
Der Messias nimmt Gestalt an: Probenbesuch bei „Jesus Christ Superstar“ in Bonn
Noch ist dieser Ort keine Welt im Untergang. Er ist zunächst einmal eine Bühne, auf der gearbeitet wird. Weiß bestimmt das Bild auf der Hauptbühne der Oper Bonn. In der Mitte liegt ein Wasserbecken, darin eine Konstruktion, die auf den ersten Blick wie ein Steg erscheint. Doch der vermeintlich sichere Weg ist eine überdimensionale Wippe. Ein Untergrund, der seine Lage verändern kann, Menschen emporhebt und wieder absinken lässt. Für eine Geschichte, in der eine Gemeinschaft ihren Messias findet und schließlich verliert, ist das ein vielversprechender Ausgangspunkt.
Es ist Vormittag, geprobt wird von zehn bis vierzehn Uhr. Am Abend folgt die nächste Einheit von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr. Heute arbeitet das Team des Musicals „Jesus Christ Superstar“ auf der Hauptbühne statt auf der Probebühne. Damit treffen die Vorstellungen der Regie auf die konkreten Bedingungen des Raums: auf das Wasser, die bewegliche Spielfläche und die technischen Abläufe, die aus einer Idee eine aufführbare Inszenierung machen.
Auf dem Plan stehen zentrale Stationen der Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice: „Judas’ Death“, „Trial before Pilate“, „Could we start again, please?“, „Superstar“ und „King Herod’s Song“. Verzweiflung, Verhör, die Sehnsucht nach einem Neuanfang und die demonstrative Macht eines Herrschers liegen an diesem Vormittag dicht beieinander. Gesungen wird allerdings auf Deutsch, in Timothy Rollers Übersetzung von 2023.
Ein Messias braucht Menschen
Regisseur Erik Petersen kennt die letzten sieben Tage im Leben Jesu aus mehreren eigenen Inszenierungen. In Oldenburg, St. Gallen und Wuppertal beschäftigte er sich bereits mit dem Stück. Die Vertrautheit mit dem Material ist für ihn in Bonn jedoch ein Anlass, bisherige Lösungen zu überprüfen.
„Bisher hatten meine Inszenierungen häufig eine Art Bandstruktur: eine Gemeinschaft, die gemeinsam nach Jerusalem zieht. Jetzt wollte ich für mich etwas Neues schaffen“, erzählt der Regisseur. Im Zentrum steht dieses Mal die Arbeit an den Beziehungen. „In Bonn steht für mich eine intensive Personenregie im Mittelpunkt. Wir bringen die Figuren in einen Raum, in dem sie handeln und aufeinander reagieren müssen.“
Die weiße Bühne bietet dafür einen Raum, dessen Bedeutung erst durch die Menschen, ihre Bewegungen und ihre Konflikte entsteht. Eine eindeutige Verlegung der Passionsgeschichte in unsere Gegenwart strebt Petersen dabei nicht an. Der modernen Bühne setzt er Kostüme entgegen, die sich einer solchen Zuordnung entziehen. „Unser Bild ist eher das einer Apokalypse.“
Das verschiebt den Blick auf die Figuren. Wie verhält sich eine Gemeinschaft, wenn ihre Hoffnungen immer größer werden? Was geschieht mit dem Menschen, auf den sie diese Hoffnungen richtet? Und welchen Platz hat derjenige, der Zweifel anmeldet? Die Inszenierung sucht ihre Antworten im Zusammenspiel der Darstellerinnen und Darsteller. Erik Petersen will Jesus als Menschen erfahrbar machen, dem andere aus nachvollziehbaren Gründen folgen. „Mir ist wichtig, dass wir auch Jesus gern folgen: dass er nicht von Anfang an nur leidet, sondern als Mensch interessant bleibt.“

Wasser mit Konsequenzen
Im Zentrum dieser Welt liegt das Wasser. Es ist ein Bühnenelement mit eigener Wirkung und zugleich ein Material, das jede Bewegung an konkrete Bedingungen bindet. Petersen verbindet damit zunächst einen klaren erzählerischen Gedanken: Seine Inszenierung beginnt bei Johannes dem Täufer. „Die Taufe steht bei uns am Anfang: als Moment, durch den Jesus als Messias hervortritt und die Gemeinschaft mit den Aposteln eine Festigung erfährt. Deshalb hat das Wasser eine inhaltliche Kraft.“
So erhält das Becken seine Bedeutung bereits am Beginn der Geschichte. Hier formiert sich eine Gemeinschaft, hier wird eine Zugehörigkeit sichtbar. Das Wasser begleitet damit eine Erzählung, in der sich das Verhältnis zwischen einem Einzelnen und seinen Anhängern zunehmend verändert.
