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Oper goes Stummfilm: „Die Zauberflöte“ in Düsseldorf

Eine riesige Spinne lauert auf der Bühne, ein Vogelfänger stolpert durch eine Welt voller skurriler Gestalten, und ein junger Prinz muss sich gegen allerlei fantastische Kreaturen behaupten. Was sich im Opernhaus Düsseldorf abspielt, erinnert weniger an eine klassische Opernaufführung als an einen Zeichentrickfilm aus den Anfangstagen des Kinos. Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ wird hier zum rauschhaften Bildertheater, in dem Animationen, Gesang und Schauspiel zu einer außergewöhnlichen Kunstform verschmelzen. Das ist über weite Strecken ebenso einfallsreich wie unterhaltsam, offenbart mit zunehmender Spieldauer allerdings auch die Grenzen eines Konzepts, das seinem Publikum kaum eine Atempause gönnt.

Kaum ein Werk des Musiktheaters ist so populär und zugleich so offen für unterschiedlichste Interpretationen wie Mozarts „Die Zauberflöte“. Die Düsseldorfer Produktion entscheidet sich mit aller Konsequenz für die Macht der Bilder. Die Inszenierung von Suzanne Andrade und Barrie Kosky – in Zusammenarbeit mit dem Theaterkollektiv „1927“ – entstand ursprünglich 2012 für die Komische Oper Berlin und ist als Kooperation mit der Deutschen Oper am Rhein seit 2014 auch in Düsseldorf zu erleben. Nun kehrt sie erneut auf den Spielplan zurück. Ihr ästhetisches Markenzeichen ist ebenso ungewöhnlich wie unverwechselbar: Die gesamte Aufführung folgt den Gesetzmäßigkeiten des Stummfilms. Inspiriert von den frühen Jahren des Kinos, von expressionistischen Schwarzweiß-Bildern, Slapstick und der Fantasiewelt des Trickfilms, erschaffen Andrade und Kosky eine Bühnenrealität, in der lebendige Sängerinnen und Sänger mit gezeichneten Figuren und bewegten Projektionen interagieren.

Der eigentliche Star dieser Inszenierung ist deshalb nicht nur Mozart, sondern auch der britische Animationskünstler Paul Barritt. Seine Bilder bevölkern die Bühne mit grotesken Wesen, fliegenden Gegenständen, bedrohlichen Kreaturen und unzähligen visuellen Einfällen. Mal erinnern die Projektionen an die anarchischen Abenteuer früher Zeichentrickhelden, mal an die düsteren Fantasien des expressionistischen Films. Die Sängerinnen und Sänger werden dabei selbst zu Bestandteilen der Animationen. Sie stehen in Öffnungen einer riesigen Projektionswand, greifen nach imaginären Gegenständen oder reagieren auf Figuren, die ausschließlich auf der Leinwand existieren. Die Illusion funktioniert erstaunlich gut, weil Bewegung, musikalischer Rhythmus und digitale Bilder sorgfältig aufeinander abgestimmt sind.

Esther Bialas schafft dafür eine Bühne, die sich weitgehend auf eine monumentale Projektionsfläche mit Türen, Klappen und unterschiedlich großen Öffnungen beschränkt. Durch sie erscheinen und verschwinden die Darstellenden, werden Teil der gezeichneten Szenerie oder tauchen unvermittelt an anderer Stelle wieder auf. Ihre Kostüme greifen die Ästhetik der Stummfilmära auf und verleihen den Figuren eine eigentümliche Mischung aus nostalgischem Charme und grotesker Überzeichnung. Besonders eindrucksvoll gerät die Königin der Nacht, die als gigantische Spinne über der Szenerie thront.

Eine weitere Besonderheit liegt im Umgang mit den gesprochenen Dialogen (Libretto: Emanuel Schikaneder). Sie gehören zum Wesen der „Zauberflöte“, die als Singspiel traditionell zwischen musikalischen Nummern und gesprochenen Szenen wechselt. Suzanne Andrade und Barrie Kosky verzichten vollständig auf diese Form des Bühnendialogs. Stattdessen erscheinen die Texte als Zwischentitel, wie man sie aus historischen Stummfilmen kennt. Das Publikum liest, was die Figuren einander mitteilen, während die Menschen auf der Bühne mit Gesten, Mimik und körperlichem Spiel reagieren.

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Doch die visuelle Überfülle erschöpft sich irgendwann in ihrer eigenen Virtuosität. Hinzu kommt, dass die eingeblendeten Dialoge das Publikum immer wieder zum Lesen zwingen. Statt den Figuren unmittelbar zuzuhören und ihre Beziehungen im gesprochenen Austausch zu erleben, muss der Blick zwischen Schrift, Figuren und bewegten Bildern wechseln. Das kostet Konzentration und nimmt dem Werk stellenweise seine natürliche Leichtigkeit.

