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Aus der Zeit gefallen: „Spring Awakening“ in Kassel

Wie bringt man einen bekannten Stoff, nämlich Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ aus dem Jahre 1891, heutigentags aktualisiert auf die Bühne? Als Musical für „alle ab 14 Jahren“?

Gute Frage, und sie wird in der Inszenierung des Staatstheaters Kassel nur ungenügend beantwortet.
Die Musik von Duncan Sheik aus dem Jahr 2006 richtet sich an ein heutiges Publikum, die historische Handlung soll ohne künstliche Aktualisierung wie ein Fremdkörper auf die Bühne kommen, so heißt es im Programmheft. Die Spannung zwischen altmodischen Normen, Namen, Religionstreue und Sittenmoral auf der einen und E-Gitarren-Sound auf der anderen Seite sei gewollt.

Tatsächlich beginnt der Abend vielversprechend. Die Bühne ist leer bis auf drei Tisch- und Bankreihen, die sich in einem Bogen auf der linken Seite über die ganze Tiefe der Bühne ziehen. Das sind die sogenannten Abenteuerplätze, die ganz normal gebucht werden können, dort sitzt Publikum. Auf der rechten Seite zieht sich eine dreigeteilte Rampe in einem ähnlichen Bogen hinauf zu einer Art Brücke, die den hinteren Teil der Bühne zu zwei Dritteln ausmacht. Weiß, Grau und Orange sind die vorherrschenden Farben, sämtliche Aufbauten wie auch die Tribünen des Saals und die Umgänge, von denen aus ebenfalls gespielt wird, aber ansonsten auch Publikum sitzt, bestehen aus Baugerüsten.

Der freie Teil der hinteren Bühne wird auf Höhe der Brücke von einem weißen Vorhang eingenommen, auf dem unterschiedliche Videoprojektionen eingespielt werden. Unter diesem Vorhang ist einer der Auftritte. Aus diesem kommt, als Einleitung der Show, ein zackiger Typ auf die Bühne, der sogleich in gewissem Kasernenhofton die Zuschauer auf den Abenteuerplätzen schulmeistert, durchaus humorvoll. Es handelt sich um Aljoscha Langel, der sämtliche männlichen Erwachsenen spielt und in jeder Rolle, sei es Lehrer, Direktor, Pfarrer, Arzt oder Vater, absolut überzeugt. Sein abwechslungsreiches Spiel ist eine Glanzleistung und ein Highlight des Abends. Ebenso brilliert Emilia Reichenbach in allen weiblichen Erwachsenenrollen glaubhaft. Beide Darsteller verleihen der jeweiligen Rolle genau den richtigen Touch von Überzeichnung und – je nachdem – auch Verschrobenheit.

Auch die jugendlichen Darsteller machen ihre Sache ausgezeichnet. Hervorzuheben wären vor allem Julius Herzog als selbstbewusster, aber auch zärtlich liebender Melchior, dessen klarer Gesang vor allem in wunderbaren hohen Pianissimi ein echter Genuss ist, und sein ihn wunderbar ergänzender Freund Moritz, zweifelnd, depressiv und suchend gespielt und zart gesungen von Felix Müller. Lilith Hofmann spielt ihre Wendla wunderbar naiv-kindlich und entwickelt ihre Figur weiter zur heranwachsend Reifenden, was sie auch stimmlich gut zeigt, einerseits sanft als ratloses Kind, aber dann auch kraftvoll als Liebende. Mit voller, warmer Stimme singt Madita Bollenbach die Martha, und Toni Loos gibt deren freche Schwester Ilse mit wunderbar komödiantischem Talent. Leider lassen sich die weiteren Rollen zu schlecht unterscheiden.

