„Rebecca“ (Foto: Andreas Lander)
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Starke Neuinszenierung: „Rebecca“ in Magdeburg

Noch bevor das Musical „Rebecca“ im Herbst 2022 nach Wien, an den Ort seiner Uraufführung zurückkehrt, zeigt das Theater Magdeburg dieses Drama als Open-Air-Inszenierung von Erik Petersen auf dem Domplatz. Es ist damit nach der gefeierten Tecklenburger Inszenierung von Andreas Gergen die zweite Freilichtinszenierung des Werks von Sylvester Levay (Musik) und Michael Kunze (Buch und Songtexte).

Erik Petersen, der Musicals hin und wieder in moderner Lesart inszeniert, belässt die Handlung in den 1920er Jahren, zeigt sie aber in einem überdimensionalen ausgebrannten Wrack von Rebeccas Segelboot. Zentrales Element im Bühnenbild von Dirk Hofacker ist ein Wasserbecken, in dem vier quadratische Spielflächen positioniert sind und bewegt werden. Dieser Regie-Einfall erweist sich als gelungener Kniff, weil das Element Wasser stark mit der Handlung verwoben ist. Egal ob wir uns in Monte Carlo oder auf Schloss Manderley in Cornwall befinden – das Wasser ist allgegenwärtig.

Um die Breite der Bühne zu füllen, fährt der Regisseur alles auf, was möglich ist. Neben den Solistinnen und Solisten sind da der Chor, die Statisterie und das Ballett, die beispielsweise den Maskenball auf Manderley oder die Strandgut-Szene, aber auch die Schlussszene, wenn die Bühne in Flammen steht, mit Leben füllen. Doch Erik Petersen nutzt nicht nur alle Möglichkeiten, die ihm die Freilichtbühne bietet. Er versteht sich darüber hinaus als hervorragender Personenführer und Charakter-Entwickler, was sich insbesondere bei der Entwicklung der „Ich“ zeigt.

„Rebecca“ (Foto: Andreas Lander)

Komplettiert durch die zeitgemäßen Kostüme von Kristopher Kempf, entstehen in dem wandlungsfähigen Bühnenbild große und in Erinnerung bleibende Bilder. Ein Höhepunkt ist dabei sicherlich die Strandgut-Szene zu Beginn des zweiten Akts, die durch die Abfeuerung von roten Signalraketen und das Ensemble, das mit Fackeln und Laternen durch Wasser watet, an Authentizität gewinnt und für Gänsehautstimmung sorgt. Optisch sehr gut unterstützt wird Petersens Inszenierung durch die ausdrucksstarke Choreografie von Sabine Arthold, die das Ballettensemble immer wieder als eine Art Schatten der Vergangenheit auftreten lässt.

So grandios wie die Inszenierung ist glücklicherweise auch die Riege der Solistinnen und Solisten. Patrick Stanke ist als Maxim de Winter weniger der Edelmann als vielmehr der Lebemann, so dass er dieser Rolle einen ganz neuen Stempel aufdrückt. Mit enormer Bühnenpräsenz changiert er zwischen sympathischen und verzweifelt-aggressiven Charakterzügen. Gesanglich glänzt er mit seinem strahlenden Tenor, interpretiert zunächst den Song „Zauberhaft natürlich“ warm und gefühlvoll, prescht dann aber bei „Gott, warum?“ oder „Kein Lächeln war je so kalt“ mit expressiver Stimme vor.

Kerstin Ibald gibt Mrs. Danvers wunderbar distanziert und kühl, macht allerdings genauso die fanatische Liebe der Haushälterin zu ihrer Herrin sehr gut nachempfindbar. In ihrem Solo „Sie ergibt sich nicht“ sowie im Titelsong begeistert Ibald mit brillantem Gesang und großer Schauspielkunst. Das schwerste Päckchen zu tragen, hat allerdings Sybille Lambrich, weil sie als „Ich“ die größte Charakter-Entwicklung durchmacht. Die Wandlung vom schüchternen Waisenmädchen zur selbstbewussten jungen Frau gelingt ihr mit Bravour und wird nicht nur im Zusammenspiel mit Patrick Stanke, sondern vor allem in der Interaktion mit Kerstin Ibald deutlich. Gesanglich fesselt Lambrich mit ihrem mädchenhaft-bezaubernden und sicher geführten Sopran.

„Rebecca“ (Foto: Dominik Lapp)

Als Beatrice und Giles sind Jeanett Neumeister und Lutz Standop ein witziges Paar. Während Standop buchbedingt gesanglich leider nicht viel zeigen darf, überrascht Neumeister mit ihrer volltönenden Stimme unter anderem in dem Duett „Die Stärke einer liebenden Frau“. Marc Clear gibt einen stattlichen Frank Crawley und singt ein gefühlvolles „Ehrlichkeit und Vertrauen“, Robert David Marx mimt als Jack Favell exzellent den unsympathischen Cousin Rebeccas und Amani Robinson liefert als Mrs. van Hopper eine frische und stimmstarke Interpretation der amerikanischen Luxuslady. Trotz ihrer kleinen Rollen zeichnen zudem Michael Flöth als Oberst Julyan und Christian Miebach als Ben so glaubwürdige wie intensive Rollenprofile.

Nicht zuletzt lebt „Rebecca“ von der Musik. So schlagerhaft Sylvester Levays Musik auch teilweise klingen mag, so fügt sie sich doch wie ein symphonischer Filmsoundtrack in den Handlungsverlauf und transportiert die dramatische Story exzellent. Ein wahres Glück ist dabei, dass in Magdeburg die bislang größte Orchesterfassung zu hören ist: 40 Musikerinnen und Musiker spielen in einem Zelt hinter der Bühne, werden durch das leidenschaftliche Dirigat von David Levi zu Bestleistungen angetrieben.

Zum Schluss gegen Mitternacht, nachdem Schloss Manderley durch ein ordentlich großes Feuer bis auf seine Grundmauern abgefackelt wurde, schlägt die Turmuhr vom Magdeburger Dom und lauter Applaus eines begeisterten Publikums brandet schnell auf – absolut verdient!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".