Jason Weaver
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Dirigent zwischen Musical und Sinfonieorchester: Warum Jason Weaver zwei musikalische Welten liebt

Jason Weaver liebt den Wechsel. Auf der einen Seite steht das große Sinfonieorchester, bei dem es um Klangfarben, Dynamik und musikalische Gestaltung geht. Auf der anderen Seite das Musical, bei dem für ihn plötzlich etwas anderes in den Mittelpunkt rückt: der Mensch. Gerade diese beiden Welten sind es, zwischen denen sich der Dirigent und Musikalische Leiter besonders wohlfühlt.

Sein Weg führte dabei zuletzt unter anderem zu „Next to Normal“ nach Oldenburg, zu „Footloose“ auf die Freilichtbühne Meppen und immer wieder zu Konzertprojekten mit den Symphonikern Hamburg. Im September arbeitet Weaver zudem mit dem Göttinger Symphonieorchester. Dass Musical und Konzert auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, macht für ihn gerade den Reiz aus.

Abwechslung ist willkommen

Bei der Arbeit mit einem Orchester fasziniert ihn vor allem die enorme klangliche Bandbreite. „Diese vielen Farbmöglichkeiten“, wie er es beschreibt, die Dynamik und die Flexibilität eines großen Klangkörpers. Im Musical komme dagegen eine weitere Ebene hinzu: Geschichte, Figuren und Menschen.

Dort reicht es für ihn nicht, dass Darstellerinnen und Darsteller ihre Partien technisch sauber und schön singen. Sie müssen glaubwürdig werden. „Sie müssen von ganzem Herzen in eine Rolle einsteigen“, beschreibt Jason Weaver seinen Anspruch. Die eigene Persönlichkeit und die eigenen Lebenserfahrungen sollen dabei ihren Weg in eine Figur finden.

Besonders intensiv erlebte er das bei „Next to Normal“. Das Musical erzählt von einer Familie, die mit der bipolaren Störung der Mutter und deren Folgen lebt. Für Weaver bedeutete die Produktion deshalb weit mehr, als Noten und Einsätze einzustudieren. „Das war interessant, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.“

„Footloose“ in Meppen (Foto: Dominik Lapp)
Seit einigen Jahren ist Jason Weaver als Musikalischer Leiter an der Freilichtbühne Meppen tätig. Im Sommer 2026 hat er dort Iris Limbarths Inszenierung von „Footloose“ musikalisch betreut.

Wenn Regie und Musik zusammenwachsen

Der Dirigent liebt es, für ein Konzert mit dem Orchester am Klang zu arbeiten und dann wiederum im Musical mit Menschen auf der Bühne zu tun zu haben. Dabei beginnt eine Musicalproduktion zunächst mit einer vergleichsweise klaren Arbeitsteilung. Jason Weaver ist für die musikalische Einstudierung zuständig, die Regie für das Bühnengeschehen. Doch je näher die Premiere rückt, desto mehr verschwimmen diese Grenzen.

Wenn erstmals größere Passagen oder das gesamte Stück durchgespielt werden, greifen Musik und Szenen zwangsläufig ineinander. Dann könne etwa die Regie feststellen, dass eine musikalische Interpretation emotional noch nicht mit einer Szene zusammenpasse. Umgekehrt kann der Musikalische Leiter aus der Musik heraus Anregungen für das Spiel geben.

Bei „Next to Normal“ funktionierte dieser Austausch für ihn besonders gut. Immer wieder habe er sich nach Proben mit der Regisseurin zusammengesetzt, um Dinge zunächst ohne das Ensemble zu besprechen. Nach einigen Wochen wisse man schließlich auch, wo die Stärken der Mitwirkenden liegen.

Mehr Arbeit am Computer

Bei „Footloose“ in Meppen sah seine Arbeit noch einmal völlig anders aus. Die Musik wurde dort nicht live performt, sondern digital zugespielt, während lediglich der Gesang live war. Umgangssprachlich würde man sagen, die Musik kam vom Band, obwohl in der Branche schon lange nicht mehr mit Tonbändern gearbeitet wird. Was zunächst nach weniger Arbeit für einen Musikalischen Leiter klingt, bedeutete für Jason Weaver aber vor allem: weniger Flexibilität und dafür mehr Arbeit am Computer.

