
Musikalischer Glücksfall: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ auf Tour
Ein verlorener Schuh allein macht noch keinen gelungenen Musicalabend. Und die Aussicht auf ein Wiedersehen mit vertrauten Figuren ersetzt keine eigene künstlerische Idee. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ aber gelingt auf der Bühne, woran manche Adaption eines beliebten Films scheitert: Die Produktion bewahrt den Charme ihrer Vorlage und entwickelt zugleich genügend musikalischen Eigensinn, um als Theatererlebnis zu bestehen. Den entscheidenden Anteil daran hat Komponist Thomas Zaufke. Seine Melodien geben dem Märchen eine neue Stimme, ohne dessen vertrauten Klang zu verdrängen.
ShowSlot schickt das Musical angesichts des großen Publikumsinteresses gleich in zwei Fassungen auf Reisen. Die Nikolaus-Tour gastiert über längere Zeiträume in größeren Städten, die kleinere Rosalie-Tour macht in der Regel für einen Tag in kleineren Orten Station. Beide zeigen dasselbe Stück auf Grundlage derselben Inszenierung, derselben künstlerischen Konzeption und der Arbeit desselben Kreativteams. Besetzung und Ausstattung unterscheiden sich, doch der Anspruch an das künstlerische Gesamterlebnis bleibt derselbe. Gegenstand dieser Besprechung ist die Rosalie-Tour, die ihre Geschichte mit überschaubaren szenischen Mitteln ausgesprochen wirkungsvoll erzählt.
Katrin Langes Buch hält sich weitgehend an die Filmhandlung und Regisseurin Rita Sereinig stellt deren Qualitäten ins Zentrum einer kurzweiligen Inszenierung. Sie vertraut auf die Verständlichkeit der Geschichte, führt deren komische und romantische Elemente zusammen und hält das Geschehen in Bewegung. Susanne Rietz fügt ihre Choreografie schlüssig in diesen Erzählfluss ein. Die Tänze wirken aus den Situationen entwickelt und tragen besonders dort zur festlichen Wirkung bei, wo sich das höfische Leben öffentlich in Szene setzt.

Die größte Entdeckung des Abends ist allerdings die Musik. Thomas Zaufke schreibt – wie zuletzt auch für „Das Glück ist eine Orange“ – Melodien von einer Schönheit, die unmittelbar zugänglich ist und dabei mehr bietet als bloße Gefälligkeit. Seine Soli geben den Figuren Raum, Wünsche und Konflikte auszudrücken. Die übrigen Nummern stützen den Verlauf der Szenen und verbinden sich organisch mit dem gesprochenen Text. Das geht leicht ins Ohr, besitzt melodischen Reichtum und verleiht der Handlung immer wieder neuen Schwung. Die bekannte Filmmelodie von Karel Svoboda bleibt als vertrauter Bezugspunkt erhalten. Zaufkes eigene Kompositionen können daneben mühelos bestehen. Edith Jeskes aussagekräftige Songtexte tragen wesentlich dazu bei. Sie geben den musikalischen Momenten einen erkennbaren Inhalt, so dass ein Zusammenspiel von Wort und Ton entsteht.
Umso bedauerlicher ist, dass diese Partitur ohne Liveorchester auskommen muss. Die Begleitung erklingt als Zuspielung, eingespielt von acht Musikerinnen und Musikern im Studio. Unter der Leitung von Hans Rose und Luis Richter entsteht damit ein ansprechendes instrumentales Fundament. Die unmittelbare Wechselwirkung zwischen Bühne und Orchestergraben, das gemeinsame Atmen mit den Stimmen, kann eine Aufnahme jedoch nicht bieten.
Melina Niccum gibt dem Aschenbrödel eine gewinnende Mischung aus Verletzlichkeit, Tatkraft und selbstverständlicher Würde. Gesanglich füllt sie ihre Soli mit Ausdruck und macht ebenso wie in ihrem Spiel deutlich, dass diese junge Frau weit mehr ist als die Leidtragende einer ungerechten Familienordnung.

Als Prinz setzt Paul Aschenwald auf Charme und eine glaubhafte Offenheit hinter der königlichen Rolle. Seine überzeugende gesangliche Leistung und das aufmerksame Zusammenspiel mit Schütt lassen die Annäherung des Paares als Begegnung zweier eigenständiger Menschen funktionieren.
Timna Engelmayer versieht die Stiefmutter mit herrischer Energie und komödiantischem Gespür. Auch vokal behauptet sie sich souverän und gibt der Gegenspielerin eine wirkungsvolle Bühnenpräsenz.
Ilka Kottkamp gestaltet Dorchen mit Spielfreude und einem sicheren Sinn für die komischen Möglichkeiten der Figur. Dabei überzeugt sie gesanglich ebenso und nutzt die Eitelkeit der verwöhnten Tochter für pointierte Auftritte.

Zum erfreulichen Ensemblebild tragen Pascal Giebel als Willi und Henk Nagel als Karlchen ebenso bei wie Alexander Bambach als König und Christine Toft als Königin. Sie ergänzen die zentralen Figuren mit charaktervollem Spiel, stimmlicher Qualität und gut dosierter Komik.
Das Bühnenbild von Walter Vogelweider entspricht den Anforderungen einer Produktion, die beinahe täglich den Spielort wechselt. Die Ausstattung ist einfach gehalten, ermöglicht aber unterschiedliche Schauplätze und gibt dem Geschehen einen passenden Rahmen. Es braucht keinen aufwändigen Umbau, damit die Erzählung räumlich vorankommt. Einen weniger glücklichen Beitrag leistet die Videowand im Hintergrund: Die offenbar durch KI generierten Videos von Christian Ariel Heredia schmälern den visuellen Genuss. Ihre künstliche Bildwelt fügt sich nicht mit derselben Selbstverständlichkeit in das Bühnengeschehen wie die greifbaren Elemente der Ausstattung.

Wie viel Atmosphäre sich dagegen mit Licht erzeugen lässt, führt Michael Grundner vor. Seine Handschrift ist sofort erkennbar: Er modelliert Räume, lenkt den Blick und gibt den Szenen ihre jeweilige Stimmung. Das Licht wertet Vogelweiders Kulissen erheblich auf und verbindet die einzelnen Gestaltungselemente zu stimmigen Bildern. Grundner erweist sich einmal mehr als einer der besten Lichtdesigner im Musicalbereich.
Eine Augenweide sind auch die hochwertigen Kostüme von Julia Pschedezki. Sie erzählen von Stellung, Anspruch und Charakter ihrer Träger – vor allem beim Ball im zweiten Akt entfalten sie ihre ganze Pracht und geben der höfischen Gesellschaft den festlichen Glanz, auf den dieser Abend zusteuert.
So besitzt auch die kleinere Tourneefassung genügend Bühnenzauber, um die vertraute Geschichte mit neuem Reiz auszustatten. Die Inszenierung erzählt flüssig, das Ensemble trägt sie mit Können und Spiellust, und Thomas Zaufkes Kompositionen sind ein musikalischer Glücksfall.
Text: Dominik Lapp

