Interview mit Leonie Dietrich: „Ich mag es sehr, in unterschiedliche Genres einzutauchen“
Die Musicaldarstellerin Leonie Dietrich hat im Jahr 2024 ihr Studium am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück (IfM) abgeschlossen und war seitdem in Produktionen wie „La Cage aux Folles“ und „Gefährliche Liebschaften“ zu sehen. Bereits während ihres Studiums spielte sie in den Musicals „Soho Cinderella*“, „Sweeney Todd“ und „Titanic“. Im Interview spricht sie über künstlerische Vielfalt, prägende Rollen, ihre Erfahrungen in Osnabrück, eine intensive Weiterbildungszeit in New York und darüber, warum persönliches Wachstum für sie untrennbar mit ihrer Arbeit auf der Bühne verbunden ist.
Du hast seit deinem Studienende – und auch schon währenddessen – sehr unterschiedliche Rollen gespielt. Was reizt dich an dieser stilistischen Vielfalt?
Das ist für mich eigentlich das Großartige am Musicalgenre. Es bringt musikalisch und inhaltlich eine enorme Vielfalt mit sich. Ich tanze gern, ich singe gern, aber besonders wichtig ist mir das Schauspielerische. Jede Musik transportiert Emotionen anders, jedes Stück hat eine eigene Herangehensweise und andere Themen. Dadurch verschieben sich auch die Schwerpunkte: Bei „Soho Cinderella*“ lag der Fokus stärker auf dem Tanz, bei „Gefährliche Liebschaften“ eher auf der psychologischen Ebene. Ich mag es sehr, in unterschiedliche Genres einzutauchen und verschiedene künstlerische Facetten ausleben zu können.
Deine Abschlussproduktion war „Sweeney Todd“, in der du zwischen zwei Rollen gewechselt hast. In einigen Vorstellungen hast du Johanna gespielt, in anderen die Bettlerin. Wie hat sich deine Arbeitsweise dadurch verändert?
Das war unglaublich spannend, weil ich das Stück aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven erleben konnte. Gleichzeitig lief noch eine Wiederaufnahme von „Titanic“, so dass ich an einem Wochenende tatsächlich drei verschiedene Rollen gespielt habe. Die Bettlerin ist sehr aktiv und bietet viel Freiheit, obwohl sie weniger Text hat. Sie beobachtet das Geschehen fast wie eine Detektivin und steht emotional außerhalb der Gesellschaft. Johanna dagegen steckt mittendrin und ist stärker eingebunden. Auch stimmlich und körperlich waren das völlig unterschiedliche Ansätze. Gerade diese Extreme haben mir viel über beide Figuren beigebracht.

Die Bettlerin in „Sweeney Todd“ ist im Gegensatz zu Johanna eine Figur, die man nicht so stark auf dem Schirm hat. Was hat dich an der Figur besonders interessiert?
Sie ist eine Außenseiterin, die gleichzeitig alles sieht. Man kann stark mit Körperlichkeit arbeiten und auch direkt mit dem Publikum interagieren. Diese Freiheit hat mir sehr gefallen. Psychologisch ist die Rolle spannend, weil sie gesellschaftlich ausgegrenzt ist und dennoch eine zentrale Perspektive einnimmt. Und natürlich bekommt die Figur am Ende eine große tragische Dimension.
Welche Erinnerungen verbindest du besonders mit deinen Engagements in Osnabrück?
„Titanic“ ist da für mich sehr präsent, weil es mein erstes professionelles Engagement war. Es war ein wunderschönes Ensemblegefühl. Ich erinnere mich besonders daran, am Anfang an der Reling zu stehen – dieser erste große Song war jedes Mal ein besonderer Moment. Wie das Publikum uns bei der Dernière mit Taschentüchern winkte, werde ich nie vergessen. Dieses Stück stand für mich auch persönlich für einen Aufbruch, und wir als IfM-Jahrgang sind dadurch sehr zusammengewachsen.
„Soho Cinders“, das mittlerweile „Soho Cinderella*“ heißt, hast du sowohl in Osnabrück als auch später als Open-Air-Produktion in Ettlingen gespielt. Wie hat der Ortswechsel die Produktion verändert?
Open Air zu spielen ist komplett anders. Man muss mit Wetter, rutschigem Boden und neuen Bedingungen umgehen. Gleichzeitig verändert sich auch die Dynamik durch neue Kolleginnen und Kollegen. Es hatte etwas von einem Sommercamp – sehr intensiv und gemeinschaftlich. Auch die Rolle habe ich anders wahrgenommen, weil sich durch neue Partnerkonstellationen andere Beziehungen und Spannungen ergeben haben. Man lernt in solchen Produktionen unglaublich viel voneinander.