Die Aufnahmen stammten ursprünglich aus der Meppener Produktion von 2007 und wurden für die aktuelle Inszenierung neu gemischt und klanglich überarbeitet. Anders als bei einer Liveband lässt sich die Musik so während der Proben aber nicht beliebig verändern. Will die Regie beispielsweise einen Abschnitt kürzen, kann Weaver nicht einfach ein paar Takte streichen lassen.

Übergänge müssen musikalisch funktionieren, Tonarten zusammenpassen und Schnitte so sauber sein, dass das Publikum davon nichts bemerkt. „Manchmal muss ich die Software nutzen und einen Teil zum Beispiel transponieren, damit es passt“, erklärt er.

Bei einer Liveband könne er dagegen einen Übergang neu schreiben, Noten verteilen und ausprobieren lassen. Beim Playback müsse er mit dem vorhandenen Material arbeiten. „In dem Sinne habe ich bei Playbacks nicht die Flexibilität.“ Das könne durchaus lange Abende am Rechner bedeuten.

Jason Weaver

Eine Produktion soll ihr Niveau halten

Auch während der Vorstellungen ist er als Musikalischer Leiter in Meppen präsent, obwohl er weder dirigiert noch Einsätze gibt. Vor jeder Aufführung begleitet Jason Weaver den Soundcheck. Gerade bei einer Freilichtproduktion ist dieser wichtig, weil Temperatur und Luftfeuchtigkeit den Klang verändern. Was am vergangenen Wochenende perfekt eingestellt war, kann einige Tage später bereits wieder anders klingen. Deshalb hört er genau hin und stimmt sich mit der Tontechnik ab.

Vor den Vorstellungen gibt er dem Ensemble zudem Rückmeldungen, bessert einzelne Nummern nach und erinnert an Details, die nach mehreren spielfreien Tagen wieder verloren gegangen sein können. So soll die Produktion über die gesamte Spielzeit ihr Niveau halten.

Was Bühne und Orchester voneinander lernen können

So unterschiedlich Konzertsaal und Musicalbühne erscheinen mögen, Jason Weaver sieht zwischen beiden Welten zahlreiche Verbindungen. Darstellerinnen und Darsteller könnten beispielsweise davon profitieren, genauer auf das zu hören, was unter ihrem Gesang passiert. Die Musik unter einer Szene ist nicht bloß Begleitung. „Die Musik ist der Motor dazu, was auf der Bühne passiert.“

Umgekehrt könnten die Menschen im Orchester davon profitieren, sich stärker mit Handlung, Figuren und Text auseinanderzusetzen. Der Amerikaner hat das bei seiner Arbeit an Staats- und Stadttheatern immer wieder erlebt. Erzählt er einem Orchester, was in einer Szene gerade passiert, verändert sich das Spiel. Plötzlich haben die Musikerinnen und Musiker ein Bild im Kopf. Eine wütende Szene verlangt eine andere Begleitung als eine Liebesszene. Für Weaver treffen sich die beiden Welten deshalb an einem entscheidenden Punkt: Musik muss etwas erzählen.

Das Publikum soll berührt nach Hause gehen

Am Ende geht es Weaver weder um perfekte Töne allein noch um möglichst spektakuläre Bilder. Entscheidend ist für ihn, ob das, was auf der Bühne oder im Orchestergraben entsteht, das Publikum erreicht.

Das gilt für ein psychologisch komplexes Musical wie „Next to Normal“ genauso wie für eine große Showproduktion. Selbst dort dürfe eine Figur nicht zur bloßen Fassade werden. Je persönlicher sich jemand in eine Rolle einbringe, desto größer sei die Chance, dass sich etwas auf das Publikum überträgt. „Wenn sich Leute im Publikum berührt fühlen, dann haben wir unsere Arbeit richtig gemacht“, findet der Dirigent.

Vielleicht beschreibt genau dieser Satz am besten, was ihn zwischen Sinfonieorchester, Musicalbühne und Freilichttheater antreibt. Nicht das Genre entscheidet für Jason Weaver über einen gelungenen Abend, sondern das, was am Ende bleibt: „Wir wollen die Leute nach Hause schicken mit dem Gefühl, dass sie berührt wurden, etwas richtig Schönes erlebt haben und deshalb gerne wiederkommen. Das ist mein Konzept.“

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".