Besetzungslisten (Symbolbild)
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Kritisch betrachtet: Namenlos im Rampenlicht – wenn Besetzungslisten zur Nebensache werden

Wer steht eigentlich auf der Bühne? Diese Frage sollte sich bei einem Theaterbesuch gar nicht erst stellen. Und doch wird sie zunehmend zur berechtigten Irritation. Während wir es als selbstverständlich ansehen, dass bei einem Film die Besetzung im Abspann klar ausgewiesen ist und auf jedem Buchcover der Name der Autorin oder des Autors prangt, verschwimmen bei Bühnenproduktionen ausgerechnet jene Namen, die den Abend tragen: die der Künstlerinnen und Künstler.

Schon einmal habe ich an dieser Stelle kritisiert, wie nachlässig mit Namen von den Menschen umgangen wird, die Bühnenwerke schreiben, komponieren oder übersetzen. Doch das Problem reicht tiefer. Es betrifft inzwischen ganz konkret auch die Menschen auf der Bühne.


Da fehlen Besetzungslisten vollständig. Da werden Namen falsch geschrieben – ein Detail, das für Außenstehende gering erscheinen mag, für die Betroffenen jedoch alles andere als das ist. Und da stehen auf den ausliegenden Listen schlicht falsche Namen, weil sie nicht aktualisiert wurden. Wer einmal erlebt hat, wie kurzfristig umdisponiert werden muss, weiß: Krankheitsbedingte Umbesetzungen gehören zum Theateralltag. Dass dann vielleicht nicht jede Besetzungsliste neu gedruckt wird, ist noch nachvollziehbar. Aber dass nicht einmal digitale Anzeigen im Foyer angepasst werden, ist es nicht.

Besonders ärgerlich ist es, wenn Produktionen gänzlich darauf verzichten, ihre Besetzung offenzulegen. Und das ist kein nationales Phänomen: Bei internationalen Tourneen wie „Lord of the Dance“ sucht man inzwischen vergeblich nach Informationen darüber, wer überhaupt auf der Bühne steht – weder in der Veranstaltungshalle noch auf der Website lassen sich die Namen der Mitwirkenden finden. Das ist nicht nur unbefriedigend, es ist respektlos.

Auch für die Presse hat diese Entwicklung Konsequenzen. Wie sollen Rezensionen korrekt sein, wenn die Informationen fehlerhaft oder gar nicht vorhanden sind? Falsche Namensnennungen sind keine Petitesse, sie sind ein echtes Problem – für die Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeit dadurch unsichtbar gemacht wird.

Vor allem aber betrifft es das Publikum. Wer ein Ticket kauft, hat ein Recht darauf zu erfahren, wen man auf der Bühne erlebt hat. Theater ist eine lebendige Kunstform, getragen von individuellen Leistungen. Diese Leistungen verdienen Sichtbarkeit.

Es geht hier nicht um Bürokratie oder pedantische Genauigkeit. Es geht um Anerkennung. Um Respekt. Um die schlichte Tatsache, dass Kunst von Menschen gemacht wird – und dass diese Menschen einen Namen haben. Dass dieser Name (korrekt!) genannt wird, sollte das Mindeste sein.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".