
Große Bildsprache der Passion: „Jesus Christ Superstar“ in Bonn
Das Ende steht längst im Raum. Überdimensionale Nägel beherrschen die Bühne der Oper Bonn, bevor Jesus seinen letzten Weg antritt. Darunter liegt Wasser, Sinnbild für Reinigung und Neubeginn, während sich ein Steg wie der Zeiger einer unerbittlichen Uhr dreht. Zwischen diesen Polen entfaltet Regisseur Erik Petersen das Musical „Jesus Christ Superstar“: als Geschichte einer Gemeinschaft, die sich an einen Menschen klammert und ihn mit ihren Erwartungen zunehmend allein lässt. Seine Inszenierung besitzt starke Bilder. Eine weitere Kraft gewinnt sie aus einem Ensemble, das den vertrauten Figuren neue Konturen gibt.
Für Petersen ist die Arbeit auch eine Rückkehr an einen früheren Wirkungsort. In der Spielzeit 2013/2014 steht Andrew Lloyd Webbers und Tim Rices Rockoper zuletzt in Bonn auf dem Programm, damals unter der Regie von Gil Mehmert und mit Erik Petersen als Regieassistenten. Nun verantwortet er eine eigene Deutung des mehrfach von ihm inszenierten Werks. Dabei verbindet er erfahrene Bühnenpersönlichkeiten mit jungen Talenten. Diese Mischung sorgt für eine produktive Spannung zwischen darstellerischer Souveränität und ungestümem Aufbruch.
Die entscheidende Frage dieses Musicals lautet ohnehin weniger, ob Jesus Gottes Sohn ist, als vielmehr, was Menschen aus ihm machen. Rice und Lloyd Webber erzählen die Passion als Konflikt zwischen Glauben, politischer Hoffnung, persönlicher Zuneigung und öffentlicher Vereinnahmung. Judas erhält darin die Position des unbequemen Zweiflers: Er erkennt die Gefahr einer Bewegung, deren Begeisterung sich zunehmend verselbstständigt, und verstrickt sich beim Versuch, die Entwicklung aufzuhalten, in seine eigene Katastrophe. Petersen nimmt diese Beziehungen ernst und lässt Spannungen wachsen.
Seine Gemeinschaft trägt Regenbogenarmbänder als Zeichen der Zusammengehörigkeit. Das erinnert mitunter an den Tribe aus „Hair“: junge Menschen, die sich über Verbundenheit definieren und im gemeinsamen Aufbruch eine andere Zukunft suchen. Dazu passt die Entscheidung, den Jugendchor des Theaters einzubeziehen. Anstelle des Opernchors steht eine Gruppe auf der Bühne, die sich auch altersmäßig schlüssig in die junge Besetzung fügt. So entsteht ein glaubhaftes soziales Gefüge.
Mit der Taufe setzt der Regisseur den Anfangspunkt seiner Erzählung. Das Wasser bleibt anschließend als durchgehendes Motiv präsent. Bereits bei „Rebecca“ beim Domplatz Open Air in Magdeburg nutzte Erik Petersen ein Becken als wirkungsvolles Bühnenelement – jetzt ist es unmittelbar mit der religiösen Bildwelt von „Jesus Christ Superstar“ verbunden. Zugleich eröffnet es reizvolle Möglichkeiten für die Choreografie von Sabine Arthold. Bewegungen setzen sich in Spritzern und Wellen fort, Körper verändern die Oberfläche, das Geschehen erhält eine zusätzliche, ständig bewegte Ebene. Artholds Arbeit ist ausgesprochen sehenswert, weil sie die Energie der Gruppe in anschauliche Formationen übersetzt und deren Zusammengehörigkeit körperlich erfahrbar macht.
Dirk Hofackers Bühnenraum verbindet diese fließende Fläche mit den monumentalen Nägeln und dem dreh- und kippbaren Steg. Die Zeichen sind deutlich: Der Tod ist vorgezeichnet, die verbleibende Zeit verrinnt. Gerade der wie ein Uhrzeiger wandernde Laufsteg gibt dieser Unausweichlichkeit eine räumliche Gestalt. Das Wissen um den Ausgang begleitet jede Bewegung, während die Menschen darunter noch hoffen, zweifeln und um Entscheidungen ringen.
Das Licht von Boris Kahnert führt die Ausstattung über ihre symbolische Funktion hinaus. Die weißen Rück- und Seitenwände nehmen wechselnde Farben an, über dem Spielraum setzen mal weiße, mal bunte Leuchtstoffröhren weitere Akzente, bewegen sich auf und ab. Besonders schön sind die Reflexionen des Wassers, die Muster nach oben werfen und den Raum gleichsam weiterzeichnen. Hier greifen Beleuchtung, Bewegung und Bühnenarchitektur überzeugend ineinander. Hofackers Kostüme, unter Mitarbeit von Nury Stefanie Willig, verbinden klassische Schnitte mit gegenwärtigen Formen. Das silbern strahlende Kleid des Herodes treibt diese Verbindung ins demonstrativ Moderne: Herrschaft inszeniert sich als schillernder Auftritt.
