Von Walfängern und Piraten: „Up de Walvis“ auf Borkum
Wer auf Borkum ein Musical im Stil großer kommerzieller Produktionen erwartet, wird bei „Up de Walvis“ zwangsläufig enttäuscht sein. Wer sich dagegen auf ein mit viel Hingabe gestaltetes Heimat-Musical einlässt, erlebt einen Abend, der Geschichte, Brauchtum und Inselstolz auf ebenso unterhaltsame wie sympathische Weise verbindet.
Seit inzwischen 22 Jahren – die Premiere war im Jahr 2004 – gehört die Produktion der Trachtengruppe des Vereins „Borkumer Jungens“ zu den kulturellen Aushängeschildern der Nordsee-Insel und hat den früheren Borkum-Abend längst als sommerlichen Publikumsmagneten abgelöst. In diesem Jahr stehen lediglich drei Vorstellungen auf dem Spielplan – mit großem Zuspruch.
Die Reise beginnt bereits lange vor dem ersten Musikstück. Durch einen als Zeittunnel gestalteten Eingang gelangen die Besucherinnen und Besucher symbolisch ins Jahr 1750. Dahinter öffnet sich kein gewöhnlicher Theatersaal, sondern ein liebevoll eingerichtetes Inseldorf. Zwischen den Sitzreihen begegnen einem Dorfbewohner in historischen Gewändern, die ihre Gäste mit einem herzlichen „Moin“ begrüßen und damit schon vor Vorstellungsbeginn eine besondere Atmosphäre schaffen.
Der plattdeutsche Titel „Up de Walvis“ bedeutet sinngemäß „Auf Walfang“ und verweist auf eine Epoche, in der zahlreiche Borkumer auf niederländischen Schiffen zur Jagd auf Wale ausliefen. Diese Zeit bildet den historischen Rahmen des Musicals. Erzählt wird allerdings keine streng dokumentarische Chronik, sondern eine Mischung aus überlieferten Tatsachen und lokaler Sage. Während die Walfänger zur See fahren, bedrohen Piraten die Insel. Im Mittelpunkt steht die Legende um den gefürchteten Schwarzen Rolf, den die zurückgebliebenen Frauen schließlich mit einer List überwinden. Viel wichtiger als dieser rote Faden ist jedoch das Gesamtbild des damaligen Insellebens. Das Musical zeigt den Alltag der Menschen, erzählt vom Leben auf Borkum, vom Walfang, von Traditionen und vom Zusammenhalt einer kleinen Gemeinschaft.

Gerade darin liegt der besondere Reiz der Produktion. „Up de Walvis“ versteht sich weniger als klassische Musicalhandlung mit dramatischem Spannungsbogen, sondern als lebendige Geschichtsstunde mit theatralen Mitteln. Schauspielszenen, Gesang und Tanz zu Livemusik sowie erklärende Moderationen wechseln sich ab und vermitteln ein facettenreiches Bild der Inselgeschichte.
Heike Bakker und Ernie Neeland führen charmant durch die Handlung, liefern historische Einordnungen und verbinden die einzelnen Szenen miteinander. Neeland entwickelte die Idee bereits Anfang der 2000er-Jahre, nachdem ihn historische Aufführungen im Urlaub inspiriert hatten. Zugleich sollte nach dem Ende des traditionellen Borkum-Abends eine neue Form entstehen, die Geschichte und Unterhaltung miteinander verbindet.
Dass hier Ehrenamtliche auf der Bühne stehen, ist jederzeit sichtbar – allerdings keineswegs im negativen Sinn. Niemand versucht, professionelle Musicalschaffende zu imitieren. Stattdessen überzeugen die Mitwirkenden durch Authentizität, Spielfreude und große Identifikation mit ihrer Insel. Jede Szene vermittelt das Gefühl, dass hier Menschen ihre eigene Geschichte erzählen. Genau dadurch entsteht eine Glaubwürdigkeit, die sich kaum künstlich herstellen ließe.
Auch die Ausstattung trägt entscheidend dazu bei. Historische Trachten, detailreiche Kostüme sowie Bühnenbilder, die unter anderem ein halbes Walfängerschiff und ein Dorf zeigen, schaffen überzeugende Bilder vergangener Jahrhunderte. Besonders erfreulich ist, dass vieles davon in Eigenleistung entstanden ist. Selbst die musikalische Begleitung erfolgt live. Die neunköpfige Band sorgt mit Shantys, traditionellen Melodien und eigens komponierten Liedern für den passenden Klang – eine Besetzung, die inzwischen durchaus mit den Orchestergrößen vieler kommerzieller Musicalproduktionen mithalten kann.

Immer wieder verlässt das Geschehen die eigentliche Bühne und bezieht den gesamten Saal mit ein. Den stärksten Eindruck hinterlässt der Piratenüberfall. Während das Licht gedimmt wird, ziehen die Seeräuber mit flackernden Laternen durch die Reihen des Publikums. Plötzlich befinden sich die Besucherinnen und Besucher mitten im Geschehen statt nur davor.
Auch in der Pause bleibt das Gemeinschaftsgefühl erhalten. Kostenlos werden selbstgebackene Waffeln sowie die auf Borkum berühmte Fasanenbrause ausgeschenkt – ein Likör aus Sanddornsaft, Doppelkorn und Zucker, dessen augenzwinkernder Name längst zum Inselinventar gehört. Das Publikum kommt miteinander ins Gespräch, bevor die Reise in die Vergangenheit weitergeht.
„Up de Walvis“ ist kein Musical, das mit spektakulären Bühneneffekten, Stars oder technisch ausgefeilter Perfektion beeindrucken möchte. Sein Wert liegt an anderer Stelle. Die Produktion erzählt mit viel Herzblut von der Geschichte Borkums, bewahrt Traditionen und vermittelt Gästen zugleich ein Verständnis für das Leben auf der Insel vor Jahrhunderten.
Gerade diese Verbindung aus Theater, Heimatpflege und gelebtem Ehrenamt macht das Stück zu einem besonderen Erlebnis. Wer seinen Borkum-Urlaub um eine kulturelle Entdeckungsreise bereichern möchte, findet in „Up de Walvis“ eine liebevolle Begegnung mit der Geschichte und den Menschen der Insel.
Text: Dominik Lapp

