Cynthia Erivo in „Dracula“
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Cynthia Erivo unterbricht Theatervorstellung wegen eines filmenden Zuschauers: Richtig oder falsch?

Es ist ein Moment, der im Theater eigentlich nicht vorkommen sollte – und der doch immer häufiger passiert: Menschen filmen oder fotografieren während der Vorstellung und stören damit nicht nur andere Zuschauerinnen und Zuschauer im Saal, sondern auch die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne.

Was auch passieren kann: Mitten in der Vorstellung stoppt eine Darstellerin das Geschehen. So geschehen jetzt im Londoner West End, als Cynthia Erivo (bekannt unter anderem aus „Wicked“ und „Wicked: For Good“) ihr Solo-Theaterstück „Dracula“ im Noël Coward Theatre abrupt unterbrach.


„Excuse me, are you filming right now?“ Mit dieser direkten Ansprache – so berichten es Medien sowie Zuschauerinnen und Zuschauer – wandte sich Erivo an einen Zuschauer im Publikum, der offenbar unerlaubt mit seinem Smartphone filmte. Der Mann entschuldigte sich, die Schauspielerin verließ die Bühne. Für rund zehn Minuten wurde die Vorstellung gestoppt. Erst nachdem der Zuschauer aus dem Saal entfernt worden war, ging die Aufführung weiter.

Der Vorfall ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer Entwicklung, die Theater weltweit zunehmend beschäftigt: Unerlaubtes Filmen und Fotografieren nimmt deutlich zu – befeuert durch Plattformen wie TikTok und Instagram, auf denen selbst flüchtige Mitschnitte schnell viral gehen können. Theater reagieren mit Durchsagen und teilweise auch mit Personal, das gezielt auf Handy-Nutzung achtet. Doch die Realität zeigt: Die Maßnahmen greifen nicht immer.

Dabei geht es nicht nur um Urheberrechte. Für die Künstlerinnen und Künstler geht es um die Konzentration, die leidet – und mit ihr die fragile Balance eines Live-Moments. Theater ist keine Konserve, sondern lebt von der Einmaligkeit. Ein leuchtendes Display im Saal kann genügen, um diese Illusion zu stören.

Das Publikum im Noël Coward Theatre reagierte Berichten zufolge überwiegend solidarisch mit Cynthia Erivo. Viele sehen in ihrem Eingreifen ein notwendiges Zeichen. Die Forderung nach strengeren Regeln wird lauter – und erinnert an eine prominente Kollegin, die seit Jahren eine klare Linie vertritt: Patti LuPone.

LuPone machte bereits 2015 Schlagzeilen, als sie während einer Broadway-Vorstellung einer Zuschauerin kurzerhand das Handy aus der Hand nahm. Ihre Begründung: massive Ablenkung. 2022 unterbrach sie dann eine Aufführung des Musicals „Company“, diesmal wegen eines Zuschauers, der seine Corona-Maske nicht korrekt trug.

Dominik Lapp

Kommentar: Ich bin genervt von Handys im Theatersaal und dennoch zwiegespalten

Solche Szenen mit unverschämten Menschen im Theater häufen sich – nicht nur in London oder New York. Auch in deutschen Theatern ist das Problem längst angekommen. Ich habe darüber bereits geschrieben, dass das Publikum unruhiger, rücksichtsloser, manchmal schlicht respektloser wird. Und doch bleibt die Frage: Ist es richtig, dass Künstlerinnen wie Cynthia Erivo oder Patti LuPone selbst eingreifen?

Ich sehe das zwiespältig. Einerseits ist die Reaktion absolut nachvollziehbar. Wer auf der Bühne steht, ist dem Publikum ausgeliefert – jede Störung trifft unmittelbar. Andererseits trägt eine solche Unterbrechung eine zweite, nicht minder problematische Konsequenz: Sie reißt alle aus der Aufführung. Im Saal wie auf der Bühne.

Gerade im Theater, erst recht in einer One-Woman-Inszenierung wie „Dracula“, ist es doch so: Wenn eine Darstellerin aus der Rolle fällt, das Publikum direkt adressiert und die Bühne verlässt, zerbricht die Illusion – und sie lässt sich nicht einfach wieder zusammensetzen. Anders als bei einem Konzert, wo die Künstlerin oder der Künstler ohnehin ständig die vierte Wand durchbricht und zum Publikum spricht oder mit dem Publikum interagiert, verlangt ein Schauspiel, ein Musical oder eine Oper ein vollständiges Eintauchen. Nach einer solchen Unterbrechung müssen sich alle neu orientieren.

Deshalb wäre es wünschenswert, wenn solche Situationen konsequent vom Saalpersonal gelöst würden. Dafür sind sie da. Sie können eingreifen, ohne den künstlerischen Raum zu beschädigen. Denn so verständlich die Reaktion der Künstlerin ist: Am Ende leidet das gesamte Publikum unter dem Regelbruch eines Einzelnen – und unter der Unterbrechung gleich mit.

Dennoch feiere ich Cynthia Erivo irgendwie auch für ihr Handeln, bin aber gleichzeitig froh, nicht dabei gewesen zu sein. Mich hätte so eine Unterbrechung wohl komplett aus der Illusion der Inszenierung geworfen. Andererseits: Aufleuchtende Displays von Handys und Uhren im dunklen Theatersaal haben mich auch schon (zu) oft massiv geärgert.

Am besten wäre es doch, die Smartphones und -watches würden im Saal einfach mal verstummen. Theater lebt schließlich vom störungsfreien vom Live-Moment. Und ich wiederhole gern noch einmal, was ich an dieser Stelle schon einmal geschrieben habe: Liebe Künstlerinnen und Künstler, bitte hört auf, illegale Mitschnitte auch noch selbst in den sozialen Medien zu teilen! Ihr gießt sonst nur unnötig Öl ins Feuer.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".