„Jesus Christ Superstar“ in Erfurt
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Unkaputtbarer Stoff: „Jesus Christ Superstar“ in Erfurt

Jesus trägt Weiß, Judas trägt Weiß. Zwischen ihnen liegen Verrat, Zweifel, Liebe und die Frage, was aus einer revolutionären Idee wird, wenn sie zur Massenbewegung wächst. Regisseur Peter Lund erzählt Andrew Lloyd Webbers und Tim Rices „Jesus Christ Superstar“ auf den Erfurter Domstufen als moderne, ungemein kurzweilige Rockoper – und zeigt dabei, wie wenig veraltet der Stoff über Macht, Manipulation und religiöse Vereinnahmung ist.

Dass dieses Musical auch 55 Jahre nach seiner Uraufführung noch funktioniert, liegt nicht allein an Lloyd Webbers Musik. Der Komponist verbindet Pop, Rock und orchestrale Klangwelten zu einer Partitur, die ihre Herkunft aus der Zeit von Woodstock nicht verleugnet und trotzdem erstaunlich gegenwärtig klingt. Tim Rices Gesangstexte erzählen die letzten Tage Jesu nicht als fromme Passionsgeschichte, sondern als politischen und gesellschaftlichen Konflikt. Die deutsche Fassung von Timothy Roller bewahrt dabei den direkten, oft pointierten Charakter des Originals.

Peter Lund nimmt diese Offenheit ernst. Seine Inszenierung will den biblischen Stoff nicht museal ausstellen, sondern setzt ihn in Bewegung. Das Geschehen besitzt Tempo, Witz und eine klare Bildsprache. Vor allem aber verzichtet Lund darauf, Jesus zum entrückten Heilsbringer zu verklären. Stattdessen steht ein junger Mann im Zentrum, der mit einer Bewegung konfrontiert ist, die ihm zunehmend entgleitet. Die Menge sucht in ihm den Superstar, seine Anhänger erwarten Antworten, die politischen Machthaber wittern Gefahr. Aus dem Menschen wird eine Projektionsfläche.

Das ist gerade an diesem Spielort ein reizvoller Zugriff. Der Erfurter Dom und seine Stufen brauchen eigentlich keine Ausstattung, um Eindruck zu machen. Hank Irwin Kittel lässt die historische Architektur deshalb weitgehend für sich sprechen und ergänzt sie um goldene Bilderrahmen. Sie markieren Räume, schaffen zusätzliche Ebenen und werden zugleich zu Projektionsflächen. So entsteht kein historischer Tempel auf der Bühne, sondern eine Art Bildermaschine, in der sich die Handlung immer wieder neu rahmen lässt. Das passt zu einer Geschichte, in der es ständig darum geht, wer wen betrachtet, wer ein Bild erzeugt und wer darüber bestimmt, was dieses Bild bedeutet.

Ulrike Reinhards Kostüme treiben die Modernisierung weiter. Viel Blau, kräftige Farben und heutige Kleidung holen die Figuren aus einer vermeintlich fernen biblischen Vergangenheit. Ausgerechnet die religiösen Autoritäten fallen aus diesem bunten Gegenwartsbild heraus: Kajaphas und die Priester erscheinen in schwarzen, deutlich überzeichneten Kostümen. Pontius Pilatus trägt Uniform und wirkt damit weniger wie ein antiker Statthalter als wie ein Vertreter einer modernen Machtapparatur. Jesus und Judas dagegen verbindet die weiße Kleidung – ein zunächst schlichtes Bild, das die enge Verbindung der beiden Männer ebenso sichtbar macht wie ihre unterschiedlichen Wege.

Lukas Mayer gibt Jesus nicht als unfehlbare Ikone. Sein Jesus ist verletzlich, widersprüchlich und immer wieder sichtlich überfordert von der Rolle, die ihm zugeschrieben wird. Mayer verbindet stimmliche Kraft mit einer Darstellung, die den inneren Konflikt der Figur nicht hinter großen Gesten verschwinden lässt. Besonders stark wird er dort, wo sich der Superstar-Mythos und der Mensch Jesus unmittelbar gegenüberstehen.

