„Abenteuerland“ auf Tour
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Eine runde Sache: „Abenteuerland“ auf Tour


Mit „Abenteuerland“ gelingt ATG Entertainment etwas, das Jukebox-Musicals nicht immer schaffen: Die Songs stehen nicht dekorativ neben der Handlung, sie treiben sie voran. Nach der Uraufführung im Oktober 2023 und einer 17 Monate langen Spielzeit in Düsseldorf mit über 400.000 Besucherinnen und Besuchern ist das Stück nun in leicht überarbeiteter Fassung auf Tour – und erweist sich auch außerhalb seines ursprünglichen Spielorts als erstaunlich belastbar. Die rund 30 Songs von PUR fügen sich so organisch in die Dramaturgie ein, als seien sie eigens für dieses Bühnenwerk komponiert worden.

Das liegt nicht zuletzt an dem klug gebauten Buch und Konzept von Martin Flohr, der gemeinsam mit Hartmut Engler und Ingo Reidl ein Stück entwickelt hat, das auf Wiedererkennbarkeit setzt. Die Konflikte stammen aus dem Alltag: Beziehungen, die erstarren, Jugendliche, die sich nach Zugehörigkeit sehnen, Menschen, die übersehen werden oder sich selbst verloren haben. Das mag vertraut erscheinen, und „Abenteuerland“ entwickelt daraus eine temporeich erzählte Geschichte, in der sich komische und traurige Momente beständig ablösen. Gerade darin liegt die Qualität des Abends: Das Stück nimmt seine Figuren ernst.

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Dominik Flaschka führt Regie mit einem sicheren Gespür für Rhythmus und Charakterzeichnung. Keine Szene bleibt länger als nötig stehen. Stattdessen verschiebt sich der Fokus fortlaufend zwischen den verschiedenen Figuren, deren Lebensentwürfe sich kreuzen, ergänzen oder kollidieren. Flaschka vertraut darauf, dass kleine Gesten oft mehr erzählen als große Ausbrüche, und schafft damit eine bemerkenswerte Nähe zu seinen Figuren.

„Abenteuerland“ auf Tour

Im Zentrum steht Anna, gespielt von Mascha Volmershausen, die ihrer Figur eine tastende Unsicherheit verleiht. Anna fühlt sich nicht attraktiv, hadert mit sich selbst und wird zur Zielscheibe von Mobbing. Volmershausen findet gerade in den stilleren Momenten starke Bilder für eine junge Frau, die ihren Platz sucht. Cedric Schröter gibt ihren Bruder Alex als rastlosen jungen Revoluzzer, Musiker und Suchenden. Seine Szenen besitzen eine glaubhafte Ungeduld, zugleich öffnet er die Figur für ihre verletzlichen Seiten. Dass Alex zwischen Vanessa, gespielt von Clarissa Gundlach, und Amira, dargestellt von Leonie Wanger, steht, die ein Kind von ihm erwartet, sorgt für zusätzliche Spannungen innerhalb der Geschichte. Auch die Beziehung zu Tom – Christian Bock als bester Freund, der sich in Alex verliebt – erweitert die Handlung um eine weitere Perspektive auf Nähe, Unsicherheit und Identität.

Besonders stark gerät der Handlungsstrang um Petra und Robert. Carolin Soyka spielt Petra als Frau, die in ihrer Ehe zunehmend unsichtbar geworden ist. Ihr Robert, verkörpert von Markus Neugebauer, flüchtet sich lieber in Arbeit und Fahrradtouren als in Verantwortung. Neugebauer zeichnet diese Figur zunächst mit beinahe stoischer Selbstbezogenheit, ehe der zweite Akt eine glaubhafte Entwicklung eröffnet: Aus dem emotional abwesenden Ehemann wird ein Mann, der begreift, was er zu verlieren droht. Soyka und Neugebauer verleihen dieser Ehegeschichte eine Bodenhaftung, die den Abend immer wieder erdet.

Für die komödiantischen Höhepunkte sorgt Jana Stelley als Beate. Mit trockenem Timing, energischer Bühnenpräsenz und kraftvoller Stimme wird sie zum Motor vieler Szenen. Ihre Beate ist loyal, direkt und mitunter herrlich unbequem – eine jener Figuren, die sofort Kontur gewinnen. Das Publikum schließt ebenso rasch Oma Lena ins Herz, die Bärbel Röhl mit entwaffnender Schlagfertigkeit versieht. Frank Bahrenberg wiederum gibt Karl eine Liebenswürdigkeit, die nie aufdringlich wirkt.

„Abenteuerland“ auf Tour

Auch visuell bleibt „Abenteuerland“ beweglich. Andrew D. Edwards entwickelt ein variables Bühnenbild, das aus vergleichsweise wenigen Mitteln erstaunlich viele Räume entstehen lässt. Ein halbrundes Arrangement mit schwebenden Bilderrahmen und Spiegeln strukturiert den Raum, gespielt wird auf zwei Ebenen. Durch mobile Versatzstücke verwandelt sich die Bühne mal in eine Küche, mal in eine Schule oder eine Disco. Diese Offenheit passt gut zum schnellen Szenenwechsel der Inszenierung. Irina Hofers Kostüme verorten die Figuren eindeutig im 21. Jahrhundert, ohne ihnen modische Extravaganzen aufzuzwingen. Ben Cracknells Lichtdesign wiederum verleiht vielen Szenen einen deutlichen Konzertcharakter und erinnert daran, dass die Musik hier nicht bloß Begleitung, sondern eigentliche Erzählerin ist. Unter der Leitung von Jeff Frohner, der selbst am Keyboard sitzt, entfaltet die fünfköpfige Band schließlich einen satten und transparenten Klang.

Dass „Abenteuerland“ funktioniert, liegt letztlich daran, dass das Stück nicht versucht, PUR-Songs zwanghaft mit Handlung zu verkleben. Stattdessen entsteht der Eindruck, diese Musik habe immer schon auf einer Musicalbühne gelebt. Die Tourneeproduktion beweist damit eindrucksvoll, dass diese Show weit mehr ist als ein Nostalgieprojekt für Fans der Band. Es ist ein unterhaltsam gebautes, klug beobachtetes Stück über Menschen, die irgendwo zwischen Alltag, Sehnsucht und verpassten Chancen versuchen, ihr eigenes Abenteuerland zu finden. Eine runde Sache!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".