Umso wichtiger ist eine musikalische Umsetzung, die sich gegenüber diesem visuellen Feuerwerk behauptet. Unter der Leitung von Vitali Alekseenok gelingt dies überzeugend. Er führt das Orchester der Deutschen Oper am Rhein mit Gespür für Mozarts stilistische Gegensätze durch die Partitur. Die federnde Leichtigkeit der komödiantischen Passagen erhält ebenso ihren Raum wie die feierliche Würde der Tempelszenen.

„Die Zauberflöte“ in Düsseldorf (Foto: Dominik Lapp)

Auch das Gesangsensemble trägt entscheidend zum Gelingen des Abends bei. Als Sarastro verleiht Luke Stoker der Welt der Weisheit und Vernunft eine überzeugende musikalische Autorität. Sein Bass besitzt die nötige Substanz und Ruhe, um die Würde des Priesteroberhaupts glaubhaft zu vermitteln. Gerade in den tiefen Lagen entfaltet seine Stimme eine tragfähige Klangfülle.

Jussi Myllys gestaltet den Tamino als aufrichtigen, von Neugier und Entschlossenheit getragenen jungen Mann. Sein Tenor überzeugt mit einer geschmeidigen Linienführung und einer angenehmen Klangfarbe, die besonders in den lyrischen Passagen zur Geltung kommt.

Eine der größten Herausforderungen des Abends übernimmt Charlotte Langner als Königin der Nacht. Schon die visuelle Gestaltung als monströse Spinne verlangt eine besondere Präsenz, doch entscheidend bleibt selbstverständlich die gesangliche Bewältigung dieser anspruchsvollen Partie. Langner begegnet den extremen Höhen und virtuosen Koloraturen mit technischer Sicherheit und einer wirkungsvollen dramatischen Zuspitzung. Insbesondere in der berühmten Rachearie „Der Hölle Rache“ behauptet sie sich gegen die übermächtige Bildsprache der Inszenierung.

Mara Guseynova überzeugt als Pamina mit einem warmen, ausdrucksvollen Sopran und einer Gestaltung, die der Figur Verletzlichkeit und innere Stärke gleichermaßen zugesteht. Besonders in der Arie „Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden“ entfaltet sie eine berührende Schlichtheit. Hier zeigt sich, wie wirkungsvoll Mozarts Musik sein kann, wenn die vokale Gestaltung ganz in den Mittelpunkt rückt.

Zum Publikumsliebling avanciert Zilvinas Miskinis als Papageno. Die Rolle des lebenslustigen Vogelfängers bietet ohnehin reichlich Gelegenheit für komödiantische Entfaltung, doch die Stummfilmwelt scheint geradezu für diese Figur geschaffen. Miskinis bewegt sich mit sichtbarer Spielfreude durch die animierten Abenteuer und beherrscht die überzeichnete Körpersprache, die das Konzept verlangt. Dabei kommt auch der Gesang keineswegs zu kurz. Sein Bariton klingt angenehm rund und beweglich, die volkstümlichen Melodien erhalten einen natürlichen Charme.

Auch die kleineren Partien sind sorgfältig besetzt. Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller und Rita Kapfhammer bilden als die drei Damen der Königin ein spielfreudiges Trio, das gesanglich überzeugt. Laura Miah setzt als Papagena einen charmanten Akzent, Raphael Wittmer verleiht seinem Monostatos eine markante Bühnenerscheinung, während Sander de Jong und Robin Frindt als Geharnischte ihre Aufgaben mit der gebotenen vokalen Ernsthaftigkeit erfüllen. Eine besondere Erwähnung verdienen schließlich Julius Adelheim, Edgar Winkler und Pepe von Wyschetz vom Tölzer Knabenchor, die als drei Knaben brillieren.

Der von Albert Horne einstudierte Chor fügt sich klanglich geschlossen in das musikalische Gesamtbild ein. Gerade in den feierlichen Szenen rund um Sarastros Gemeinschaft entfaltet er eine überzeugende Präsenz und setzt einen wirkungsvollen Kontrapunkt zu den turbulenten Abenteuern der Hauptfiguren.

Am Ende reagiert das Düsseldorfer Publikum mit geradezu überschwänglicher Begeisterung. Der Jubel zeigt, wie unmittelbar die fantasievolle Bildersprache von Andrade, Kosky und Barritt ihre Wirkung entfaltet. Und tatsächlich bietet diese „Zauberflöte“ ein Theatererlebnis, das sich deutlich von traditionellen Opernaufführungen unterscheidet. Die Produktion öffnet Mozarts Werk für eine Ästhetik, die auf verblüffende Weise historische Filmkunst und modernes Musiktheater miteinander verbindet. Dass sie bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zum Repertoire der Deutschen Oper am Rhein gehört und weiterhin solchen Zuspruch findet, unterstreicht ihre ungebrochene Anziehungskraft.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".