Vom Stolperstein zum Menschen: „Peter van Pels“ in Osnabrück
Wie erzählt man die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Leben auf gerade einmal 18 Jahre begrenzt ist und dessen Name doch untrennbar mit Anne Frank verbunden bleibt? Das Theater Osnabrück findet gemeinsam mit dem Komponisten Anno Schreier und dem Librettisten Joscha Schaback eine überzeugende Antwort. „Peter van Pels“ ist eine Oper über Verfolgung, Angst und Verlust – vor allem aber über einen Jugendlichen, der trotz der historischen Katastrophe nicht zum bloßen Schatten der berühmteren Anne Frank wird und nicht als Opfer dargestellt wird, sondern als Mensch.
Das Auftragswerk entstand anlässlich des 100. Geburtstags von Peter van Pels, der am 8. November 2026 begangen wird. Es rückt einen Sohn Osnabrücks ins Zentrum, dessen Familie 1937 aus der Martinistraße wegen der zunehmenden Repressalien gegen Juden in die Niederlande flieht. Doch auch dort endet die Hoffnung auf Sicherheit. Nach der deutschen Besetzung 1940 wird das Leben für jüdische Menschen lebensbedrohlich. Gemeinsam mit der Familie Frank findet die Familie van Pels im Hinterhaus der Prinsengracht 263 Zuflucht. Mehr als zwei Jahre lang teilen sie auf engstem Raum Angst, Hoffnung, Konflikte und den Alltag des Verstecktseins.
Die Inszenierung von Intendant Ulrich Mokrusch macht aus dieser Geschichte kein schwerfälliges Gedenktheater. Rund 30 Szenen reihen sich aneinander, viele dauern kaum zwei Minuten. Das erzeugt einen starken Drive, ohne dass die Produktion gehetzt wirkt. Im Gegenteil: In den knapp 70 Minuten erzählt sie erstaunlich viel und lässt den Figuren dennoch Raum. Das Leben im Hinterhaus erscheint als Folge kleiner Situationen, Begegnungen und Stimmungen, die sich zunehmend verdichten.

Im Mittelpunkt steht Peter. Florian Wugk zeichnet ihn mit seiner angenehmen Tenorstimme als jungen Mann, der zwischen Unsicherheit, Trotz, Sehnsucht und der Suche nach einem eigenen Platz in einer Welt gefangen ist, die ihm jede Zukunftsperspektive nimmt. Wugk gibt der Figur eine große Bühnenpräsenz. Peter ist kein fertiger Held, sondern ein Heranwachsender. Gerade darin liegt die Stärke dieser Darstellung: Das Publikum erlebt nicht nur das Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, sondern einen Jugendlichen mit Wünschen, Widersprüchen und Verliebtheit.
An seiner Seite steht Susanna Edelmann als Anne Frank. Auch sie entkommt der Gefahr, lediglich als historische Ikone auf die Bühne gestellt zu werden. Edelmann gestaltet Anne mit klarem Sopran als wache, lebendige junge Frau, die sich nach Nähe und Normalität sehnt und zugleich ihre eigene Stimme sucht. Zwischen Peter und Anne entsteht eine glaubhafte Verbindung, die nicht sentimentalisiert wird. Ihre Liebe bekommt im abgeschlossenen Hinterhaus eine besondere Bedeutung: Für zwei Jugendliche, deren Leben von Erwachsenen, Verfolgung und äußeren Umständen bestimmt wird, wird sie zu einem Stück Selbstbestimmung.
Susann Vent-Wunderlich gibt Auguste van Pels Kontur und Persönlichkeit, während Jan Friedrich Eggers als Otto Frank eine väterliche Autorität verkörpert, die immer auch von der Verantwortung für die anderen Bewohner geprägt ist. Beide fügen sich überzeugend in das Ensemble ein und machen aus dem Hinterhaus eine Gemeinschaft, in der Spannungen und unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen.