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Die Dramaturgie von Felix Linsmeier und Carlotta Rogge sorgt dafür, dass der Zuschauer in vielen Szenen erst einmal raten muss, wer überhaupt singt und wo er sich befindet – der Saal wird, vor allem dessen Umläufe, mitbespielt. Das Licht von Thomas Märker folgt leider zu selten dem jeweiligen Sänger, zu vieles bleibt im Dunkeln. Es hilft auch nicht, dass einige Szenen im nicht sichtbaren Teil der Bühne, unter Rampe und Brücke, spielen und vom Kamerateam (Noah und Till Krüger) live auf die Projektionsfläche abgelichtet werden. Ebenfalls lenken die beiden Bildschirme seitlich über der Bühne mit den dort eingeblendeten Übertiteln (Johanna Schmidt, Katharina Werner, Tabea Zimmermann) vom Geschehen ab. Mal davon abgesehen, dass es erstrebenswert wäre, würden besagte Texte in einem Stück, welches großteils in der Schule spielt oder diese zum Thema hat, ohne Rechtschreibfehler auskommen, was leider nicht der Fall ist.

Was aber dem Stück überhaupt nicht hilft, sind die Kostüme von Amelie Seeger. Die sind für die Erwachsenen seltsam altmodisch, aber keiner Modeepoche zuzuordnen, sie passen zu gar nichts – außer vielleicht einem diffusen „Ja, damals vor langer Zeit“-Retro-Look. Für die Jugendlichen sind sie schlicht lächerlich. Die Jungs kommen in albernen Jumpsuits oder in Hemden mit Rüschenunterhosen auf die Bühne, da wirkt sogar der grüne Trainingsanzug des Moritz fast erholsam. Die Mädchen werden in ebenso alberne Kleidchen gewurstelt, schlimmstes Beispiel ist Wendla, die aus unerfindlichen Gründen in einem langärmeligen Herrenhemd steckt, das ihr gerade mal über die Unterhose reicht. Den roten Trägerrock, den ihre Mutter ihr zu Beginn des Stückes überzieht, wird Wendla schnell wieder los und trägt ihn danach nicht mehr. Man fragt sich unwillkürlich, zu welcher Epoche das alles jeweils passen soll, ganz sicher nicht zu heutigen Jugendlichen und erst recht nicht zu Schülern von 1891. Dazu dann noch ausufernde übertriebene Fliegen und Matrosenkrägen. Dagegen anzuspielen ist nicht leicht, es gelingt den ausnahmslos guten Darstellern erstaunlich gut, ist aber eine völlig unnötige Hürde.

Zudem sind die gesprochenen Texte (Übersetzung: Nina Schneider) zu altertümlich, um aktuell zu wirken, die gesungenen Texte wirken teilweise sehr gewollt, es war wohl nicht einfach, das Original (Buch und Liedtexte von Steven Sater) zu übersetzen. Etwas mehr sprachliche Gewandtheit hätte vielleicht geholfen.

Was den Abend aber dennoch durchaus lohnenswert macht, sind neben den wirklich guten Darstellern die ausgezeichneten Mitglieder der Band des Staatsorchesters Kassel. Jeder Einsatz präzise, die rockigen Melodien mit ordentlich Wumms, die leiseren Töne wunderbar klar. Diese Musiker live zu hören macht wirklich Freude.

Ein bisschen unausgegoren, komplett aus der Zeit gefallen: Es ist fraglich, ob das Stück den gewünschten pädagogischen Zweck erreichen kann, wird sich doch sicherlich kein Jugendlicher ab 14 Jahren mit den Figuren identifizieren können, die nicht mehr zur heutigen Lebensrealität passen. Hätte Wedekind das Stück 135 Jahre später geschrieben, dann vermutlich ebenso hochaktuell zeitgenössisch, wie er es seinerzeit tatsächlich getan hat. Es wäre zu überlegen, den Text doch einmal aufzufrischen. Wen das nicht stört, dem ist diese Inszenierung der Mitwirkenden wegen durchaus zu empfehlen.

Text: Hildegard Wiecker