Zum Inhalt springen

Gehörige Portion (N)Ostalgie: „Salon Rosie“ in Berlin

Als bei der Premiere von „Romeo und Julia“ im Jahre 2023 die Idee reifte, dass dieses Stück mit der persönlichen Geschichte der Amme einen Spin-off braucht, war noch nicht klar, welche Erfolgsgeschichte die Dame mit der weißen Haube (und vor allem ihre Darstellerin Steffi Irmen) mit sich ziehen würde. Als es jetzt hieß, man wolle für „Wir sind am Leben“ – das aktuelle Musical am Theater des Westens – mit „Salon Rosie“ (Buch und Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, Musik und Liedtexte: Peter Plate, Ulf Leo Sommer, Joshua Lange) erneut ein Prequel aus der Taufe heben, konnte man sich zurecht fragen, ob das wirklich nötig ist. Nötig vielleicht nicht – aber es unterstreicht und verfeinert bereits kreierte Rollenstrukturen, entwickelt eine bestehende Geschichte weiter und vor allem setzt es zwei Frauen jenseits der 20 in Szene: Zwei Frauen, die genau diese Bühne verdient haben.

Der Vorhang im – aufgepasst, Theater des Ostens – hebt sich und das Stück beginnt im Jahr 1980 im „Sehnsuchtsort Wittenberg“, irgendwo zwischen Grenze und Selbstverwirklichung, VEB und Stasi, Muckefuck, DDR-Fernsehballett, Brause und Milchnudeln. Hier betreiben die ungleichen Zwillingsschwestern den von Vati geerbten, florierenden Friseursalon Fröhlich (später Salon Rosie), der verspricht, dass man schöner raus- als reinkommt. Für 85 Pfennig.

Im Zentrum der Handlung steht erneut Allrounderin Steffi Irmen, die aktuell Abend für Abend als Wasserstoffblondine Rosi in „Wir sind am Leben“ die Bühne des Theater des Westens bespielt. Mit „Salon Rosie“ hat man ihre Vorgeschichte aufs Papier gebracht: Denn was macht Rosi eigentlich zu der Person, die sie heute ist? Was sorgt dafür, dass sie in „Wir sind am Leben“ auf die Suche nach ihren beiden Kindern Nina und Mario geht und dadurch letztendlich im Konsum Hoffnung landet? Und was war der Auslöser für Spitzeltätigkeiten zu DDR-Zeiten, etwas, das Tochter Nina ihr bis zum Ende schonungslos vorhält?

Allerdings ist Rosi dieses Mal nicht alleine unterwegs. Man entschied sich dafür, ihr eine Zwillingsschwester an die Seite zu stellen: Gabi (Kathi Damerow). Somit rückt die Geschichte beider Schwestern mit all ihren Höhen und Tiefen in den Vordergrund und widmet sich auch der Frage, warum zwischen den Fröhlichs zehn Jahre Funkstille herrschte.

„Salon Rosie“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Es folgt eine wahrliche Achterbahnfahrt der Gefühle, umschlungen von Familiendramen, Streitereien und unausgesprochenen Worten, sodass man sich im wahrsten Sinne des Wortes gut festhalten muss, um mitzukommen. Hierbei hat man auch an Übertreibung und Überzeichnung nicht gespart – das mag nicht jedem gefallen, scheint aber beim Premierenpublikum sehr gut anzukommen. Das Buch ist zügig und überraschend vielschichtig aufgebaut. Es erlaubt wenig Pausen zum Durchatmen und sorgt dazu mit Zeitsprüngen und Rückblenden für Abwechslung, aber auch für ordentlich Power und Tempo. Relativ schnell spürt man die knisternde, geladene Spannung zwischen den Schwestern und man kann sich nicht so recht entscheiden: Lieben sie sich oder sticheln sie sich nur? Wer hat jetzt wen verraten und wer ist Schuld am Unglück der anderen? Wer lebt hier eigentlich seinen Traum und wer musste seinen begraben? Und was hat ihre gemeinsame Fernsehkarriere als Kinderstars der 1950er-Jahre damit zu tun? Das Großartige: All die Fragen, die sich im Laufe der Handlung auftun und die Zuschauenden begleiten, laufen unglaublich gut pointiert zusammen und finden am Ende gekonnt – wer hätte das gedacht – zur Wiedervereinigung.

