Mehr als ein Coming-out: Rose Vandreys Weg auf die Musicalbühne
In einer Hotellobby in Hamburg sitzt eine junge Frau, die schon jetzt wirkt, als hätte sie mehrere Leben gelebt. Rose Vandrey ist 23, Musicaldarstellerin, frischgebackene Absolventin der Stage School Hamburg. Auf der Bühne des First Stage Theaters stand sie bereits in Produktionen wie „Rent“, „Kein Pardon“ und „Fame“. Wer ihr zuhört, merkt schnell: Ihre Geschichte ist keine von lauten Brüchen. Es ist eine Geschichte von Mut – und von einem erstaunlichen Maß an Selbstreflexion.
„Ich wusste nur: Irgendwas stimmt nicht.“
Mit zwölf, dreizehn Jahren beginnt bei Rose, die als Junge auf die Welt kam, ein diffuses Gefühl. Die Pubertät setzt ein, der Körper verändert sich – und mit der Veränderung kommt das Unwohlsein. „Natürlich fühlen sich viele Teenager fremd im eigenen Körper“, sagt sie. „Aber bei mir war es anders. Tiefer. Ich wusste nur: Irgendwas stimmt nicht.“
Der entscheidende Moment kommt zufällig über Youtube. Eine Dokumentation über eine trans* Person. Zunächst lehnt sie den Gedanken ab. „Ich dachte: Nein. Das bin ich nicht.“ Doch Monate später sieht sie erneut eine Doku – diesmal über ein junges trans* Mädchen. Und plötzlich erkennt sie sich in jeder beschriebenen Situation wieder. „Das war kein schöner Moment“, erinnert sie sich. „Weil ich wusste: Wenn das stimmt, wird mein Leben nicht leichter.“ Und doch war da etwas, das schon immer klar war: Wenn sie sich als Kind eine erwachsene Version ihrer selbst vorstellte, war sie eine Frau. „Da gab es keine Diskussion.“
Ein Jahr lang ringt sie still mit sich selbst, bevor sie sich ihrer Mutter anvertraut. Deren Reaktion ist geprägt von Sorge – nicht vor einer Identität, sondern vor der Härte der Welt. Ein Satz bleibt Rose bis heute im Gedächtnis: Ihre Mutter habe Angst, „dass ihr Sohn freiwillig in dieser Gesellschaft als Frau leben möchte“. Damals versteht sie das nicht. Heute schon.
Eltern als Fundament
Was Rose hatte, hatten andere in ihrer Situation nicht: kompromisslose Unterstützung. Ihre Eltern ließen sie sich ausprobieren, ohne Druck, ohne Verurteilung. „Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich mit irgendetwas nicht zu ihnen kommen könnte.“
Als sie sich outet, reagieren sie sofort. Arzttermine, Psychotherapie, Endokrinologe. Innerhalb weniger Wochen sitzt sie im ersten therapeutischen Gespräch, bald darauf werden mit entsprechenden Gutachten Pubertätsblocker eingeleitet – Zeit zum Nachdenken, ohne dass der Körper unumkehrbare Schritte geht. „Ohne meine Eltern wäre ich nicht hier“, sagt Rose ruhig.

Ihr neuer Name sollte eine Brücke sein, kein radikaler Schnitt. Sie wollte ihren Geburtsnamen nicht komplett ablegen, sondern etwas daraus entwickeln. „Rose schwirrte schon immer in meinem Kopf herum“, erzählt sie. Vielleicht aus einer tieferen Quelle. Als die Entscheidung anstand, war sie plötzlich glasklar. Einfach nur Rose. Vier Buchstaben. Kein Doppelnamen, kein Kompromiss. Seitdem begegnet ihr der Name überall – in Filmen, Serien, Büchern. Fast so, als habe er immer auf sie gewartet.
„Ich fühle mich einfach wohl.“
Nach geschlechtsangleichender Operation und Hormontherapie verändert sich ihr Verhältnis zum eigenen Körper grundlegend. „Früher habe ich ständig darüber nachgedacht, wie ich mich verstecken kann.“ Heute sei der größte Luxus, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen. Kein permanentes Kalkulieren, kein Angstgedanke, „enttarnt“ zu werden. „Ich fühle mich einfach wohl“, sagt sie. Und wünscht dieses Gefühl jedem Menschen.
Der Weg dorthin war allerdings kein leichter. Zwei unabhängige psychologische Gutachten für die Hormontherapie. Weitere Gutachten und ein gerichtlich angeordneter psychiatrischer Termin für die Namens- und Personenstandsänderung. Gespräche mit Krankenkassen. Anträge für Operationen.
„Es ist unfassbar zeitaufwändig“, sagt sie. „Aber es hat mir auch Zeit gegeben, mir immer wieder dieselbe Frage zu stellen: Bin ich mir sicher?“ Heute sieht sie diese Phase auch als Reifeprozess. Als Teenager allein zu Terminen zu fahren, Verantwortung zu übernehmen, sich durch Anträge zu kämpfen – das habe sie wachsen lassen.
Ausbildung zwischen Ekstase und Erschöpfung
Der Schritt nach Hamburg an die Stage School ist ein Neubeginn. Neue Stadt, neue Menschen, neue Anforderungen. Gleich im ersten Semester erlebt sie eine Krise: Durch Stress und organisatorische Versäumnisse wird ihre Hormontherapie vorübergehend unterbrochen. Die Folgen sind heftig: depressive Phasen, Haarausfall, Gewichtsverlust.