Gibt es in deiner noch jungen Karriere bereits Rollen, die dich persönlich verändert haben?
Ich glaube, man wächst an jeder Rolle. Für mich ist dabei immer auch das Stück als Ganzes wichtig. Ich arbeite mich gern tief in Hintergründe ein und frage mich, welche gesellschaftliche Relevanz ein Stoff hat. Dadurch werden einem natürlich auch neue Perspektiven auf die Gesellschaft gegeben und Verhaltensmotive verdeutlicht. Die Auseinandersetzung mit „Gefährliche Liebschaften“ und Cécile hat mich besonders beeinflusst.
Du warst gerade erst mehrere Monate in New York. Was hast du dort gemacht?
Ich war über ein Stipendium dort und habe am Independent Artist Program bei Steps on Broadway teilgenommen. Zusätzlich habe ich Schauspiel- und On-Camera-Workshops besucht und Gesangsunterricht genommen. Die Zeit war für mich persönlich und künstlerisch sehr prägend. Die Stadt hat einen unglaublich kreativen Drive.
Wie hast du die politische Situation in den USA während deiner Zeit dort wahrgenommen?
Ich habe mir vor der Reise viele Gedanken gemacht, ob ich überhaupt einreisen möchte. In New York selbst bekommt man politisch im Alltag weniger mit, weil die Stadt sehr liberal ist, aber die Diskussionen waren natürlich präsent. Man merkt, dass aktuell verschiedene gesellschaftliche Realitäten parallel existieren. Gleichzeitig bleibt es schade, dass politische Entwicklungen bei vielen Menschen Unsicherheit oder Angst auslösen.

Welche Menschen hast du dort kennen gelernt?
Sehr unterschiedliche. Viele Tänzerinnen aus verschiedenen Ländern, aber auch Musicaldarsteller, Studierende, Off-Broadway-Künstler oder Menschen aus ganz anderen Bereichen. Die Studios sind international, und man trifft sowohl Profis als auch Leute, die einfach aus Leidenschaft trainieren. Genau diese Mischung macht den Austausch so wertvoll.
Was hat dich in New York am stärksten geprägt?
Vor allem die Arbeit am Mindset sowie die unterstützende, positive Atmosphäre in der Community. In New York wird sehr stark daran gearbeitet, den eigenen Wert unabhängig von Engagements zu sehen. In unserem Beruf gehören Absagen dazu, und dort habe ich gelernt, freundlicher mit mir selbst zu sein und den Fokus stärker auf meinen eigenen künstlerischen Prozess zu legen. Besonders beeindruckt hat mich, wie sehr der Ansatz „Schauspiel first“ in allen Sparten gelebt wird.
Hast du neue Techniken mitgebracht?
Nicht komplett neue Techniken, aber eine neue Perspektive auf vieles. Es ist, als würde man eine Münze umdrehen und dieselben Dinge von einer anderen Seite betrachten. Ich habe neue Tools gefunden und mein Verständnis von Technik erweitert.

Sind durch deine Zeit am Broadway neue Traumrollen entstanden?
Man hat immer eine Liste im Kopf, aber ich versuche offen zu bleiben für das, was kommt. Ich habe dort unter anderem an Material aus „Parade“ und „Kinky Boots“ gearbeitet. Grundsätzlich reizen mich sehr unterschiedliche Stoffe. Ein großer Traum wäre, irgendwann Glinda in „Wicked“ zu spielen – das ist ein Kindheitstraum.
Worauf achtest du zuerst, wenn du an einer neuen Produktion arbeitest?
Zuerst auf die Geschichte. Ich verschaffe mir einen Überblick über Thema, Kontext und Aussage des Stücks. Dann gehe ich tief in die Figur: Ziele, Ängste, Beziehungen. Erst danach beschäftige ich mich intensiv mit der Musik. Ich frage mich, was Rhythmus, Tempo oder Dynamik über die Emotionen erzählen. Und im Probenprozess versuche ich, offen zu bleiben für das, was durch Spielpartner, Regie oder Musikalische Leitung neu entsteht.
Welche persönliche Entwicklung wünschst du dir für die kommenden Jahre?
Vor allem Vielfalt. Ich wünsche mir, viele unterschiedliche Rollen spielen zu dürfen und mich mit verschiedensten Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Genau darin liegt für mich der größte Reiz dieses Berufs.
Interview: Dominik Lapp