„The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld (Foto: Dominik Lapp)
  by

Traumfabrik mit Krallen: „The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld

Hollywood verspricht Unsterblichkeit. Was es dafür verlangt, erfährt Tippi Hedren am eigenen Leib. Am Theater Bielefeld erzählt das Musical „The Birds of Alfred Hitchcock“ von einer Schauspielerin, deren große Chance zur Falle wird, von der Verführungskraft des Ruhms und einem Regisseur, dessen künstlerischer Anspruch in Besitzdenken umschlägt. Regisseur Michael Heicks bringt diesen Stoff in einer starken, atmosphärisch dichten Inszenierung auf die Bühne. Im Zentrum steht eine überwältigende Lara Hofmann, die dem Abend seine menschliche Dringlichkeit gibt.

Das Musical kehrt an seinen Ursprungsort zurück: 2010 erlebte es in Bielefeld seine Uraufführung, nun ist es in überarbeiteter Fassung und einer vollständigen Neuinszenierung zu sehen. Die Musik komponierte William Ward Murta, der auch den Originaltext unter Mitarbeit von Nila Aalia verfasst hat, die deutsche Textfassung verantwortete er gemeinsam mit Constanze Grohmann. Schon lange vor der öffentlichen Wucht der MeToo-Debatte beschäftigt sich das Werk mit Übergriffen und Abhängigkeiten im Filmbetrieb. Seine Rückkehr zeigt, wie wenig dieses Thema an Brisanz verliert.

Wer hinter dem Titel vor allem eine Musicalfassung des berühmten Vogelhorrors vermutet, muss seine Erwartungen verschieben. Der Film entsteht vor unseren Augen, doch im Mittelpunkt steht die Frau, die darin die Hauptrolle übernimmt. Aus einem Krankenzimmer heraus berichtet Tippi Hedren von ihren Erfahrungen. Damit trägt die Erzählung ihre Verletzungen bereits in sich, bevor sich die Verlockungen der Traumfabrik entfalten. Das Publikum betrachtet die Aussicht auf eine glänzende Karriere im Wissen um den Zusammenbruch.

Michael Heicks versteht es, diese Spannung auszuspielen. Seine Regie zeichnet Figuren und Stimmungen mit großer Sicherheit und lässt den Widerspruch zwischen der Attraktivität des Showgeschäfts und seinen zerstörerischen Mechanismen bestehen. Man kann sich an diesem Abend von Musik, Tanz und Bildern verführen lassen und zugleich erkennen, welchen Preis die Hauptdarstellerin dafür bezahlt.

„The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld (Foto: Dominik Lapp)

Leichte Kost ist das nicht. Die Konstruktion aus Erinnerung, Dreharbeiten und gegenwärtiger Verarbeitung verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Tippi Hedrens Perspektive einzulassen. Wer ausschließlich unbeschwerte Unterhaltung sucht, begegnet einem Werk, das einiges abverlangt. Doch die Inszenierung belohnt diese Offenheit mit einer vielschichtigen Auseinandersetzung über künstlerische Autorität und die Frage, wann Förderung zur Verfügung über einen Menschen wird.

Eine besonders wirkungsvolle Entscheidung betrifft den Mann, dessen Name den Titel beherrscht. Hitchcock bleibt als Darsteller unsichtbar. Thomas Wehling gibt ihm seine Stimme aus dem Off. Diese körperlose Präsenz verschiebt das Machtverhältnis: Der Regisseur muss keinen Raum betreten, um ihn zu beherrschen. Seine Stimme erreicht die Menschen, während er selbst ihrem unmittelbaren Zugriff entzogen bleibt. So wird aus der Abwesenheit eine Form von Allgegenwart. Zugleich gehört die Bühne der Schauspielerin, deren Geschichte hier erzählt wird.

Lara Hofmann – die in Bielefeld unter anderem schon in Musicals wie „Cabaret“ glänzte – nutzt diesen Raum mit einer darstellerischen Intensität, die zur Offenbarung wird. Ihre Tippi Hedren ist eine eigenständige Figur mit Hoffnungen, Verletzlichkeit und dem Wunsch, als Künstlerin ernst genommen zu werden. Hofmann macht verständlich, weshalb die Aussicht auf Anerkennung so verlockend ist und wie schwer es fällt, innerhalb einer solchen Abhängigkeit die eigene Grenze zu behaupten. Sie hält die Rolle lebendig, auch wenn die Handlung sie zunehmend in die Enge treibt.

Dabei greifen Schauspiel und Gesang äußerst schlüssig ineinander. Die musikalischen Momente wirken wie eine Fortsetzung des inneren Geschehens – Hofmann trägt sie mit derselben Ausdruckskraft, die ihr Spiel auszeichnet. Ihre Stimme überzeugt ebenso wie ihre Fähigkeit, den wechselnden Zustand dieser Frau glaubhaft zu vermitteln. Das ist eine Hauptrollenleistung, die den gesamten Abend trägt, ohne das Zusammenspiel mit den anderen zu überstrahlen.

„The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld (Foto: Dominik Lapp)

Denn auch um sie herum ist die Produktion ausgezeichnet besetzt. Frederike Haas gestaltet Hitchcocks Assistentin Peggy Robertson exzellent. Ihre Figur steht an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen dem Willen des Regisseurs und den Menschen, die ihn erfüllen sollen. Haas gibt diesem Platz im Gefüge Gewicht. Durch Peggy erhält die Autorität des unsichtbaren Filmemachers eine sichtbare organisatorische Gestalt: Macht braucht Menschen, die ihre Ansprüche weiterreichen und den Betrieb am Laufen halten.

