übersteigt die Originalorchestrierung deutlich und die klangvollen, zeitlosen Töne unter der Leitung von Peter Christian Feigel lassen schwelgen.
Das große Risiko bei einer Open-Air-Veranstaltung in einem weitläufigen Gelände ist es, den Fokus auf der Geschichte zu halten und das Publikum nicht im Drumherum zu verlieren – und genau hier ist die Konkurrenz mit dem Saarpolygon extrem, nämlich genau 30 Meter groß.

Anna Beatriz Gomes als Maria und Thijs Snoek als Tony brillieren stimmlich und bringen die aufkommenden Gefühle füreinander glaubhaft rüber. Allerdings hat man ob der Weite des Bühnenaufbaus manchmal das Gefühl, eben nicht so nah dran zu sein an den Gefühlen. Die Intimität des Moments verfliegt. So scheint das Verlieben zwischen den beiden in einem kurzen Augenblick zu geschehen, und auch die Spannung, ob Maria es Tony verzeihen kann, dass er ihren Bruder im Kampf tötete, verpufft rasch.
Deutliche Präsenz, die sich im zweiten Akt dramatisch steigert, zeigt Erika del Re als Anita. Im Laufe des Stücks sticht außerdem zunehmend Friederike Kury als Anybodys heraus. Die weiteren Darstellenden lassen sich aus den hinteren Zuschauerreihen nur noch in Jets und Sharks kategorisieren und es gelingt nur mit größter Anstrengung, zwischen den verschiedenen Rollen zu unterscheiden.
Die Opernfestspiele am Saarpolygon wollen ein Aushängeschild sein, das auf einem Stück saarländischer Geschichte spielt. Dabei stellt sich die kritische Frage, ob der Spielort oder das Musiktheater dabei im Mittelpunkt stehen soll. Während Szenen mit nur wenigen Personen auf der Bühne bald langweilig erscheinen, wirken diese, in denen das Denkmal mit verschiedenen Effekten in spektakulärem Lichtdesign von Lucas Prien illuminiert ist, nachhaltig nach: Rot-Blau-Weiß beim Lied „America“, Rosa-Töne beim Duett „Tonight“ von Maria und Tony.
Gleichzeitig besticht jedoch auch der Gesamteindruck einer solchen Aufführung, wenn bei den ersten Klängen des aussagekräftigen Songs „Somewhere“, in dem von einer besseren Welt geträumt wird, ein Raunen durch die Reihen geht, weil eine Sternschnuppe am wolkenlosen Nachthimmel sichtbar ist.
Die Aufführungen finden an einem Ort nahezu ohne Infrastruktur statt. Diese muss mit großem Aufwand eigens für die Festspielzeit erschlossen werden. Dieser Faktor verdient umfassende Anerkennung. Die Endproben auf dem Plateau in Hitze und Staub haben den Künstlerinnen und Künstlern sicherlich alles abverlangt. An Abenden frei von Wetterkapriolen dürfte sich dies auch gelohnt haben, und das Publikum kommt in den Genuss eines Spektakels, das sicherlich seinesgleichen sucht.
Da die Berghalde in den kommenden fünf Jahren wegen Sanierungsarbeiten nicht als Spielort zur Verfügung steht, läuft derzeit sozusagen das neue Casting des nächsten „Hauptdarstellers“ der Opernfestspiele.
Text: Nathalie Kroj