Vertraut auf einfache Mittel: „Come from Away“ in Linz
Mit der österreichischen Erstaufführung von „Come from Away“ bringt das Landestheater Linz ein Musical von Irene Sankoff und David Hein auf die Bühne, das sich einem historischen Moment widmet, ohne sich in dessen Schwere zu verlieren. Die deutsche Fassung von Sabine Ruflair findet dafür einen Ton, der sich zwischen lakonischer Erzählweise und leiser Ironie bewegt. Die Inszenierung von Matthias Davids setzt auf einfache Mittel und vertraut dabei ganz auf die Wandlungsfähigkeit ihres Ensembles – eine Entscheidung, die sich als tragfähig erweist.
Das Bühnenbild von Andrew D. Edwards bleibt reduziert, bewegliche Stühle und Tische sowie ein paar Requisiten genügen, um aus dem Nichts einen Flughafen, eine Bar oder eine Notunterkunft entstehen zu lassen. Diese Offenheit zwingt die Darstellerinnen und Darsteller zu permanenter Präsenz, denn sie sind es, die Räume und Situationen erschaffen. Unterstützt wird dies durch das perfekte Lichtdesign von Michael Grundner und das Videodesign von Gregor Eisenmann, die die Szenerie rhythmisieren.
Der musikalische Puls, unter der Leitung von Tom Bitterlich, speist sich hörbar aus irischem Folk, dessen treibende Rhythmen den Abend vorantreiben. Die Musik strukturiert das Geschehen, treibt die schnellen Szenenwechsel an und trägt die ebenso raschen Rollenwechsel des Ensembles. Kim Duddys Choreografie greift diese Dynamik auf, übersetzt sie in Bewegungsabläufe und hält den Fluss aufrecht.
Gerade in der Vielzahl der Figuren zeigt sich die Qualität des Ensembles. Alexandra-Yoana Alexandrova gibt ihrer Diane eine klare Kontur zwischen Skepsis und vorsichtiger Annäherung. Astrid Nowak zeichnet Hannah mit einer Ruhe, die den inneren Ausnahmezustand umso deutlicher hervortreten lässt. Patrizia Unger nutzt ihre Auftritte als Janice und in weiteren Rollen für pointierte Akzente, während Sarah Schütz und Lynsey Thurgar mit schnellen Wechseln zwischen ihren Figuren eine große Flexibilität demonstrieren. Sanne Mieloo verbindet in ihren Rollen Beverley und Annette Autorität mit feinem Humor. Auf der männlichen Seite überzeugt David Rodríguez-Yanez mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit, Gernot Romic setzt als Präsident Bush und Mr. Michaels markante Kontraste, und Lu Sandmann verleiht Kevin J. und Dwight eine glaubhafte Erdung.
Die Kostüme von Adam Nee unterstützen die Transformationsleistung, indem sie keine vollständigen Verwandlungen anstreben, sondern mit gezielten Details arbeiten. So bleibt sichtbar, dass hier ein Ensemble erzählt – nicht eine Ansammlung isolierter Figuren.
„Come from Away“ verhandelt die Ereignisse rund um den 11. September 2001 aus einer ungewohnten Perspektive: Nicht das Zentrum der Katastrophe steht im Fokus, sondern ein Ort, an dem plötzlich Tausende Gestrandete auf eine kleine Gemeinschaft treffen. Daraus entwickelt sich eine vielstimmige Chronik des Improvisierens, Organisierens und Begegnens. Die Inszenierung betont dabei konsequent die Fähigkeit zur Hilfsbereitschaft.
Der Abend kommt ohne große Gesten aus und gewinnt gerade daraus seine Kraft. Die Reduktion der Mittel lenkt den Blick auf das Wesentliche: auf Menschen, die in einer Ausnahmesituation füreinander Verantwortung übernehmen. Vor dem tragischen Hintergrund entsteht so ein authentisches Bild von Zusammenhalt – jetzt in Linz ebenso wie zuvor schon in Regensburg.
Text: Patricia Messmer