Auch die Bühne von Timo Dentler und Okarina Peter arbeitet mit Konzentration statt Ausstattungspracht. Dominierendes Element ist ein über der Bühne schwebender Pflasterstein, der zur Projektionsfläche wird. Zunächst erscheint darauf das heutige Haus der Familie van Pels in der Osnabrücker Martinistraße. Das Bild verändert sich zur historischen Aufnahme, führt nach Amsterdam und in das Fenster des Hinterhauses, später nach Auschwitz. Historische Aufnahmen der Figuren verbinden die Bühnenhandlung immer wieder mit der realen Geschichte. Am Ende wird aus dem Pflasterstein der Stolperstein für Peter van Pels – ein schlichtes, aber starkes Bild.
Eine große Rondell-Rampe erinnert in ihrer Form an die Bühne aus der Osnabrücker Inszenierung von „Der Fliegende Holländer“, erfüllt hier jedoch eine andere Funktion. Oben befindet sich das Hinterhaus, in dem die Menschen leben. Von unten dringt später die Sicherheitspolizei zur Verhaftung nach oben. Danach wird der untere Bereich zum Deportationszug: Die Solistinnen und Solisten stehen dort gemeinsam mit dem Chor dicht gedrängt. Die räumliche Veränderung macht aus dem zunächst geschützten Rückzugsort einen Ort der Ausweglosigkeit.
Die Kostüme bleiben der Zeit entsprechend und unterstützen die historische Verortung. Überhaupt setzt die Ausstattung auf wenige, dafür klar lesbare Zeichen. Das ist bei einer Produktion, die in gerade einmal 70 Minuten einen Zeitraum von mehreren Jahren abbildet, eine kluge Entscheidung.
Eine besondere Qualität besitzt die Musik von Anno Schreier. Sie verweigert sich der Erwartung, eine zeitgenössische Oper müsse sperrig oder schwer zugänglich sein. Schreiers Partitur erzählt. Sie erinnert stellenweise an Filmmusik, wechselt in Musical-Nähe, nimmt Elemente des Swing auf und findet immer wieder zu eingängigen musikalischen Gesten. Besonders Peters Solo „Oh, Mary, Mary Lou“ setzt sich fest – auch durch die späteren Reprisen. Die Musik gibt den Figuren damit nicht nur eine Stimme, sondern schafft musikalische Erinnerungsmomente.

Benjamin Huth leitet das Osnabrücker Symphonieorchester mit sicherem Gespür für diese unterschiedlichen Klangwelten. Das Orchester begleitet die Handlung nicht lediglich, sondern trägt wesentlich zu ihrem Tempo und ihrer Atmosphäre bei. Gerade für Menschen, die selten zeitgenössische Oper erleben, erweist sich „Peter van Pels“ damit als niedrigschwelliger Zugang zum Genre. Die kompakte Spieldauer kommt hinzu: Die Produktion verlangt keine mehrstündige Konzentrationsleistung und bleibt dennoch weit davon entfernt, ihre Geschichte zu vereinfachen.
Der Chor, einstudiert von Sierd Quarré, übernimmt mehrere Funktionen. Zunächst erscheint er als Gesellschaft, später als Gruppe jüdischer Menschen im Deportationszug. Stimmlich überzeugt das Ensemble und verleiht den Massenszenen eine Wucht, die den individuellen Schicksalen eine größere historische Dimension gibt. Aus Peters persönlicher Geschichte wird so zugleich die Geschichte unzähliger Menschen, die durch die Nationalsozialisten verfolgt und ermordet werden.
Die Oper endet mit dem Stolperstein für Peter van Pels. Damit schließt sich der Bogen zurück nach Osnabrück, wo seine Familie einst lebte und von wo aus die Geschichte ihren Anfang nimmt. Peter stirbt 1945 im Konzentrationslager Mauthausen, wenige Tage nach dessen Befreiung, im Alter von 18 Jahren. Otto Frank überlebt als einziger der Bewohner des Hinterhauses den Holocaust. Was bleibt, ist eine Geschichte, die lange im Schatten von Anne Frank gestanden hat. Und aus einem Namen auf einem Stolperstein wird für 70 Minuten ein Mensch.
Text: Dominik Lapp