Für den erfahrenen Regisseur und sein Team ist die Arbeit mit diesem Element eine Fortsetzung früherer Erfahrungen. Bei „Rebecca“ auf dem Domplatz in Magdeburg setzten sie bereits Wasser ein. Die Faszination daran bleibt. „Das hatte ein solches Faszinosum, dass wir gesagt haben: Irgendwann trauen wir uns das auch im Innenraum.“
In Bonn wird aus diesem Vorhaben praktische Probenarbeit. Wasser verändert die Voraussetzungen für die Choreografie, für die Kostüme und für die Tontechnik. „Natürlich bringt es Herausforderungen mit sich: Wir müssen beispielsweise darauf achten, dass die Mikroports frei bleiben.“ Was später als selbstverständlich erscheinendes Bühnenbild wirken soll, verlangt im Entstehungsprozess entsprechend genaue Absprachen.
Wie viele Arbeitsbereiche dabei ineinandergreifen, zeigt sich an Regieassistent Bernard Niemeyer. Er stimmt sich mit Choreografin Sabine Arthold darüber ab, wann sie das Ensemble braucht, hält Kontakt zu Petersen und ist mit Kostüm, Requisite und Bühnentechnik im Austausch. Seine Arbeit verbindet die künstlerischen Vorhaben mit den Abläufen, die sie ermöglichen. Auf einer Bühne mit Wasserbecken und beweglicher Konstruktion gehört diese Koordination zu den Voraussetzungen jeder szenischen Lösung.
Eine Gemeinschaft verliert das Gleichgewicht
Die Wippe im Becken erweitert die Möglichkeiten dieses Raums. Erik Petersen spricht von einer Schwingbühne, die einzelne Personen immer wieder anders in den Fokus rückt. Höhe und Tiefe werden veränderlich, mit ihnen verschieben sich die Beziehungen zwischen Körpern und Raum.
Die Konstruktion lässt unterschiedliche Assoziationen zu. Sie kann an ein Ziffernblatt erinnern, an das unaufhaltsame Vergehen jener Zeit, die Jesus noch bleibt. Petersen lässt eine solche Lesart offen. „Das Schöne ist, dass sich das Publikum eigene Bilder machen kann.“ Ihn interessieren ebenso die wechselnden Positionen, die durch die Bewegung entstehen. „Bei Judas sieht man beispielsweise, wie er in diesem System gefangen ist.“

Gerade Judas verlangt dabei besondere Aufmerksamkeit. Die Rockoper gibt ihm viel Raum, macht seine Einwände, seine Motive und seine Verzweiflung zum wesentlichen Teil der Erzählung. Die Regie hält dennoch an Jesus als Hauptfigur fest. Die Spannung zwischen beiden gehört zum Kern von Erik Petersens Arbeit.
Mit Joël Zupan steht ihm für Judas ein Darsteller zur Verfügung, dessen Emotionalität ihn zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Rolle anregt. „Er soll nicht bloß Fremdkörper und Störfaktor sein, wie er es auch in meinen früheren Inszenierungen manchmal war.“ Judas soll innerhalb der Gemeinschaft verständlich werden. Das verleiht auch seinem Verrat ein anderes Gewicht: Er betrifft Menschen, deren Beziehungen zuvor glaubhaft sein müssen.
Die Frage, wie Judas zu beurteilen ist, bleibt dabei offen. Der Regisseur formuliert sie aus der Perspektive der Wirkungsgeschichte: „Hätte es ohne seinen Verrat diese Religion gegeben?“ Die Inszenierung bewegt sich damit in jenem widersprüchlichen Gelände, das „Jesus Christ Superstar“ bis heute interessant macht. Persönliche Entscheidung, politische Konsequenz und religiöse Überlieferung lassen sich hier kaum voneinander trennen.
„Ich glaube nicht, dass Judas damit rechnet, dass Jesus durch seinen Verrat stirbt. Eher will er ihm einen Denkzettel verpassen, damit er aufwacht. Eigentlich möchte Judas alle retten. Das macht seinen Verrat nicht weniger zu einem Verrat, aber er handelt aus Gründen, die für ihn richtig sind. Das finde ich sehr spannend“, erklärt Zupan seinen Zugang zu der Rolle des Judas.
