Herausragende Schulproduktion auf Profi-Niveau: „Cabaret“ in Lohne
Darf eine Schule „Cabaret“ spielen? Ein Musical, das in den schillernden und zugleich düsteren Nächten des Berliner Kit-Kat-Clubs spielt, das mit Erotik kokettiert, gesellschaftliche Verwerfungen ausstellt und den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht als historischen Exkurs, sondern als schleichenden Prozess erzählt? Nach diesem Abend am Gymnasium Lohne lautet die Antwort eindeutig: Sie darf nicht nur – sie sollte.
Denn was die renommierte Musical-AG hier auf die Bühne bringt, ist keine entschärfte Schulfassung und keine bloße Annäherung an einen Musical-Klassiker. Es ist eine durchdachte, künstlerisch ambitionierte und in ihrer Konsequenz beeindruckende Auseinandersetzung mit einem Stoff, dessen Aktualität kaum größer sein könnte.
Bereits vor Vorstellungsbeginn wird deutlich, dass diese Produktion mehr sein will als Unterhaltung. Im Foyer ergänzt eine Ausstellung den Theaterabend: Sie zeichnet nach, wie die NSDAP an die Macht gelangen konnte, und zieht bewusst Parallelen zu gegenwärtigen politischen Entwicklungen und zur AfD. Man spürt: Hier wurde nicht nur ein Musical einstudiert, sondern ein historischer und gesellschaftlicher Kontext erarbeitet und diskutiert.
„Cabaret“, mit Musik von John Kander, Songtexten von Fred Ebb, dem Buch von Joe Masteroff und in der deutschen Übersetzung von Robert Gilbert, lebt vom Spannungsverhältnis zwischen glitzernder Oberfläche und gesellschaftlichem Zerfall. Dem Regieteam aus Svenja Dettmer und Stefan Middendorf gelingt es eindrucksvoll, genau diese Ambivalenz freizulegen. Ihre Personenführung ist bemerkenswert differenziert: jede Figur erhält Kontur, Beziehungen entwickeln sich glaubwürdig, Szenen besitzen Dynamik und Rhythmus.

Besonders stark ist dabei der Mut zu eigenständigen Regieentscheidungen. Der Zuschauerraum wird immer wieder mit einbezogen, der Conférencier durchbricht konsequent die vierte Wand und macht das Publikum zum Mitbeobachter und Mitadressaten. Auch dramaturgisch beweist die Inszenierung Gespür. So werden zwei Musiknummern aus dem ersten in den zweiten Akt verlegt, was sich als kluge Entscheidung erweist, da der traditionell musikärmere zweite Teil so zusätzliche Energie verliehen bekommt. Dass Sally Bowles dort „Mein Herr“ und „Vielleicht diesmal“ singt, wirkt nicht nur musikalisch stimmig, sondern stärkt auch die Entwicklung der Figur.
Der eindrücklichste Regieeinfall gelingt jedoch zum Finale des ersten Aktes. Die Reprise von „Der morgige Tag ist mein“ entwickelt eine Wucht, die weit über den Moment hinausreicht. Während die Mitwirkenden auf der Stelle marschieren, wird der Gesang unterbrochen von Toneinspielungen aus den 1920er-Jahren und heutigen Stimmen – etwa von Menschen mit Migrationsgeschichte oder queeren Personen, die erneut von Angst und Verunsicherung sprechen. Die Bühne liegt dabei nahezu vollständig im Dunkeln, nur Gegenlicht zeichnet Silhouetten. Die Verbindung zwischen historischem Stoff und Gegenwart wird hier szenisch so erfahrbar gemacht, dass es geradezu das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Dass „Cabaret“ im schulischen Kontext Fragen aufwirft, wird nicht ignoriert. Der Kit-Kat-Club lebt von Körperlichkeit, von Inszenierung und Provokation. Doch gerade hier beweist die Produktion großes Verantwortungsbewusstsein. Die Schülerinnen als Kit-Kat-Girls erscheinen nie als sexualisierte Projektionen. Die Szenen besitzen Stil und ästhetische Klarheit. Unterstützt wurde die Produktion durch Intimitätskoordinatorin Meggie Bröring – ein bemerkenswerter und professioneller Schritt, der zeigt, mit welcher Ernsthaftigkeit gearbeitet wurde.
Visuell überzeugt die Show durch eine klare, flexible Gestaltung. Vincent Kaufmann und Stefan Middendorf schaffen mit ihrem Bühnenbild eine reduzierte, zugleich äußerst wandelbare Spielfläche: Links dominiert eine Treppe, verbunden durch eine Brücke über die gesamte Bühnenbreite, wodurch auf mehreren Ebenen gespielt werden kann. Der Vorbühnenbereich mit Clubtisch schafft intime Momente, Räume werden oft nur angedeutet – ein Zimmer durch wenige Möbel, der Backstage-Bereich des Kit-Kat-Clubs durch Schminktische mit beleuchteten Spiegeln. Gerade diese Reduktion eröffnet vielfältige Bilder.

