Mit neuer Cast und neuen Kostümen: „1648“ in Meppen
Nach seiner Uraufführung 2023 in Osnabrück zum 375-jährigen Jubiläum des Westfälischen Friedens und einer weiteren Spielserie zwei Jahre später kehrt das Musical „1648“ nun in neuer Etappe zurück auf die Bühne und ist am Theater Meppen sowie in Haltern am See zu erleben. Die Produktion zeigt sich dabei sichtbar verändert: Teile der Besetzung wurden neu zusammengestellt, Kostüme und Perücken überarbeitet, der Gesamteindruck wirkt zugleich gereifter. Dass dieses Werk weiterlebt und sich im Spielbetrieb entwickelt, gehört zu seinen größten Qualitäten.
Musikalisch bleibt die Partitur von Florian Albers das tragende Fundament des Abends. Sie bewegt sich mühelos zwischen Musicalballade, popnahen Ensembleszenen mit Rap-Einschüben und historisch gefärbten Klangzitaten, ohne je museal zu wirken. Immer wieder entstehen Melodien, die sich unmittelbar festsetzen. So entsteht ein Sog, der die politischen Verhandlungen des Dreißigjährigen Krieges nicht als trockene Geschichtsstunde, sondern als vibrierendes gesellschaftliches Drama erfahrbar macht.
Das Buch und die Songtexte von Michael Przewodnik erzählen sehr gut die komplizierten diplomatischen Prozesse aus einer historisch-fiktiven Perspektive heraus. Dabei entstehen zeitweise jedoch auch dramaturgische Längen. Gleichzeitig beweist Przewodnik in seiner Regiearbeit ein feines Gespür für Figurenentwicklung. Beziehungen verändern sich sichtbar, Bündnisse kippen, private Motive durchziehen die politischen Entscheidungen – ein Ansatz, der den historischen Stoff menschlich erdet.
Die Choreografie von Henriette Schreiner setzt bewusst auf Bewegung als erzählerisches Mittel. Diplomatie wird hier nicht statisch verhandelt, sondern körperlich ausgefochten: schnelle Formationswechsel und rhythmisch strukturierte Gruppenszenen verleihen dem Abend Dynamik.

Die überarbeiteten Kostüme unterstützen diese Lesart. Sie zitieren historische Silhouetten, ohne sich in detailverliebter Rekonstruktion zu verlieren, und schaffen klare visuelle Hierarchien zwischen Macht, Glauben und gesellschaftlicher Stellung. Die neuen Perücken (Maske: Philipp Hager) wirken natürlicher als in früheren Fassungen und lassen die Darstellenden weniger wie Figuren aus einem Gemälde, sondern wie handelnde Menschen erscheinen.
So überzeugend viele künstlerische Entscheidungen ausfallen, so deutlich treten jedoch technische Probleme in Meppen hervor. Die Lichtgestaltung bleibt über weite Strecken einfallslos, mal gleißend hell und dann wieder zu dunkel. Lichteinsätze erfolgen mehrfach verspätet, Übergänge wirken unfertig. Szenen verlieren dadurch an Klarheit, weil Blickachsen schlicht nicht sichtbar werden.
Noch gravierender sind die Tonprobleme: Häufig verschmelzen Stimmen und Musik zu einem undifferenzierten Klangbrei, Songtexte gehen verloren, Handlungsschritte bleiben akustisch unverständlich. Gerade bei einem erzählintensiven Musical wie „1648“ wird dies zum echten Hindernis.
In der neuen Besetzung überzeugt insbesondere Janina Maria Wilhalm als Marie von Sternberg. Sie verbindet kraftvollen, klar geführten Gesang mit glaubwürdiger darstellerischer Präsenz und entwickelt die Figur von der Beobachterin zur selbstbewussten politischen Akteurin. Ihre musikalischen Nummern zählen zu den stärksten Momenten des Abends.

Benedikt Peters gestaltet Johan Oxenstierna erneut und hat die Rolle seit der letzten Spielserie sichtbar vertieft. Sein Spiel wirkt konzentrierter, innerlicher, die politischen Strategien erscheinen weniger kalkuliert als existenziell notwendig. Gesanglich bewegt er sich souverän durch die anspruchsvollen Passagen und verleiht der Figur eine glaubhafte Ambivalenz zwischen Pflicht und persönlichem Zweifel.
Eine besondere Konstante bleibt Henriette Schreiner, die als einzige seit der Uraufführung auf der Bühne steht und gleich zwei prägnante Rollen verkörpert: Anna Sture und Königin Kristina. Sie wechselt mühelos zwischen verletzlicher Intimität und monarchischer Autorität. Schauspiel und Gesang greifen bei ihr selbstverständlich ineinander.
Neu in der Produktion setzt Christoph Gründinger als Rabanus Heistermann einen eigenen Akzent. Seine Interpretation vermeidet bloße Charakterzeichnung und gibt der Figur kantige Individualität. Nuno Dehmel verfeinert als Johann Krahne sein bereits bekanntes Rollenkonzept, arbeitet stärker mit kleinen Gesten und gewinnt dadurch an Präsenz. Bemerkenswert bleibt schließlich die Vielseitigkeit von Florian Albers, der gleich mehrere Figuren gibt: den unangenehm scharf gezeichneten Bürgermeister Gerhard Schepeler, den sympathischeren Apotheker Heinrich Ameldung und einen humorvoll angelegten Kaiser Ferdinand.
Trotz technischer Schwächen entfaltet „1648“ in Meppen eine eindrucksvolle theatralische Wucht. Die Produktion zeigt ein Werk im Wandel, das sich nicht mit historischer Illustration begnügt, sondern Geschichte als lebendigen Aushandlungsprozess begreift.
Text: Dominik Lapp