Gefährliches Spiel: „Jekyll & Hyde“ in St. Wendel
Im saarländischen St. Wendel bringt Produzent Michael Ewig Musical-Momente auf die Bühne – zum einen im kleinen Rahmen in seiner Tanzschule und Eventlocation und mittlerweile auch auf der größeren Bühne im örtlichen Saalbau. Was vor drei Jahren mit dem Drei-Personen-Stück „King Kong“ begann, ist inzwischen auf rund 50 Beteiligte auf der Bühne und im Orchestergraben angewachsen. Zudem konnte für das aktuelle Musical „Jekyll & Hyde“ mit Chris Murray ein prominentes Gesicht aus der Musicalszene für die Hauptrolle des fanatischen Forschers gewonnen werden.
Der schmale Grat zwischen Gut und Böse ist ein beliebtes Motiv in allen Formen der Kunst. Die Buchvorlage zu „Jekyll & Hyde“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlicht, bevor das Werk 1990 als Musicaladaption mit der Musik von Frank Wildhorn erstmals aufgeführt wurde.
Das Musical spielt zeitgetreu im England des 19. Jahrhunderts. In St. Wendel wird dies schnell durch die große Vielfalt an viktorianischen Kostümen deutlich, mit denen das personell starke Ensemble die Bühne füllt. Diese gelungene Fülle und Opulenz an Kostümen, für die Viktoria Cullmann verantwortlich zeichnet, ist ein erster großer Pluspunkt der Aufführung. Vom Volk auf den Straßen über die Damen im Nachtclub „Rote Ratte“ bis hin zu den Herren von Stand ist jedes Kostüm individuell gestaltet und unterstützt wirkungsvoll den Szenenaufbau.
Im Gegensatz dazu fällt das Bühnenbild eher spartanisch aus. Im hinteren Bereich findet sich ein Gerüstbau mit Treppen zu beiden Seiten, die bespielt werden. In der Mitte befindet sich auf einer großen Leinwand eine kosmisch anmutende Darstellung von Hell und Dunkel – und damit wohl im übertragenen Sinne von Gut und Böse. Unterstützt werden einzelne Szenen durch passende Requisiten, wie kleine Bistrotische mit roten Leuchten im Nachtclub oder ein Labortisch mit allerlei Glaskolben, leuchtenden Phiolen und Reagenzgläsern als Jekylls Labor. Um kleinere Umbauten zu überbrücken, wird auch aktiv der große Bühnenvorhang eingesetzt. In den Szenen, die davor gespielt werden, zeigen sich die einzelnen Charaktere sehr nahbar, und es entsteht eine konzentrierte, fast intime Atmosphäre. Im ersten Akt kommt dies besonders zur Geltung, wenn Dr. Jekyll „Dies ist die Stunde“ singt und sich das Musikstück langsam steigert, bis sich der Vorhang hebt, die Bühne den Blick auf den detailreichen Arbeitstisch des Arztes freigibt und Jekyll zugleich seinen riskanten Plan des Selbstversuchs besingt.
Chris Murray überzeugt als gespaltene Persönlichkeit Henry Jekyll und Edward Hyde in jeder Facette. Ihm gelingt der Wechsel von dem vom Forschungsdrang Besessenen hin zum von der Droge Getriebenen und wieder zurück. Dabei sorgt vor allem die Kombination aus seiner kräftigen Tenorstimme mit dem 15-köpfigen Orchester unter der Leitung von Joshua Fuchs für wohlige Gänsehautmomente. Der akustische wie optische Höhepunkt wird im Lied „Konfrontation“ erreicht, in dem Murray sich buchstäblich die beiden Seelen aus dem Leib singt. Er wechselt in rasanter Geschwindigkeit zwischen den beiden Charakteren, was gesanglich wie schauspielerisch äußerst eindrucksvoll ist und zusätzlich durch den abgestimmten Wechsel zwischen rotem und blauem Lichtdesign verstärkt wird.
Neben der tragenden Titelrolle wird die Bühne von ambitionierten Darstellern aus der Region gefüllt, allen voran Michael Ewig selbst, der als Anwalt John Utterson die moralischen Aspekte und das Risiko von Jekylls Versuch beleuchtet. Neben der starken Männerriege – hier seien lobend Gunther Finkler als Sir Danvers und Felix Holzhauser in seiner kleinen, aber imposanten Rolle als ehrwürdiger Bischof von Basingstoke erwähnt – kommen auch die Frauen im Stück nicht zu kurz.
So suchen sich die beiden Seelen in Jekyll auch zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Lisa Carew, dargestellt von Christina Finkler, ist die Verlobte von Dr. Jekyll, die bemerkt, wie sich ihr zukünftiger Mann zunehmend in der Wissenschaft verliert. Auf Lucy Harris, die von Anjuli Mendis gespielt wird, trifft Jekyll erstmals in der „Roten Ratte“ und sucht sie nach seiner Verwandlung in Hyde erneut auf, um seinen animalischen Trieben nachzugehen. Finkler und Mendis interpretieren ihre jeweiligen Rollen stimmig und meistern auch die anspruchsvollen und umfangreichen Gesangspartien souverän.
Auch den weiteren kleineren Rollen im Stück, etwa Jasmin Westrich als Nellie, gelingt es, ihren Auftritten Präsenz zu verleihen und unterscheidbar zu bleiben, was den Besuch des Stücks insgesamt gelungen abrundet.
Text: Nathalie Kroj

