Kritisch betrachtet: Saufen im Saal? Stage Entertainment macht das Theater zur Partyzone
Theater neu denken? Gerne. Aber muss daraus gleich eine Mischung aus Musical, Bar und Partymeile werden? Stage Entertainment führt beim Musical „& Julia“ in Stuttgart eine neue Partyzone ein – mit Stehbereich, Drinks während der Vorstellung und Clubfeeling mitten im Theatersaal. Ernsthaft?
Schon jetzt fühlen sich immer wieder Besucherinnen und Besucher bei Stage-Musicals von raschelnden Popcorntüten, Getränken und leuchtenden Handybildschirmen im Saal gestört. Wer regelmäßig Stage-Produktionen besucht, kennt inzwischen auch die Kehrseite der Open Bar: angetrunkene, laute Gäste, die eher Festival- als Theaterstimmung verbreiten.
Und jetzt soll das Ganze noch mehr Richtung Party eskalieren? Mitten im Zuschauerraum? Theater lebt von Atmosphäre, Konzentration und Respekt gegenüber Darstellenden und Publikum – nicht von Aperol in der Hand und Dauergequatsche während emotionaler Szenen. Man stelle sich mal vor: Man hat viel Geld bezahlt, um eine Musicalvorstellung zu genießen, aber aus dem hinteren Bereich des Saals hört man Gequatsche, klirrende Gläser und wie das nächste Bier bestellt.
Besonders absurd: Angeblich will man damit junge Zielgruppen ansprechen. Aber welche jungen Leute können sich am Samstagabend mal eben 69 Euro für ein Ticket (für einen Stehplatz, der in anderen Häusern 10 bis 15 Euro kostet) oder sogar 99 Euro für ein Ticket inklusive Drinks leisten?
Neue Ideen fürs Theater sind wichtig. Aber vielleicht sollte man zuerst überlegen, warum Menschen überhaupt ins Theater gehen – und ob Clubatmosphäre im Zuschauerraum wirklich die Antwort ist. Vielleicht gewinnt man mit einer Partyzone im Saal neues Publikum – dafür werden andere Menschen künftig das Theater meiden. Ganz sicher.
Text: Dominik Lapp


