Von Hamburg nach New York: Ein großer Schritt für Oliver Edward
Ein Junge mit großen Träumen, ein Stipendium an Andrew Lloyd Webbers renommierter ArtsEd in London und Hauptrollen in globalen Musical-Phänomenen wie „Hamilton“ und „& Julia“: Die Karriere von Oliver Edward liest sich wie ein modernes Künstlermärchen. Doch wer dem charismatischen Darsteller begegnet, spürt schnell, dass hinter dem Erfolg weit mehr steckt als Glück: unbändiger Fleiß, ein internationales Netzwerk und der Mut, sich immer wieder neu zu erfinden. Zuletzt probte er in New York für ein ganz besonderes Herzensprojekt: das Musiktheaterstück „The Black Clown“, das kürzlich an der Opera Philadelphia Premiere hatte.
Wer Oliver Edward in diesen Tagen erreichen will, muss die Zeitverschiebung einkalkulieren. Der Musicaldarsteller, der zuletzt im Hamburger Operettenhaus als Francois in „& Julia“ das deutsche Publikum begeisterte, hat den Sprung über den Atlantik gewagt. Seine Zelte hat er temporär in Manhattan aufgeschlagen. Die Stadt, die niemals schläft, ist für ihn kein Pflaster der Einschüchterung, sondern ein Ort der Erfüllung.
Wahrgewordener Kindheitstraum
„Jeden Tag in New York City aufzuwachen und in den Gibney Studios eine neue Produktion zu proben, ist etwas ganz Besonderes für mich – ich glaube, mein zehnjähriges Ich würde das kaum fassen können“, berichtet Edward. Der Grund für seinen aktuellen New-York-Aufenthalt ist das Musiktheaterstück „The Black Clown“, das an der Opera Philadelphia zu sehen ist. Für den Künstler schließt sich damit ein Kreis, der weit in seine private Leidenschaft hineinreicht.

„Für mich ist ‚The Black Clown‘ein Herzensprojekt, weil es musikalisch Gospel und klassische Elemente verbindet. Das ist eine Mischung, die ich privat schon lange liebe, die ich aber bisher selten in einer Produktion ausleben konnte.“ Neben der musikalischen Symbiose schwärmt er vor allem von der Atmosphäre vor Ort: „Außerdem ist die Energie innerhalb der Cast super entspannt – die Stimmen sind unglaublich, und schon seit dem ersten Probentag gehört das gemeinsame Singen zu meinen absoluten Highlights.“
Amerikanische Disziplin bei den Proben
Doch so traumhaft sich die Kulisse New Yorks anfühlt, die Probenarbeit in den USA folgt eigenen, harten Gesetzen – geprägt von der Theatergewerkschaft Actors’ Equity. Eine Struktur, die sich deutlich von Oliver Edwards früheren Stationen am Londoner West End unterscheidet, wo er in den Musicals „The Pirate Queen“ und „South Pacific“ zu sehen war. Auch von den präzise durchgetakteten Großproduktionen in Deutschland unterscheidet sich die Arbeit in Amerika.
„Ich denke, jeder Probenprozess ist stark vom Creative Team und der Cast geprägt – letztendlich wird überall mit Wasser gekocht“, wiegt er bescheiden ab und gibt einen Einblick in den amerikanischen Probenalltag: „Ein spürbarer Unterschied ist für mich die Arbeit mit Equity in den USA. Es gibt sehr klare Regeln und Strukturen. Zum Beispiel konnten wir am ersten Probentag gemeinsam abstimmen, ob wir eine längere Mittagspause oder einen früheren Feierabend bevorzugen. Das fand ich irgendwie lustig – und tatsächlich hat sich die Mehrheit für ein früheres Ende entschieden. Deshalb haben wir jetzt nur zehnminütige Pausen, und die meisten essen während der Probe, was ich so bisher nicht kannte.“