Im Zentrum steht mit Oliver Edward ein Jesus, der sich wohltuend von vielen vertrauten Rollenauslegungen unterscheidet. Dass hier eine Person of Color die Titelfigur verkörpert, erweitert die Bildtradition dieser Gestalt. Edwards eigentliche Leistung liegt jedoch in der Entwicklung, die er ihr zugesteht. Er beginnt zurückhaltend, beansprucht Aufmerksamkeit zunächst ohne demonstrative Überhöhung und lässt den späteren Ausbruch dadurch umso heftiger wirken.

In „Gethsemane“ öffnet sich seine Darstellung mit überwältigender stimmlicher Wucht. Die bis dahin gebundene Energie bricht hervor, der Konflikt zwischen Todesangst, Aufbegehren und Annahme des eigenen Weges wird zum dramatischen Brennpunkt. Oliver Edward bewältigt die extremen Anforderungen dieses Solos nicht bloß als vokale Kraftprobe. Er macht hörbar, wie ein Mensch um eine Antwort ringt, die ihm niemand abnimmt. Wenn dieser Jesus kurz vor seinem Tod Pilatus noch einmal die Stirn bietet, ist das die folgerichtige Fortsetzung einer Figur, deren Widerstand keineswegs erlischt. Eine großartige Rollenarbeit.
Joël Zupan setzt ihm einen jungen, aufmüpfigen Judas entgegen. Seine Darstellung besitzt den nötigen Stachel: Dieser Vertraute will sich nicht mit Zustimmung begnügen, er fordert heraus und hält die Auseinandersetzung offen. Zupan trifft damit den Nerv einer Partie, die weit mehr verlangt als das Ausstellen späterer Schuld. Sein Judas bringt Unruhe in die Gemeinschaft und hält zugleich das Drama in Bewegung. Gerade die jugendliche Dringlichkeit macht diesen Zugriff so überzeugend, aber auch stimmlich schöpft der Darsteller besonders in den hohen Lagen aus dem Vollen.
Eine Entdeckung ist Munja Viktoria Meier als Maria Magdalena. In ihrer ersten großen Hauptrolle behauptet sie sich mit einer fantastischen Stimme, die unmittelbar Aufmerksamkeit bindet. Dabei erhält Maria ein eigenes Gewicht innerhalb des Beziehungsgefüges. Wo andere Forderungen an Jesus richten, eröffnet ihre Zuwendung eine Form von Nähe. Meier gibt dieser Position gesangliche Ausdruckskraft und darstellerische Selbstverständlichkeit. Man erlebt eine junge Künstlerin, die eine solche Aufgabe eindrucksvoll ausfüllt.
Christoph Apfelbeck wiederum demonstriert als Pontius Pilatus und Herodes seine Wandlungsfähigkeit. Die Doppelbesetzung schärft den Blick auf zwei unterschiedliche Erscheinungsformen von Macht: hier die Auseinandersetzung mit Verantwortung und Urteil, dort das demonstrative Vergnügen an der eigenen Überlegenheit. Apfelbeck verleiht beiden Figuren ein eigenständiges Profil und nutzt den Kontrast exzellent.
Martin Tzonevs volltönender Bass bringt als Kajaphas das erforderliche vokale Fundament mit, darstellerisch bleibt der Hohepriester allerdings etwas blass. Romeo Salazars hohe Stimme passt dazu als Hannas wirkungsvoll ins musikalische Gefüge. Babak Malekzadeh als Petrus und Maickel Leijenhorst als Simon überzeugen ebenfalls und tragen dazu bei, dass die Gemeinschaft aus erkennbaren Einzelpersönlichkeiten besteht.
Jürgen Grimm führt die neunköpfige Band mit sicherem Gespür für die Spannungen der Partitur. Andrew Lloyd Webbers Musik lebt vom Wechsel zwischen scharf konturierten Rockpassagen, eingängigen melodischen Linien und rhythmischen Verschiebungen, die Unruhe erzeugen. Grimm und seine Band halten diese Gegensätze zusammen. Der instrumentale Zugriff besitzt Biss, die lyrischen Abschnitte bekommen Raum, und die dramatischen Zuspitzungen entwickeln ihren Druck aus dem musikalischen Verlauf. Die kleine Besetzung liefert einen ausgesprochen kraftvollen Klang, den man tontechnisch für das Rock-Feeling gern noch etwas stärker aufdrehen könnte.
Umso ärgerlicher ist die eingeschränkte Textverständlichkeit, besonders im ersten Akt. Von Timothy Rollers deutscher Fassung geht akustisch zu viel verloren, zahlreiche Passagen erschließen sich erst durch die Übertitel. Gerade in einem durchkomponierten Werk, dessen Konflikte wesentlich über die gesungenen Auseinandersetzungen voranschreiten, beeinträchtigt das den unmittelbaren Zugang.
Dieser technische Schwachpunkt schmälert einen ansonsten starken Abend. Erik Petersen verbindet die große Bildsprache der Passion mit einer sorgfältig entwickelten Erzählung über Menschen, die einander brauchen und dennoch auseinanderdriften. Das Wasser bewegt sich, der Steg dreht sich weiter, die Nägel warten. Dass der Ausgang feststeht, mindert die Spannung nicht.
Text: Dominik Lapp