Til Ormeloh macht Judas zum eigentlichen Gegenspieler und damit keineswegs zum eindimensionalen Bösewicht. Sein Judas ist ein Mann, der die Entwicklung der Bewegung mit Sorge betrachtet und in Jesus zugleich den Freund erkennt, dessen Entscheidungen er nicht mehr nachvollziehen kann. Ormeloh gibt dieser Figur Schärfe und Präsenz. Der Verrat erscheint dadurch weniger als Tat eines dämonischen Widersachers denn als fatale Konsequenz aus Angst, politischem Denken und enttäuschter Nähe. Das macht Judas zur vielleicht modernsten Figur des Abends.

Katja Bildt stattet Maria Magdalena mit großer Bühnenpräsenz aus. Ihre Maria ist eine eigenständige Persönlichkeit, die zwischen Nähe zu Jesus und den Erwartungen der Gemeinschaft ihren eigenen Standpunkt behauptet. Ihr Gesang besitzt Wärme und Kraft.

Auch die Nebenfiguren sind nicht bloß Staffage. Rainer Zaun gibt Pontius Pilatus eine Mischung aus Autorität, Unsicherheit und Widerwillen gegenüber einer Situation, die ihm zunehmend entgleitet. Máté Sólyom-Nagy nutzt den Auftritt des Herodes für einen bewussten Bruch: Seine Szene besitzt Showcharakter und Groteske und führt vor, wie schnell Macht in Selbstinszenierung kippt. Aaron Eunhyuk Lee als Kajaphas und Jörg Rathmann als Hannas verkörpern die religiöse Führung als gut organisierte Machtstruktur. Kevin Arand als Petrus und Lukas Witzel als Simon Zelotes vervollständigen das Ensemble der Jünger und Anhänger, deren Begeisterung und Zweifel den Konflikt zusätzlich antreiben.

Die Choreografie von Bart De Clercq unterstützt Peter Lunds Zugriff, ohne die Handlung mit Bewegung zu überladen. Die Masse wird zum entscheidenden Faktor dieser Inszenierung: Menschen strömen zusammen, bilden Gruppen, richten ihre Aufmerksamkeit auf Jesus und verändern damit ständig die Kräfteverhältnisse.

Musikalisch führt Clemens Fieguth durch Andrew Lloyd Webbers stilistisch vielseitige Partitur. Gerade die Kontraste machen den Reiz des Abends aus: harte Rockpassagen treffen auf lyrische Momente, große Ensembleszenen auf intime Begegnungen. Das Orchester verleiht dem Geschehen die Wucht, die ein Open-Air-Musical vor der monumentalen Kulisse des Erfurter Doms braucht.

Im Vergleich zur Erfurter „Jesus Christ Superstar“-Produktion von 2005 wirkt diese Fassung deutlich weniger dem Zeitgeschmack ihrer Entstehungszeit verhaftet. Wo damals die Flowerpower-Ästhetik den Blick auf das Stück bestimmte, sucht Lund nicht nach einem historischen Hippie-Revival. Er entdeckt stattdessen die politischen und gesellschaftlichen Spannungen, die bereits im Werk angelegt sind: die Faszination für charismatische Anführer, die Dynamik von Massen, den Missbrauch von Glauben und die Frage, was mit einer Botschaft geschieht, wenn andere Menschen sie für ihre eigenen Zwecke benutzen.

So wird „Jesus Christ Superstar“, dieser unkaputtbare Stoff, auf den Domstufen weder zum frommen Passionsspiel noch zur bloßen Musical-Show. Die Inszenierung hält beides zusammen: das große Spektakel und die leise Frage nach dem Menschen hinter dem Mythos.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.