In „The Black Clown“ trägt Edward zudem eine ganz besondere Verantwortung: Er ist als Standby für die Hauptrolle engagiert. Das bedeutet, er muss die Mammutrolle perfekt beherrschen, um im Ernstfall binnen Minuten auf der Bühne zu stehen. Eine mentale und physische Zerreißprobe. „Ein Standby lernt eine Rolle vollständig und ist jederzeit bereit, kurzfristig einzuspringen“, erklärt er das Berufsbild. „Wie ich mich darauf vorbereitet habe, war ein Prozess, den ich Tag für Tag entwickeln musste. Ich versuche, ruhig zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass mein Bestes ausreichend ist. Gleichzeitig halte ich mich körperlich und stimmlich konstant bereit – ich wärme meine Stimme jeden Tag so auf, als würde ich auftreten.“
Kollegiale Musical-Community
Dass der gebürtige Österreicher überhaupt den Schritt auf den hart umkämpften US-Markt geschafft hat, verdankt er neben seinem unbestreitbaren Talent vor allem seinen Engagements in den deutschen Premieren der Broadway-Hits „Hamilton“ und „& Julia“. Hier arbeitete er eng mit den Original-Regieteams aus Übersee zusammen – die beste Visitenkarte in der Branche. „Sowohl ‚Hamilton‘ als auch ‚& Julia‘ haben mir sehr geholfen, da ich dort mit den Original Creative Teams arbeiten konnte“, reflektiert er. „In New York habe ich den Eindruck, dass neben Talent vor allem das Netzwerk eine große Rolle spielt. Es geht viel um Vertrauen und darum, ob Menschen bereits mit einem gearbeitet haben oder von anderen empfohlen werden.“

Dieses Netzwerk trägt ihn heute durch den New Yorker Großstadt-Dschungel. Die Musical-Community in Manhattan sei kollegialer, als man es dem berüchtigten Haifischbecken nachsagt. Ein wöchentliches Ritual hat es ihm dabei besonders angetan: „Viele sind inzwischen in anderen Produktionen engagiert und laden einen zu unterschiedlichsten Veranstaltungen ein. Ein Beispiel dafür ist ‚Broadway Bowling‘, das jeden Donnerstag stattfindet und bei dem die Casts von den verschiedensten Broadway-Shows gegeneinander antreten.“ Es sind Abende wie diese, die den Blick schärfen. „Dort lernt man nicht nur viele Menschen kennen, sondern auch ihre individuellen Geschichten. Das erinnert mich immer wieder daran, wie unterschiedlich die Wege in dieser Branche sein können – und wie wichtig es ist, sich auf den eigenen zu konzentrieren.“
Die Eroberung des US-Markts
Der Casting-Prozess in den USA unterscheidet sich gravierend von Europa. Während in Deutschland vieles ohne Vertretung läuft und in London eine Agentur Pflicht ist, setzt man in den USA auf ein Doppelsystem aus Agentinnen und Agenten für das Tagesgeschäft sowie Managerinnen und Managern für die strategische Planung. Dank der Empfehlungen seiner ‚Hamilton‘- und ‚& Julia‘-Kollegen fand Oliver Edward schnell Rückhalt. „Ich bin selbst noch dabei, dieses System besser zu verstehen. Aber ich habe mich jetzt für den Anfang mal für einen Manager entschieden und bin bis jetzt sehr zufrieden.“

Doch New York ist für den ambitionierten Künstler nicht nur eine Musical-Metropole, sondern ein kreativer Spielplatz. Abseits der Theaterbühne arbeitet er derzeit mit einem Musikproduzenten zusammen, um seinen eigenen kreativen Output zu erweitern. Es geht ihm um das große Ganze, die stetige Metamorphose. „Mein übergeordnetes Ziel ist es, mich weiterzuentwickeln – unabhängig vom Ort. Ich möchte lernen, besser werden und inspiriert bleiben.“
Schwer planbare Zukunfft
Wohin die Reise ihn langfristig führen wird, lässt Oliver Edward bewusst offen. Eine dauerhafte Festlegung auf den amerikanischen Kontinent oder eine Rückkehr nach Europa plant er nicht – vielmehr reizt ihn das Leben eines künstlerischen Nomaden auf höchstem Niveau. „Langfristig zwischen verschiedenen Ländern und Produktionen zu arbeiten, wäre natürlich der Hammer“, gesteht er. Heimweh nach den deutschen Bühnen hat er dennoch: „Gleichzeitig ist es noch zu früh, um genau zu sagen, wo ich mich dauerhaft sehe – ich arbeite sehr gerne in Deutschland und möchte auch, wenn möglich, weiterhin international tätig sein.“
Am Ende ist es genau diese Unvorhersehbarkeit, die Oliver Edwards Augen zum Leuchten bringt und ihn wohl zu einem der spannendsten deutschsprachigen Exporte der aktuellen Musical-Landschaft macht: „Die Zukunft ist in diesem Beruf ohnehin schwer planbar. Aber ich persönlich finde genau das auch sehr aufregend und belebend.“
Text: Dominik Lapp


