„Wenn die Sterne fallen“ in Osnabrück
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Starkes Familien- und Gesellschaftsdrama: „Wenn die Sterne fallen“ in Osnabrück

Hochzeiten gelten als Versprechen auf Ordnung: Rituale, Reden, festgelegte Rollen. Beth Steels „Wenn die Sterne fallen“, nun in der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater Osnabrück zu erleben, interessiert sich allerdings weniger für das Gelingen eines solchen gesellschaftlichen Ereignisses als für die Risse, die sich unter seiner Oberfläche auftun. In der Übersetzung von Jessica Higgins entfaltet sich ein Familien- und Gesellschaftsdrama, das seine Kraft aus Tempo, Reibung und genauer Beobachtung menschlicher Dynamiken gewinnt.

Schon das Bühnenbild von Anke Grot setzt dafür einen überzeugenden Rahmen. Noch vor Beginn der eigentlichen Feier blickt das Publikum auf eine Wohnung im vorderen Bühnenbereich – ein privater Raum, der Nähe suggeriert und zugleich erste Spannungen freilegt. Wenn sich später der Vorhang öffnet, erweitert sich die Perspektive abrupt: Dahinter erscheint der festlich vorbereitete Saal der Hochzeitsgesellschaft mit Bühne und gedeckten Tischen. Der Kontrast zwischen Intimität und öffentlicher Inszenierung wird räumlich sichtbar gemacht. Auch die Kostüme verorten die Figuren glaubwürdig innerhalb dieses sozialen Gefüges und geben dem Abend jene Selbstverständlichkeit, die notwendig ist, damit die Konflikte umso deutlicher hervortreten.

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Christian Schlüter inszeniert den Stoff mit hohem Taktgefühl für Rhythmus und Zuspitzung. Seine Regie ist temporeich, pointiert und immer wieder überraschend komisch. Gleichzeitig zeigt Schlüter aber auch die Brüche der Figuren. Der Abend kennt kaum Leerlauf: Szenen entwickeln einen Sog, weil der Regisseur den Wechsel zwischen Dialogwitz, Eskalation und kurzen Momenten des Innehaltens klug austariert. Dabei verfällt die Inszenierung nie in bloßes Hochdrehen. Vielmehr entsteht ein permanentes Vorwärtsdrängen, das die Hochzeitsfeier zunehmend als Ort sichtbar macht, an dem alte Rechnungen, Verletzungen und Sehnsüchte mit am Tisch sitzen.

Zur Wirkung trägt auch die zurückhaltende Choreografie von Ayaka Kamei bei. Wo Bewegung eingesetzt wird, geschieht dies als Erweiterung der Beziehungen zwischen den Figuren. Gerade im Kontext einer Feierlichkeit, die gesellschaftliche Regeln sichtbar macht, setzen diese kleinen Momente wirkungsvolle Akzente.

Besondere Aufmerksamkeit verdient zudem die Intimitätskoordination von Teresa Hager. Eine Szene zwischen dem Hochzeitspaar bewegt sich bewusst an der Grenze zwischen Leidenschaft, öffentlicher Beobachtung und körperlicher Direktheit. Dass diese Sequenz gleichermaßen glaubwürdig, kontrolliert und selbstverständlich wirkt, verweist auf eine Arbeit, die nicht sichtbar sein soll und gerade deshalb ihren Zweck erfüllt.

Getragen wird der Abend allerdings vor allem vom Ensemble, das durchweg auf bemerkenswert hohem Niveau agiert. Lua Mariell Barros Heckmanns verleiht Sylvia eine Präsenz zwischen Selbstbehauptung und Verletzlichkeit, ohne sich je in Eindeutigkeiten zu erschöpfen. Monika Vivell gestaltet Hazel mit großer Bühnenautorität und einem Gespür für die Zwischentöne ihrer Figur. Annika Martens übernimmt kurzfristig die Rolle der Maggie für die erkrankte Verena Maria Bauer – eine Herausforderung, die sie mit beeindruckender Souveränität meistert. Teilweise mit Textbuch ausgestattet, gelingt es ihr dennoch, nie aus dem Spiel herauszufallen.

Sascha Maria Icks setzt als Tante Carol markante Akzente und findet genau die Balance zwischen Exzentrik und Erdung. Hans-Christian Hegewald gibt Marek Kontur und Präsenz, Ronald Funke zeichnet Tony mit feinem Gespür. Stefan Haschke als John und Thomas Kienast als Pete ergänzen das Ensemble ebenso überzeugend wie Lilly Theis als Leanne. Es ist jene seltene Konstellation eines Ensembles, in der keine Rolle bloße Funktion bleibt.

„Wenn die Sterne fallen“ erweist sich in Osnabrück als Stück, das seine Beobachtungen nicht erklärt, sondern in Begegnungen, Blicken und Eskalationen freisetzt. Die Inszenierung vertraut auf den Text, auf ihr Ensemble und auf die Dynamik des Abends. Stark!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".