Banner Unterstützung

Keiner kann so gut übertreiben und sich selbst in den Mittelpunkt stellen wie Steffi Irmen als Rosi, Friseuse, pardon Friseurmeisterin, aus Lutherstadt Wittenberg. Doch was man vielleicht zunächst nicht ahnt: Rosi trägt mehrere Geheimnisse in sich – nicht nur einmal wurde sie von ihrem Leben überrollt und musste danach wieder alle Kraft sammeln, um erhobenen Hauptes ihren Weg weiterzugehen. Steffi Irmen, Berlins aktueller Shootingstar am Theater des Westens, gelingt die Darstellung der verzweifelten und dadurch stets maßlos übertreibenden Frau so großartig, dass man sich fast zu fragen beginnt, was diese Künstlerin eigentlich nicht kann. Dank ihrer einnehmenden Bühnenpräsenz und ihrer klaren, starken, melodischen Stimme füllt sie die großen, ausladenden, aber auch die kleinen, zarten Momente mühelos authentisch, mitreißend und zugleich äußerst berührend.

Kathi Damerow muss sich neben ihrer ausdrucksstarken Kollegin keinesfalls verstecken. Ihre Rolle wurde für das Stück komplett neu entwickelt und erlaubt die Kreation einer Frau, die stets im Schatten ihrer begabten Schwester zu stehen scheint. Doch dann ist es Gabi, die die große Schlagerkarriere hinlegt, sich auf einmal im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit wiederfindet, Liebe und Anerkennung erfährt und für ihren Job auf der „MS Völkerfreundschaft“ sogar bis nach Kuba reisen darf. Stimmlich und schauspielerisch gelingt Damerow die Darstellung ihrer Protagonistin präzise und detailgetreu ausgefeilt; unterstrichen von ihrem markanten und großartigen Timbre, das nur so vor Willenskraft strotzt. Die Songs „Manko“ oder „Papas Lieblingskind“ zeugen von einer großen Vielseitigkeit und vor allem Letzterer wird zum heimlichen Höhepunkt des Premierenabends.

„Salon Rosie“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Damerow und Irmen schaffen es scheinbar mühelos, dieses Spiel für sich zu gewinnen; zwei Ausnahmetalente und Charakterdarstellerinnen, die ihresgleichen suchen. Wie großartig, solchen Frauen so eine Bühne zu bescheren! Beide kommen sowohl gesanglich als auch darstellerisch auf ihre Kosten und nutzen jede Sekunde, um aus dem Vollen ihres reichhaltigen Repertoires zu schöpfen – allein und im Miteinander. Doch anders, als sich zunächst vermuten lässt, bestreiten sie die Handlung nicht alleine. Die beiden werden unterstützt und getragen durch ein mehrköpfiges Ensemble (Elisabeth Bohaumilitzky, Clara Marie Hendel und Lars Wandres), das amüsant und talentiert in den unterschiedlichsten Charakteren, aber vor allem als Fernsehballett in den mitreißenden, schwungvollen Choreografien von Nele Neugebauer zu unterhalten weiß. Besonders hervorzuheben bleibt hier aber Ben Knop, der zum heimlichen Star des Abends gekürt wird und im Verlauf der Handlung in unzählige verschiedene Rollen schlüpft. Ob Fernsehansager im verstaubten Studio, beige-farbener Stasimitarbeiter oder als aufgeregter, unterhaltsamer Ost-Tourist aus Hessen – Knop trägt maßgeblich dazu bei, dass diese Inszenierung stabil getragen wird.

Ein gutes Musical lebt von guter Musik – Musik, die es nicht nur untermalt, sondern vor allem in Szene setzt. Auch das ist den Machern wieder einmal gelungen – sind Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange doch mittlerweile ein eingespieltes Trio und landen nicht ohne Grund einen Erfolg nach dem anderen. Auch hier dürfen, wie bei allen anderen Plate-Sommer-Stücken, die unvergleichlichen Rosenstolz-Melodien nicht fehlen; zudem fügen sich weitere, von ihnen komponierte Hits geschickt in die Handlung ein (zum Beispiel „36 Grad“, der Sommerhit des Jahres 2007, den Gabi kurzerhand noch mal in „36 Degrees“ umwandelt, um somit auch in Amerika durchstarten zu können). Und doch besticht „Salon Rosie“ mit unverwechselbaren Melodien in einer Mischung aus schwungvollem Nostalgie-Schlager, kraftvollen, poppigen Rhythmen und leisen, ja auch bewegenden Tönen. Es sind die eigens kreierten Songs wie „Helmut Kohl“, „Sie kommen schöner raus als rein“ oder auch „Papas Lieblingskind“, die einen sofort mitnehmen, ins Ohr gehen und nach dem Abend wie eine warme Umarmung zurückbleiben. Der Band des Theaters, „Dübener Heiden“, unter der Leitung von Dominik Franke gelingt dies ganz hervorragend und wird nicht nur einmal schmunzelnd mit in die Handlung einbezogen.