Nikolaj Alexander Brucker überzeugt als Drehbuchautor Evan Hunter und fügt sich mit einer sehr guten Leistung in das sorgfältig gezeichnete Figurenensemble ein. Genauso stark ist Christina Huckle als Schauspielerin Jessica Tandy. Beide erweitern den Blick auf das Filmset, an dem unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Handlungsspielräume aufeinandertreffen. Die Nebenrollen bleiben dadurch eigenständige Bestandteile einer Arbeitswelt, deren Hierarchie den Verlauf der Geschichte bestimmt.

Arsalan Naimi verleiht dem Vogeltrainer Ray Berwick eine gefährliche Aura. Seine Präsenz setzt einen beunruhigenden Akzent: Selbst die vermeintlich technische Seite der Filmherstellung bekommt etwas Unberechenbares. Carlos Horacio Rivas wiederum erfüllt die Rolle des Krankenpflegers Robin überzeugend. Als Gegenüber der erzählenden Hedren gibt er der Rahmenhandlung den notwendigen Halt und schafft einen Bezugspunkt außerhalb des Studiobetriebs.

Julia Hattsteins schön gestaltetes Bühnenbild verbindet diese verschiedenen Ebenen. Das Krankenzimmer bildet den Ausgangspunkt der Erinnerungen, Filmset und Straßenzüge öffnen den Raum für die Vergangenheit. Besonders reizvoll sind die Einblicke in die offene Bühne, die auch den rückwärtigen Bereich des Theaters sichtbar machen. Sie passen zu einer Geschichte über die Herstellung von Illusionen: Während Hollywood seine Bilder produziert, legt das Theater die eigene Apparatur frei.

„The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld (Foto: Dominik Lapp)

Diese Offenheit besitzt über den ästhetischen Reiz hinaus eine inhaltliche Schärfe. Kulissen, Arbeitsräume und sichtbare Bühnenbereiche lenken den Blick auf die Bedingungen, unter denen ein Kunstwerk entsteht. Was später als geschlossenes Filmbild erscheint, setzt sich hier aus Arbeit, Anweisungen und menschlichen Beziehungen zusammen. Hattsteins Ausstattung bietet dafür einen ebenso anschaulichen wie wandelbaren Rahmen.

Sascha Vredenburgs Videos ergänzen die Szenografie hervorragend. Sie fügen dem Bühnenraum eine filmische Ebene hinzu und entsprechen damit dem Charakter des Stoffs. Das Zusammenspiel der Medien gibt der Inszenierung eine eigene Bildsprache: Kino ist Gegenstand der Erzählung und zugleich Teil ihrer Darstellung.

Auch die Kostüme von Julia Wartemann erzählen mit. Die zeitgemäße Kleidung bleibt überwiegend in Grau, Schwarz und Weiß und erinnert damit an eine Welt, die bereits durch filmische Bilder geordnet scheint. Tippi setzt sich in Grün oder Rosa davon ab. Diese Farbakzente lenken den Blick auf sie und markieren ihre Sonderstellung innerhalb des Ensembles.

Die Choreografie von Sabrina Stein bereichert die Aufführung um sehr schön anzusehende Tanzpassagen. Ihre Schauwerte haben innerhalb dieser Geschichte eine überzeugende Funktion: Sie machen den Reiz der Unterhaltungsindustrie erfahrbar. Die Eleganz und Bewegungsfreude geben dem Versprechen Hollywoods eine sinnliche Gestalt. Dadurch gewinnt der spätere Blick auf dessen Härte an Fallhöhe.

„The Birds of Alfred Hitchcock“ in Bielefeld (Foto: Dominik Lapp)

Das Ensemble trägt ebenfalls entscheidend zur Wirkung der Aufführung bei und verleiht dem geschäftigen Studiobetrieb Kontur und Lebendigkeit. Besonders Leonie Dietrich sticht in mehreren Rollen hervor: Mit darstellerischer Wandlungsfähigkeit und großer Bühnenpräsenz setzt sie innerhalb des Geschehens immer wieder Akzente. Die Studierenden vom Institut für Musik der Hochschule Osnabrück bereichern die Produktion zudem mit Spielfreude und tänzerischem Elan.

Musikalisch schöpft William Ward Murta aus einer reichen Theatererfahrung. Von 1984 bis 2002 war er als Musical-Kapellmeister am Theater Bielefeld tätig und prägte dort zahlreiche Produktionen. Daneben schrieb er eigene Werke wie „M… wie Marilyn“, „Starry Messenger“ und „Das Molekül“. In „The Birds of Alfred Hitchcock“ zeigt sich seine Vertrautheit mit den Möglichkeiten des Genres in einer Partitur, die Swing und Broadwayklang zu einem ausgesprochen reizvollen Stilmix verbindet.

Die große Orchestrierung erinnert an die Klangfülle klassischer Musicals. Murta erlaubt der Musik zu glänzen und gibt ihr den Raum, den dieser Stoff braucht. Unter seiner Leitung spielen die Bielefelder Philharmoniker auf sehr hohem Niveau. Der satte Orchestersound ist ein wesentlicher Genuss dieses Abends.

So gelingt dem Theater Bielefeld ein anspruchsvoller Musicalabend, dessen Ausstattung und musikalische Qualität ebenso überzeugen wie seine Figurenzeichnung. Michael Heicks verlangt seinem Publikum Konzentration ab, führt es dafür aber tief in die Widersprüche einer Branche, die Menschen zu Stars erhebt und ihre Selbstbestimmung bedroht. Lara Hofmann gibt diesem Konflikt ein Gesicht und eine Stimme. Wenn Hollywood hier seine Krallen zeigt, spürt man vor allem, wen sie treffen.

Text: Dominik Lapp

Avatar-Foto

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".