Nägel am Rand, Menschen als Kreuz
Rings um die Spielfläche stehen Metallobjekte. Es sind Nägel, erklärt Petersen. Sie bleiben während der gesamten Handlung präsent und werden am Ende konkret eingesetzt. Damit ist das Wissen um die bevorstehende Gewalt von Anfang an im Raum.
Für die Kreuzigung sucht der Regisseur ein Bild jenseits der vertrauten Darstellung. Jesus soll auf den Schultern beziehungsweise Rücken der Menschen liegen. „Für mich steckt darin der Gedanke, dass er für uns alle gestorben ist.“

Deutsche Worte, englischer Drive
Neben den szenischen Fragen fordert die Sprache das Team. Nach mehreren englischsprachigen Inszenierungen arbeitet Petersen nun mit der deutschen Übersetzung von Timothy Roller. Die Entscheidung folgt entsprechenden Vorgaben des Verlags, eröffnet aber auch eine eigene künstlerische Aufgabe: Wie bleiben Rhythmus, Direktheit und Energie der Musik erhalten?
„Ich finde die deutsche Sprache auf der Bühne richtig und wichtig“, sagt Erik Petersen. „Aber die Musik ist stark vom Englischen geprägt.“ Daraus zieht er eine konkrete Konsequenz für die musikalische Arbeit: „Deshalb muss man in der Phrasierung und in der Stilistik weiterhin englisch denken, damit sie ihren Charakter, ihren Drive und ihren Pop behält.“
Musikalisch setzt Bonn auf eine große Bandbesetzung. Eine Fassung mit Orchester lässt sich terminlich mit dem Bonner Beethoven Orchester nicht realisieren. Die Produktion konzentriert sich deshalb auf die reine Bandversion. Für den Regisseur liegt eine besondere Qualität des Werks ohnehin in der Unmittelbarkeit seiner Musik. „Die beiden waren sehr jung und haben einfach gemacht. Diese Freiheit hört man der Musik an“, sagt er über Komponist Andrew Lloyd Webber und Librettist Tim Rice.
Zwei Jesus-Darsteller, ein gemeinsamer Probenprozess
Auch die Besetzung verlangt organisatorische Beweglichkeit. Jesus wird von Oliver Edward und Riccardo Greco gespielt. Greco kennt Petersens Zugriff bereits aus St. Gallen, wo die gemeinsame Arbeit unter den Bedingungen der Coronazeit stattfand. Die erneute Zusammenarbeit bietet ihm die Gelegenheit, sich der Rolle unter anderen Voraussetzungen zu widmen.
Bei Edward muss die Bonner Produktion mit einem Engagement in Amerika zusammenfinden. Er erhielt das Angebot für die amerikanische Tour von „& Juliet“ – und Petersen setzte sich dafür ein, beides zu ermöglichen. Ein Teil der Vorbereitung läuft deshalb digital. Musikalische Einstudierung auf Distanz und Videos aus den Proben helfen dabei, die Arbeit zusammenzuführen.
Wie weit diese Abstimmung in den Alltag hineinreicht, zeigt Erik Petersens beiläufige Bemerkung über ein Telefonat bis ein Uhr nachts. Oliver Edward übernimmt die Premiere, Riccardo Greco erhält Ende November eine eigene Premiere. Die Doppelbesetzung ist damit auch eine Aufgabe für einen Probenprozess, der über die Bühne in Bonn hinausreicht.
Der Vormittag auf der Bühne macht sichtbar, wie viele Entscheidungen in die Erzählung von „Jesus Christ Superstar“ eingehen. Während Bernard Niemeyer die nächsten Absprachen mit den Gewerken koordiniert, stehen in der szenischen Arbeit Verrat, Macht, Zweifel und die Hoffnung auf einen neuen Anfang nebeneinander. Das Wasser gibt ihnen einen gemeinsamen Ort. Die Wippe verändert ihre Positionen. Und mitten in diesem beweglichen Raum sucht Erik Petersen nach Menschen, deren Entscheidungen eine vertraute Geschichte wieder ungewiss werden lassen. Das Ergebnis bekommt das Publikum ab 31. Oktober 2026 zu sehen.
Text: Dominik Lapp