Das Bühnenbild ist nicht immens, doch man darf auch nicht vergessen, dass es sich in die aktuelle Kulisse des Konsum Hoffnung aus „Wir sind am Leben“ schmiegt und dafür den Platz freihalten muss. Geschickt verflocht man den „Salon Fröhlich“ in die bestehenden Möglichkeiten und gab dem Ganzen doch seine eigene Note. In der temporeichen Handlung wechseln sich die Schauplätze gekonnt ab – so findet man sich mit wenigen Hilfsmitteln im Fernsehstudio zwischen Kameras, an Bord der „MS Völkerfreundschaft“ oder mitten in Wittenberg wieder. Licht und Ton sowie die Kostüme und das Make-up (Anke Ludwig) runden das Gesamtpaket ab. Gerade Letztere sind authentisch auf die Achtziger- und Neunzigerjahre – inklusive Kittelschürze und Dauerwelle – zugeschnitten und liefern einen Hauch (N)Ostalgie sowie die Erinnerungen an längst vergangene, vertraute Zeiten.

„Salon Rosie“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Bei „Salon Rosie“ geht es um weitaus mehr als um den angekündigten Schwesternkonflikt, der eigentlich als die Spitze des Eisbergs bezeichnet werden kann. All das zeigt, wie tief sich Franziska Kuropka, Lukas Nimscheck, Peter Plate und Ulf Leo Sommer mit ihren Geschichten auseinandersetzen. Es ist eine Hommage an ihre eigene Vergangenheit und an Menschen, die sie selbst kennen und kannten. Zudem wird hier das Regime der DDR nicht verherrlicht – vielmehr erzählt man eine Familiengeschichte, mit der sich Millionen Menschen identifizieren dürften. Die vermeintlich ganz normalen Alltagssorgen, aber auch den Wunsch, den eigenen Traum zu leben, und das Gefühl, mit und nach der Wende nicht mehr mithalten zu können – ein Gefühl, das Millionen Ostdeutsche bis heute prägt und immer noch zu wenig Aufmerksamkeit findet.

Und zugleich unterhält es ungemein, sodass der Wechsel zwischen den (Lach-)Tränen oft nur wenige Sekunden beinhaltet. Hervorzuheben sind auch die immer wieder gelungenen Parallelen zu „Wir sind am Leben“, die die Kenner des Stückes jubeln lassen. Denn natürlich ist Rosi im zweiten Akt, als man das Jahr 1990 schreibt, bereits auf der Suche nach ihren Kindern und erhält nicht zuletzt von Gabi die Telefonnummer „3322552 – die Nummer gegen Einsamkeit“, die Telefonnummer des Konsum Hoffnung.

Hätte man dieses Prequel gebraucht? Wahrscheinlich nicht. Wird jeder etwas damit verbinden? Nein, mit Sicherheit auch nicht – vor allem nicht, wenn man keinen Osthintergrund hat. Macht es trotzdem großen Spaß, lässt reflektieren und sollte gerade deshalb eine Bühne bekommen? Ja, unbedingt!

Man kann dankbar sein für den Mut, den Kreative immer wieder aufbringen, Neues zu wagen und vor allem: Etwas zu wagen, was nicht der Norm entspricht. Ein Musical über DDR-Vergangenheit? Eine Rarität. Zwei Frauen jenseits der Zwanzig im Mittelpunkt? Auch nicht die Norm. Eigentlich müsste man fast sagen: Das Prequel hat den Startschuss geliefert – für mehr Mut, solche Geschichten zu erzählen, die bislang kaum auf der Bühne ein Zuhause haben. Geschichten, die so echt sind und in denen sich so viele Menschen wiederfinden.

Text: Katharina Karsunke