„Ich hatte völlig unterschätzt, wie sensibel mein Körper reagiert“, berichtet Rose. Eine prägende Erfahrung – und eine schmerzhafte Erinnerung, dass Transition kein abgeschlossener Akt ist, sondern ein fortlaufender Prozess.
Auch die Ausbildung selbst fordert sie heraus. Musical bedeutet: Tanz, Gesang, Schauspiel. Das ist körperliche und emotionale Nacktheit im Minutentakt. Besonders der Umgangston im Tanzunterricht kann hart sein. „Man sagt, das bereitet uns auf die Branche vor“, erzählt sie. Und ja, ein gewisser Realismus sei wichtig. Aber: „Dozenten sollten sich bewusst sein, wie sehr ihre Worte junge Menschen prägen.“ Sie formuliert es ohne Bitterkeit. Kritik, sagt sie, dürfe sein – aber respektvoll.
Zwischen Tragik und Komik
Im Musical „Rent“ erlebt sie die Wucht kollektiver Emotion. Die erste Probe der Beerdigungsszene ist ihr noch gut in Erinnerung: Ein Raum voller Menschen, die gemeinsam in die Tragik eintauchen. „Dieses kollektive Gefühl, das verbindet.“ Gleichzeitig genießt sie in „Kein Pardon“ die Leichtigkeit der Komödie. Mehrere Shows an einem Wochenende seien mit Humor schlicht besser zu bewältigen als mit permanenter Todestragik. „Aber beides macht unglaublich Spaß“, sagt Rose. Das Lachen wie das Weinen.
Im Musical „Fame“ übernimmt Rose Vandrey mit Iris Kelly eine größere Rolle. Auf den ersten Blick: ehrgeizige Tänzerin, Love Interest. Auf den zweiten Blick: viel mehr. Ein einziger Hinweis im Skript – Iris‘ Lieblingsbuch ist „To kill a Mockingbird“ – wird für die Darstellerin zum Schlüssel. Sie liest den Roman und entwickelt daraus eine sensible, moralisch wache, unsichere junge Frau.
Auch tänzerisch fordert die Rolle sie heraus. Rose kommt ursprünglich aus dem Commercial Jazz, nicht aus dem klassischen Ballett. Jede Vorstellung beginnt mit einem stillen Mantra hinter der Bühne: Du schaffst das. Sie schafft es.

Konkurrenz, Realität und Traumrollen
Der Konkurrenzdruck? Spürbar. Spätestens wenn es um Schulshows, Vorsingen oder erste Engagements geht. „Man schreibt so viele Bewerbungen und bekommt so viele Absagen“, sagt sie nüchtern. Die Zahl der Absolvierenden sei hoch, die Zahl der Rollen begrenzt. Und doch: Sie ist dankbar für Kontakte, für Chancen, für Begegnungen mit Regisseuren, die sie ohne die Ausbildung vielleicht nie getroffen hätte.
Ihre Wunschliste ist lang. Ganz oben: Angel aus „Rent“. „Ich habe damals nur auf die klassischen Frauenrollen geschaut“, sagt die Wahl-Hamburgerin. Heute denkt sie anders. Angel – warmherzig, lebensbejahend, tragisch – könne ebenso gut als trans* Frau gelesen werden, die ihre Weiblichkeit auf eigene Weise lebt.
Außerdem träumt Rose Vandrey von Eliza Doolittle aus „My Fair Lady“, jenem Stück, das sie als Kind erstmals mit Musical in Berührung brachte. Und von Glinda aus „Wicked“, dieser schamlos strahlenden Figur, die sie an ihr eigenes sonniges, lautes Kinder-Ich erinnert. „Ich habe etwas für lebensbejahende Rollen übrig“, sagt sie und lacht.
Sichtbarkeit und Grenze
Dass sie öffentlich über ihre Geschichte spricht, ist eine bewusste Entscheidung. Negative Erfahrungen habe sie bislang kaum gemacht. Nur manche Fragen, die man ihr früher – etwa zu Dating oder Sexualität – gestellt hat, erscheinen ihr rückblickend unangemessen. „Meine Identität als trans* Frau hat nichts mit meiner Sexualität zu tun.“
Die Grenze zwischen Aufklärung und Privatsphäre? Die definiert sie situativ. Vielleicht, weil sie inzwischen genau weiß, wer sie ist. Am Ende des Gesprächs wirkt Rose Vandrey nicht wie jemand, der angekommen ist. Sondern wie jemand, der gelernt hat, unterwegs zu sein. Mit Klarheit. Mit Selbstironie. Mit einer erstaunlichen Milde gegenüber der Welt.
Text: Dominik Lapp

