„Anatevka“ in Rostock
  by

Mit großer Werktreue: „Anatevka“ in Rostock

Wenn der Vorhang im Volkstheater Rostock für das Musical „Anatevka“ hochgeht, betreten wir eine Welt, die sich in dem unaufhaltsamen Vergehen der Zeit behauptet. Regisseur Ulrich Wiggers, der das Stück auch schon auf der Erfurter Domtreppe inszeniert hat, entscheidet sich für eine Lesart, die dem klassischen Stoff von Jerry Bock (Musik), Joseph Stein (Buch) und Sheldon Harnick (Songtexte) mit großer Werktreue begegnet.

Wiggers verzichtet darauf, das Schicksal der jüdischen Gemeinde mit dem Vorschlaghammer in die Gegenwart zu zerren oder bemühte Analogien zum aktuellen Weltgeschehen zu erzwingen. Stattdessen vertraut er der inneren Kraft der Erzählung (Übersetzung: Rolf Merz und Gerhard Hagen). Das Zentrum der Bühne gehört dabei Stephan Knies, der als Fiedler auf dem Dach die melancholische Seele des Dorfes personifiziert und den Balanceakt zwischen Lebensfreude und existenziellem Verlust musikalisch wie physisch begleitet.

Natürlich Blond Hamburg

Das visuelle Konzept von Leif-Erik Heine unterstützt diesen Fokus auf das Wesentliche. Die Ausstattung ist reduziert, fast skelettiert. Stilisierte Bäume und mobile Versatzstücke genügen, um die kargen Stuben und staubigen Wege des Schtetls zu evozieren. Die Kostüme fügen sich in ihrer historischen Genauigkeit nahtlos in dieses Bild ein und unterstreichen die soziale Verortung der Figuren. Das Lichtdesign, für das Wiggers gemeinsam mit Stefan Zühlsdorff verantwortlich zeichnet, schichtet die Atmosphäre Schicht um Schicht auf, setzt Akzente in den Momenten der Einsamkeit und weitet den Raum in den großen Ensembleszenen.

Getragen wird die Handlung auch von der Choreografie von Kati Heidebrecht. Sie lässt die Bewegungsabläufe organisch aus der Situation entstehen, so dass Tanz und Spiel ineinandergreifen, anstatt als isolierte Showeinlagen zu fungieren. Besonders in den großen Ensemblenummern zeigt sich die gute Arbeit von Csaba Grünfelder, denn der Chor agiert klanggewaltig und sicher, was in der akustischen Verzahnung mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock unter der Leitung von Danyil Ilkiv zu einem echten Erlebnis wird. Ilkiv führt das Orchester mit einem Gespür für die feinen Nuancen der Klezmer-Anleihen und die breite symphonische Geste. Die Musik behält stets ihren Drive, lässt den Sängerinnen und Sängern aber den nötigen Raum zur Entfaltung.

Im Zentrum steht Frederic Böhle als Milchmann Tevje, der die Mammutaufgabe meistert, die Figur fernab von bloßer Gutmütigkeit anzulegen. Sein Tevje ist ein Mann des inneren Monologs, der mit seinem Gott und seinem Schicksal ringt. An seiner Seite gibt Kirsten Scott eine Golde, die mit mütterlicher Autorität und sprödem Charme überzeugt. Die Dynamik zwischen den beiden bildet das stabile Fundament für die Familiengeschichte.

Ihre Töchter – Martha-Luise Urbanek als Zeitel, Agostina Migoni als Hodel und Lea Hartlaub als Chava – zeichnen den Weg vom Gehorsam zum Eigensinn mit großer Klarheit und gesanglicher Souveränität nach. Jede von ihnen findet einen eigenen Ton für die Rebellion gegen die Heiratsvermittlerin Jente, die von Katrin Heller mit wunderbar scharfer Kontur gezeichnet wird.

Auch die männlichen Gegenpole sind treffsicher besetzt. Tobias Völklein gibt den schüchternen Schneider Mottel, dessen Wandlung zum selbstbewussten Ehemann glaubhaft gelingt, während Grzegorz Sobczak als Perchik den Geist der Veränderung mit intellektueller Schärfe in die Idylle trägt und Nils Pille dem Fleischer Lazar Wolf die nötige Schwere und Enttäuschung verleiht.

Insgesamt gelingt dem Rostocker Ensemble eine geschlossene Leistung, die den Abschied von „Anatevka“ nicht als rührseliges Ende, sondern als konsequenten Schritt in eine ungewisse Zukunft begreift. Ein Abend, der sich ganz auf die Kraft seiner Mitwirkenden und die zeitlose Komposition verlässt.

Text: Christoph Doerner

Avatar-Foto

Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.