Die Kostüme von Judith Gerdes und Meggie Bröring treffen Zeit und Figurenzeichnung mit sicherem Gespür. Die Outfits der Kit-Kat-Girls besitzen Glamour ohne Überzeichnung, die Uniformen der Nationalsozialisten wirken in ihrer Selbstverständlichkeit umso eindringlicher.
Einen erheblichen Anteil am Gelingen hat auch das Orchester unter der Leitung von Peter Krebs. Schon optisch setzt es Akzente: Die Musikerinnen und Musiker erscheinen selbst im Stil der Roaring Twenties. Vor allem aber liefern sie einen musikalisch herausragenden Abend – klanglich differenziert, mitreißend und jederzeit souverän.
Auch choreografisch gelingt Pia Bröring eine überzeugende Balance zwischen Show und Erzählung. Gerade die Nummern im Club entfalten große Wirkung, und besonders „Mein Herr“ verbindet Eleganz, Energie und Spielfreude.
Im Zentrum des Abends steht Malia Pudewill als Sally Bowles. Sie erweist sich als eigentliche Sensation dieser Produktion. Schauspielerisch wie gesanglich ist sie eine Wucht. Jede Szene wirkt glaubhaft, jede Reaktion nachvollziehbar, jede Geste aus der Figur entwickelt. Ihre Interpretation besitzt keine künstliche Exzentrik, sondern Selbstverständlichkeit. In „Mein Herr“ und „Vielleicht diesmal“ zeigt sie enorme gesangliche Präsenz. Und wenn sie im Titelsong auf der Brücke nach unten fährt, entsteht ein Bild von großer Wirkungskraft. Es ist eine Leistung, die sehr weit über schulisches Niveau hinausgeht.

An ihrer Seite gestaltet Justin Kaufmann seinen Clifford Bradshaw mit überzeugender Bühnenpräsenz. Während er nicht nur viele Sympathiepunkte sammelt, besitzt auch insbesondere sein Wutausbruch gegen Ende Intensität und Glaubwürdigkeit.
Alica Pekrul verleiht dem Conférencier eine starke Präsenz und jene gefährlich-mystische Aura, die die Figur braucht, um zugleich Verführer und Kommentator zu sein. Emily Berner als Fräulein Schneider und Benedikt Pelster als Herr Schultz gelingen Szenen von großer Wärme und Menschlichkeit. Gerade im Zusammenspiel entsteht eine Zartheit, die den politischen Entwicklungen des Stücks einen persönlichen Gegenpol entgegensetzt. Julius Buschmann gibt Ernst Ludwig überzeugend zurückgenommen und gerade deshalb umso beunruhigender. Anna Breitenbach setzt als Fräulein Kost komödiantische Akzente mit spürbarer Spielfreude.
Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Diese Produktion muss sich vor professionellen Inszenierungen nicht verstecken – in mancher Hinsicht übertrifft sie sie sogar. Nicht wegen größerer Mittel oder aufwändigerer Technik, sondern weil hier etwas sichtbar wird, das sich nicht herstellen lässt: ein enormes Maß an Hingabe, Ernsthaftigkeit und künstlerischem Anspruch.
Das Gymnasium Lohne zeigt mit dem Musical „Cabaret“, wie Schultheater aussehen kann, wenn junge Menschen ernst genommen werden und wenn man ihnen zutraut, große Stoffe nicht nur zu spielen, sondern zu durchdringen. Nach Stücken wie „Carrie“, „Joseph“ oder „SpongeBob“ hat die Musical-AG wieder einmal bewiesen, warum sie so einen exzellenten Ruf hat, der weit über die Stadtgrenzen hinaus reicht.
Text: Dominik Lapp

