Mit hohem Schauwert: „Der Schimmelreiter“ in Fulda
Dass eine Musical-Uraufführung mit einer technischen Panne beginnt, ist selten ein Glücksfall. Beim Start von „Der Schimmelreiter“ im Schlosstheater Fulda sorgt ausgerechnet der Ausfall der Videotechnik während der Eröffnungsnummer zunächst für einen abrupten Stillstand: Rund eine halbe Stunde Verzögerung, dann ein zweiter Anlauf. Das Premierenpublikum erlebt die Auftaktszene somit gleich doppelt: einmal als bloßes Bühnengeschehen, einmal in ihrer vollständigen technischen Fassung.
Selten wird unfreiwillig so anschaulich vorgeführt, welche tragende Funktion ein Gestaltungsmittel innerhalb einer Inszenierung tatsächlich übernimmt. Denn erst in der Wiederholung offenbart sich, wie stark dieses Musical auf das Zusammenspiel von Raum, Video und Atmosphäre gebaut ist – und wie sehr die Visualisierung hier der erzählerische Motor ist.
Die Produktionsfirma Spotlight widmet sich mit dem „Schimmelreiter“ einem Stoff, der auf den ersten Blick nicht nach Musical ruft. Theodor Storms Novelle gehört zu jenen Werken des deutschsprachigen Literaturkanons, die durch ihre verschachtelte Erzählweise, ihre sprachliche Dichte und ihre eigentümliche Mischung aus Realismus und Unheimlichem eher Distanz erzeugen als unmittelbare Bühnenwirksamkeit.
Umso bemerkenswerter ist, wie konsequent Buch und Liedtexte von Dennis Martin, Christoph Jilo und Kevin Schroeder diesen Text öffnen, ohne ihn seiner Eigenart zu berauben. Die Adaption hält sich eng an die Vorlage, strukturiert die Handlung jedoch so, dass Konflikte und Beziehungen unmittelbarer greifbar werden. Aus der literarischen Konstruktion entsteht ein flüssiger Theaterabend, der die zentralen Motive – Fortschrittsglaube, Gemeinschaft, Außenseitertum und Naturgewalt – klar herausarbeitet.

Musikalisch bleibt Dennis Martin seiner Handschrift treu. Wer seine früheren Arbeiten kennt, erkennt den Stil sofort wieder: melodisch zugänglich, orchestral breit aufgestellt und stets eng mit der Handlung verzahnt. Die Partitur liefert keinen einzelnen Song, der sich unmittelbar als großer Hit festsetzt. Dafür entwickelt sie ihre Stärke im Verlauf des Abends. Dramatische Balladen stehen neben romantischen Duetten, kraftvolle Ensemblenummern treiben die Handlung voran. Unterstützt wird das durch Liedtexte, die Figuren, Konflikte und Motive klar konturieren.
Simon Eichenberger führt Regie mit sichtbarem Vertrauen in die Geschichte. Die Inszenierung verzichtet auf Überdeutung und entwickelt stattdessen einen klaren Spannungsbogen. Figuren handeln nachvollziehbar, Beziehungen verändern sich organisch, Entscheidungen entstehen aus Situationen heraus und nicht aus dramaturgischer Bequemlichkeit. Gerade Hauke Haiens Entwicklung vom visionären Außenseiter zur zunehmend isolierten Figur wird stringent erzählt.
Eichenberger verantwortet gemeinsam mit Marta Di Giulio auch die Choreografie – und gerade hier überrascht der Abend immer wieder. Der Deichbau wird nicht als bloße Arbeitsmontage abgehandelt, sondern als Tanzszene inszeniert. Körper, Werkzeuge und Bewegungen greifen ineinander und erzeugen Bilder kollektiver Anstrengung, die den eigentlichen Kern des Stoffs sichtbar machen: das Ringen des Menschen mit seiner Umwelt.
Einen besonderen Akzent setzt die Puppenregie von Markus Schabbing. Der Schimmel erscheint als überlebensgroße Puppe, geführt von drei Darstellern. Die Entscheidung verleiht dem Tier eine Präsenz, die gleichzeitig konkret und entrückt wirkt. Dadurch entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Realität und Legende – ein entscheidender Baustein für die mystische Dimension des Abends.

Visuell gehört „Der Schimmelreiter“ zu den eindrucksvollsten Arbeiten, die Spotlight bislang auf die Bühne gebracht hat. Charles Quiggins Bühnenbild entwickelt gemeinsam mit Video und Licht eine enorme Bildkraft. Nach der Neuinszenierung von „Die Päpstin“ dürfte dies das stärkste Bühnenbild der Produktionsfirma sein. Die Drehbühne erzeugt fließende Ortswechsel, Deich, Baum, Kirchturm, Dorfkneipe oder der Hof von Tede Volkerts erscheinen oft nur angedeutet, ergänzt durch Möbel und sorgfältig gesetzte Details wie Wand- und Standuhren.
Erst im Zusammenspiel mit Michael Balgavys Videodesign entfaltet dieser Raum seine volle Wirkung. Die Bewegtbilder erweitern die Bühne, schaffen Weite, Wetter und Bewegung und verleihen dem Abend jenen hohen Schauwert, der bereits in der unfreiwilligen Premierenunterbrechung so deutlich sichtbar wurde. Stephanie Afflecks Lichtdesign ergänzt dies mit einer meist dunklen, atmosphärisch dichten Gestaltung, die dem Stück jene geheimnisvolle Grundierung gibt, ohne die Storms Welt kaum denkbar wäre. Auch die Kostüme von Ales Valásek tragen ihren Teil dazu bei – von elegant fließenden Kleidern bis zu sichtbar durchnässten Mänteln während der Deichbauszenen erzählen sie Zustände und soziale Unterschiede mit.
Im Zentrum steht Sascha Kurth als Hauke Haien. Er trägt den Abend mit großer Präsenz und zeichnet die Figur als Getriebenen, Visionär und Fremden zugleich. Pamina Lenn überzeugt als Elke Volkerts mit einer exzellenten Stimme und gibt der Figur Selbstständigkeit und Haltung. Dennis Henschel bildet in der Rolle des Ole Peters den idealen Gegenspieler als ernstzunehmende Gegenkraft. Anja Backus verleiht Vollina Harders Profil und Gewicht.
Zur eigentlichen Überraschung des Abends wird jedoch Kaatje Dierks als Trin Jans. Sie entwickelt eine gefährlich-mystische Aura und setzt Nuancen, die weit über ihre Szenen hinausreichen. Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: Thorsten Tinney als Schuldmeister und Volker Metzger als Deichgraf entwickeln im Zusammenspiel genau jene komödiantische Energie, die der Abend an den richtigen Stellen benötigt und die dem Publikum immer wieder hörbare Lacher entlockt.
Mit „Der Schimmelreiter“ gelingt Spotlight keine bloße Literaturadaption, sondern die Übertragung eines klassischen Stoffs in die Logik des Musiktheaters, so dass ein visuell außergewöhnlicher und erzählerisch klug gebauter Abend entsteht.
Text: Dominik Lapp

