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Hier spritzt der Wahnsinn: „Evil Dead“ auf Tour

Wer bei „Evil Dead“ in der ersten Reihe sitzt, bekommt unter Umständen mehr geboten, als ihm lieb ist: Kunstblut spritzt ins Publikum, ein gefülltes Kondom fliegt auch mal ins Auditorium. Die so genannte Splatter-Zone trägt ihren Namen mit Recht. Dieses Tourmusical pflegt den schlechten Geschmack mit Hingabe – und macht gerade daraus sein Vergnügen.

Oliver Pauli inszeniert und choreografiert die Horrorkomödie als temporeichen Ausflug ins Absurde. Witzige und schockierende Momente wechseln sich ab, der Humor ist ausgesprochen albern, die Lust an der Übertreibung beträchtlich. In einer abgelegenen Waldhütte setzen junge Leute dämonische Kräfte frei, anschließend geraten Körper und Gewissheiten gründlich durcheinander. Pauli übersetzt das filmische Grauen in einen Theaterulk, der seine künstlichen Mittel genüsslich ausstellt.

Ästhetisch gehört „Evil Dead“ in die Nachbarschaft der „Rocky Horror Show“ und von „Rocky over the Rainbow“. Der demonstrative Trash, die derben Pointen und das Spiel mit den Erwartungen des Horrorpublikums bestimmen den Abend. Das spricht vor allem Fans der Filmvorlage und des Horrorgenres an. Wer unter Musical große Melodien, elegante Tanznummern und gepflegte Unterhaltung versteht, braucht hier eine gewisse Umstellungsbereitschaft. Wer die Spielregeln kennt, darf sich dagegen auf einen lustvollen Unfug einlassen.

Das einfache Bühnenbild erfüllt seinen Zweck. Die Waldhütte bietet mit dem Elch an der Wand, Cheryls Kiste, dem Buch der Toten und dem Tonbandgerät die wesentlichen Orientierungspunkte. Eine kaputte Brücke erscheint als kleines Modell, das Auto wird zweidimensional angedeutet. Diese sichtbare Beschränkung passt zur Machart: Die Ausstattung bietet keinen filmischen Realismus, sondern gewinnt aus ihren handfesten Theatermitteln zusätzlichen Witz. Die Kostüme unterstreichen die Charaktere und unterstützen deren schnelle Erkennbarkeit.

Getragen wird die Aufführung von einer spielfreudigen Besetzung, die sich vorbehaltlos auf die grotesken Anforderungen einlässt. Maximiliam Schneider gibt Ash die nötige Präsenz als Mittelpunkt des eskalierenden Geschehens. Er verbindet darstellerischen Einsatz mit einem Gespür dafür, wie schnell vermeintliche Souveränität ins Lächerliche kippen kann. Henriette Schreiner kostet als Cheryl die Möglichkeiten der Überzeichnung beherzt aus und setzt energische Akzente. Außerdem glänzt sie mit starker Stimme. Ricarda Gernhardt behauptet sich als Linda mit klarer Figurenzeichnung und sicherem komischem Gespür.

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Carina Krämer profiliert Annie und Shelly als unterscheidbare Charaktere und bewältigt ihre Doppelaufgabe überzeugend. Sebastian Kinder bedient als Ed und Elch mit sichtlichem Vergnügen die absurde Spannweite seiner Besetzung. Lukas Baeskow bringt als Scott Schwung ins Zusammenspiel, während Immanuel Grau seinem Jake markante Konturen verleiht. Das Ensemble versteht die entscheidende Voraussetzung dieses Materials: Der Unsinn funktioniert nur, wenn ihn niemand mit angezogener Handbremse spielt.

Schwächer fällt ausgerechnet das Gewicht der Musik aus. Die Kompositionen stammen von Frank Cipolla, Christopher Bond, Melissa Morris und George Reinblatt, und Reinblatt verantwortet außerdem Buch und Liedtexte. Die Nummern (Musikalische Leitung: Stephan Ohm) fügen sich stimmig ins Geschehen ein. Allerdings sind sie auffallend spärlich verteilt. Allein im ersten Akt liegen zwischen dem ersten und zweiten Song knapp 20 Minuten. Dadurch wirkt das Stück streckenweise eher wie eine Horrorkomödie mit gelegentlichen Gesangseinlagen. Mehr musikalisch entwickelte Handlung täte dem Abend gut.

Oliver Paulis Regie hält die Aufführung dennoch zuverlässig in Bewegung. Sie sucht den direkten Kontakt zum Saal, setzt auf körperlichen Einsatz und treibt den Klamauk entschlossen voran. Das ist nicht jedermanns Sache, und die Produktion erhebt auch keinen solchen Anspruch. „Evil Dead“ bietet einen beherzten Griff in die Blutkonserve, getragen von einem engagierten Ensemble. Wer sich darauf einlässt, bekommt reichlich Gelegenheit zum Lachen. Wer jedoch nicht auf Trash-Musicals steht oder mit einer Horrorkomödie generell nichts anfangen kann, sollte besser einen großen Bogen um diese Produktion machen.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".